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Ab Montag gibt es in Offenbacher Kitas nur Notbetreuung.
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Ab Montag gibt es in Offenbacher Kitas nur Notbetreuung.

oiCorona-Pandemie

Kitaschließungen:„Die Sozialkompetenzen verschwinden“

  • Timur Tinç
    VonTimur Tinç
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Die Offenbacher Psychologin Vera Heselhaus über die Auswirkungen von Kitaschließungen für die Familien.

Frau Heselhaus, ab Montag gibt es ein Betretungsverbot für Kitas in Offenbach und nur noch eine Notbetreuung. Wie bewerten Sie das aus Sicht einer Kinder- und Jugendpsychologin?

Mich hat das sehr wütend gemacht. Gerade in einer Stadt wie Offenbach, wo wir viele Kinder haben, die die Kita einfach brauchen. Zum einen für den Zweitspracherwerb. Die Eltern sollen ja richtigerweise daheim ihre Muttersprache sprechen. Aber beim letzten Mal, als die Kinder ganz lange zu Hause waren, haben viele nicht mehr so gut Deutsch gesprochen. Zum anderen hat das auch psychologische Folgen für die gesamte Familie.

Die Stadt argumentiert, dass die britische Mutationsvariante auch unter Kindern sehr viel ansteckender sei. Können Sie das nachvollziehen?

Wenn es denn so wäre, dann müsste man sicherstellen, dass man die Kinder infektionsschutzsicher in den Kindergarten geben kann. Nach zwölf Monaten Pandemie muss man Strukturen geschaffen haben, damit Kinder ihr Grundrecht trotzdem wahrnehmen können. Im Erwachsenenbereich gibt es nur die Ausgangssperre und Ansteckungen im Haushalt oder in der Arbeitswelt finden weitaus häufiger statt als im Schul- und Kitabetrieb.

Wie reagieren die Kinder auf solche Maßnahmen?

Man sagt ja immer, dass die Kinder sich anpassen. Das finde ich bedenklich, da Kinder zu Kooperation neigen, aber nach einer Weile verhaltensauffällig, aggressiver werden. Die Eltern bekommen Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen, weil der Alltag nicht mehr zuverlässig ist. Wir haben trennungsängstliche Kinder, bei denen der Kitabesuch sowieso immer schwierig war, die dann wirklich sehr isoliert sind. Was vielfach aus Kitas berichtet wird, ist, dass die Kinder Schwierigkeiten nicht mehr ohne Erwachsene lösen. Die ganzen Sozialkompetenzen verschwinden nach und nach.

Was bedeutet es für Kinder und Eltern, wenn sie jetzt wieder mindestens drei Wochen zu Hause sein müssen?

Das hat ganz konkrete Auswirkungen auf das Sozialgefüge der Familien. Neben den Auswirkungen auf die Kinder direkt steigt die Belastung im familiären System und damit die Gefahr für Gewalt gegen die Kinder durch ihre Schutzbefohlenen. Es fehlen sämtliche private Netzwerke oder Vereine. Bei den älteren Kindern merken wir, dass Probleme, die wir später erwarten würden, schon viel früher kommen. Wir haben viele Zehn- bis Zwölfjährige mit Suizidgedanken, was sehr ungewöhnlich ist. Das passiert bei Kindern, die die Klasse gewechselt haben und nicht in die Klassenstruktur reingekommen sind, weil Schule ganz anders ist.

Was muss geschehen, um dem entgegenzuwirken?

Der Kreis Offenbach hat eine Taskforce im Jugendamt eingerichtet. Das finde ich sehr vorbildhaft. Wir haben aber auch mit Eltern zu tun, die bei anderen Jugendämtern vor einem halben Jahr Hilfen beantragt haben, aber sie nicht bekommen, weil die Ämter keine Menschen mehr haben, die sie in die Familien schicken können. Oder sie können nur Videotermine anbieten, was im Bereich Kinderschutz und Jugendamtsarbeit einfach unzureichend ist. In Präsenz und bei Hausbesuchen kann viel besser eingeschätzt werden, was diese Familie braucht, was sie selbst oft gar nicht benennen kann. Das ganze Netz, auf das man vorher zugreifen konnte, bricht gerade völlig weg. Die Kitaschließung kommt da nochmal on top.

Einen Termin bei einem Psychologen zu bekommen, ist derzeit ja besonders schwer.

Die niedergelassenen Kollegen haben volle Wartelisten und können kaum noch neue Patienten annehmen. Dies haben auch kürzlich Umfragen unter den Therapeuten ergeben. Sie berichten von 60 Prozent mehr Anfragen im Vergleich zu den Vorjahren.

Es heißt ja, dass Kitas die Kinder betreuen sollen, bei denen der Bedarf gesehen wird. Wie kann das in Zeiten der Pandemie eingeschätzt werden?

Ich hab’ beides erlebt. Ich habe Kitas und Schulen erlebt, die da ganz hervorragend gehandelt haben und die Kinder frühzeitig zurückgeholt haben, wo sie den Bedarf sehen. Durch die Pandemie haben viele Kitas zu den Eltern gar keine richtige Beziehung mehr. Die freiwillige Notbetreuung hat dazu geführt, dass Eltern ihre Kinder rausziehen, weil sie kooperativ sein wollen. Die Kinder sind vom Radar verschwunden. So wird vieles gar nicht mehr erkannt. Kinderschutzbünde und Gewaltambulanzen berichten, dass sie eher beunruhigt darüber sind, dass sie derzeit so wenige Meldungen bekommen.

Interview: Timur Tinç

Die Offenbacher Psychologin Vera Heselhaus.

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