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Anschlag von Hanau: Klare Aussagen zur verschlossenen Fluchttür

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Von: Gregor Haschnik, Yağmur Ekim Çay

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Hanau-Untersuchungsauschuss
Eine Akte mit der Aufschrift „Hanau-Untersuchungsausschuss“ liegt im Plenum des Landtags. © Boris Roessler/dpa/Archivbild

Im Untersuchungsausschuss zum Anschlag von Hanau sind Polizeibeamte zur Notausgangstür in der Arena-Bar befragt worden und haben eindeutige Angaben gemacht.

Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau haben zwei Polizist:innen, die am zweiten Tatort waren, ausgesagt, dass sie versuchten, den Notausgang zu öffnen und dieser verschlossen war. Ein weiterer Polizist berichtete, sie hätten lediglich eine „Inaugenscheinnahme“ durchgeführt und seien davon ausgegangen, dass später eine detaillierte Tatortuntersuchung erfolgt – was allerdings nie geschehen ist, trotz zweier Morde und mehrerer versuchter Morde.

Bei dem Anschlag am 19. Februar 2020 wurden neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet, zwei davon in der Arena-Bar im Stadtteil Kesselstadt. Zudem wurden dort mehrere Männer durch Schüsse schwer verletzt, zum Teil lebensgefährlich. Nachdem der Attentäter die Bar betreten hatte, rannten die Gäste nicht zur Fluchttür, sondern suchten Schutz hinter einer Säule, weil nach Angaben vieler Zeug:innen bekannt war, dass der Notausgang immer verschlossen war. Es habe vermutlich Absprachen mit der Polizei gegeben, damit Bargäste bei Razzien nicht flüchten können – was Polizei und Betreiber zurückweisen. 2021 stellte die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein, weil sie keinen hinreichenden Tatverdacht sah.

Ausschuss zum Anschlag in Hanau: Tür wurde am nächsten Tag von außen versiegelt

Eine Kriminalhauptkommissarin, die am 20. Februar mit einer Kollegin den Tatort sichern sollte, sagte am Montag in Wiesbaden aus, sie habe die Notausgangstür kontrolliert – und festgestellt, dass die Tür verschlossen war. Deshalb sei sie später auch erleichtert gewesen, als ein Vorgesetzter sie angerufen und moniert habe, dass der Notausgang nicht versiegelt worden sei. Ansonsten hätte sie sich Sorgen gemacht, dass jemand hätte hineingehen können, so die erfahrene Polizistin, die sonst mit Sexualdelikten befasst ist. 

Am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau Kesselstadt wurden am 19. Februar 2020 Menschen ermordet.
Am Kurt-Schumacher-Platz in Hanau Kesselstadt wurden am 19. Februar 2020 Menschen ermordet. © epd

Nach der Aufforderung des Leiters des K 11, das für Tötungsdelikte zuständig ist, sei sie mit einem Kollegen erneut zur Arena-Bar gefahren und habe „die Tür lokalisiert und das Siegel angebracht“, von außen. Das geschah am 21. Februar.

Am 20. Februar – an dem sie den ganzen Tag lang in der Arena-Bar gewesen sei – habe sie zwar nicht an der Tür gerüttelt, aber „normal die Klinke gedrückt“ und versucht, sie zu öffnen – vergeblich. Sie habe dies so getan, wie man eben überprüfe, ob eine Tür geschlossen ist oder nicht. Ob die Tür geklemmt habe, könne sie nicht einschätzen. In jedem Fall habe sich der Notausgang nicht öffnen lassen.

Anschlag in Hanau: FR Recherchen zeigen, dass die Tür nicht klemmte

Nach Recherchen der Frankfurter Rundschau ist es sehr unwahrscheinlich, dass die Tür klemmte. Laut dem Barbetreiber kann die Tür anfänglich klemmen, wenn man sie längere Zeit nicht geöffnet hat. Doch am 19. Februar und davor wurde der Notausgang von Mitarbeitenden regelmäßig geöffnet, um den Müll hinauszubringen, was die Staatsanwaltschaft offensichtlich nicht bedacht hat. Darüber hinaus deckte die FR auf, dass eine Reihe wichtiger Zeug:innen nicht befragt und frühe Hinweise von Opfern auf einen verschlossenen Notausgang bei Vernehmungen ignoriert wurden.

Daran, welche Konsequenzen die versperrte Tür während des Anschlags gehabt haben könnte, habe sie nicht gedacht, so die Polizistin. Ihre Aufgabe sei es gewesen, den Tatort zu sichern und die Bar später zu verschließen

.Zunächst habe sie nicht gewusst, dass es sich um die Fluchttür handelte. An den Bereich der Bar, in dem sich der Notausgang befindet, erinnere sie sich jedoch gut, denn es sei der einzige Ort mit einer Sitzmöglichkeit gewesen, an dem man sich auch etwas wärmen konnte.

Der zweite Zeuge, ein Kriminalkommissar, ist nach eigenen Angaben in der Tatnacht gegen 23 Uhr vom Leiter seiner Abteilung informiert worden und erst gegen 2.30 Uhr am Tatort angekommen. Die Situation in der Bar sei sehr unübersichtlich gewesen, mit verschiedenen Organisationseinheiten aus Offenbach und Hanau sowie der Schutzpolizei.

Polizisten in Hanau: Notausgang nicht als solchen erkannt

Er habe die Tatortaufnahme gemacht, die zugänglichen Orte fotografiert und skizziert. Auch die Türen im hinteren Bereich der Bar habe er geprüft und festgestellt, dass sie nicht geöffnet waren. „Wir haben zwei weitere Türen eingezeichnet und überprüft, ob sie verschlossen sind oder nicht“, sagte er. Er habe den Notausgang an diesem Abend nicht als Fluchttür erkannt und dies auch in seinem Bericht geschrieben.

Hanau 23.02.2022
Im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Anschlag von Hanau haben zwei Polizist:innen, die am zweiten Tatort waren, ausgesagt, dass sie versuchten, den Notausgang zu öffnen und dieser verschlossen war.. © Michael Schick

Über den Attentäter habe er wohl erst später, wahrscheinlich im Radio, gehört, dass er tot sei. Von seiner Kommunikationsstelle habe er über den Täter nichts mitbekommen. Gegen 5 Uhr habe er die Bar verlassen und zuvor noch geklärt, dass er und sein Kollege den vorläufigen Bericht schreiben würden. Der Kriminalkommissar zeigte sich überrascht, dass es danach keinen ausführlichen Tatortbericht gab. An jenem Abend hätten er und sein Kollege nur einen kurzen Bericht verfasst, wie vor Ort vereinbart worden sei, in der Annahme, dass am nächsten Tag eine ausführliche Untersuchung mit 3D-Aufnahmen gemacht würde.

Sein Kollege, ein Kriminalhauptkommissar, der mittlerweile im Ruhestand ist, bestätigte diese Angaben: Sie seien davon ausgegangen, dass später eine detaillierte Tatortbefundaufnahme durchgeführt würde und ihre Aufgabe lediglich eine Inaugenscheinnahme gewesen sei.

Am 26. September wird sich der Ausschuss erneut mit dem Notausgang in der Arena-Bar befassen.

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