1. Startseite
  2. Rhein-Main

„Kinder wollen sich mit anderen zusammen bewegen“

Erstellt:

Von: Timur Tinç

Kommentare

Kinder, wie hier beim TV Eschersheim, brauchen die gemeinsame Bewegung.
Kinder, wie hier beim TV Eschersheim, brauchen die gemeinsame Bewegung. © Renate Hoyer

Juliane Kuhlmann, Vorsitzende der Sportjugend Hessen, über Sport in der Pandemie und Folgewirkungen von Corona

Immer mehr Kinder und Jugendliche werden positiv auf Corona getestet. Was bedeutet das für ihre sportlichen Aktivitäten?

Das dynamische Infektionsgeschehen schlägt sich auch in einer hohen Zahl von Quarantäneverdachts- und Infektionsfällen nieder, die wir im Vereinsgeschehen beobachten. Das bedeutet, dass viele Kinder, Trainer und Ehrenamtliche fehlen, die das Vereinsleben aufrechterhalten. Da ist eine Organisation von Training und Wettkampf oftmals schwierig. Das gilt auch für alle anderen Aktivitäten im Bereich der Jugendarbeit und Jugendbildung.

Läuft es vielleicht sogar darauf hinaus, dass die Spielzeiten unterbrochen oder abgebrochen werden müssen?

Ich hoffe, dass es nicht so weit kommt. Aber wenn kein Spielbetrieb möglich ist, weil zu viele Spielerinnen und Spieler gleichzeitig krank sind, dann kann das im schlimmsten Fall wieder drohen. Wir hoffen, dass Sport trotzdem möglich bleibt und nicht von oben unterbunden wird wie im ersten Lockdown. Es gibt immer noch Gesunde, die sich bewegen wollen. Wir leben jetzt zwei Jahre mit der Pandemie und haben gesehen, welche Auswirkungen es auf Kinder und Jugendliche, aber natürlich auch Erwachsene hat, keinen Sport treiben zu können beziehungsweise zu dürfen.

Was für Defizite in der Entwicklung von Kindern bekommen Sie von Vereinen sowie Trainerinnen und Trainer gespiegelt?

Die Übungsleiterinnen und Übungsleiter berichten in aller erster Linie, dass die Kinder ein unglaublich großes Interesse haben, Sport zu treiben und dass sie die Gemeinschaft im Verein suchen. Wir sehen aber auch, dass erhebliche motorische Defizite da sind. Vor allem bei den jüngeren Kindern.

Was noch?

Leider nehmen auch Gewichtsprobleme bei den Kindern zu. Es gibt Studien, die belegen, wie intensiv der Medienkonsum angestiegen ist und wie viel Zeit die Kinder im Sitzen verbringen. Drittens zeigen sich Probleme im Teamverhalten. Kinder und Jugendliche tun sich schwerer, sich in einer Gruppe zurechtzufinden.

Zur person

Juliane Kuhlmann ist Vorsitzende der Sportjugend Hessen und Vizepräsidentin Kinder- und Jugendsport des Landessportbunds Hessen (Lsbh). Die Mutter zweier Söhne kandidiert in diesem Jahr für die Nachfolge von Lsbh-Präsident Rolf Müller. Foto:LSBH

Wie sieht es mit der psychologischen Ebene aus?

Es gibt Studien, die dramatische Ergebnisse aufzeigt haben. Vielen Kindern geht es gar nicht gut, weil sie sich zwei Jahre vereinsamt zu Hause aufhalten und ihre Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden oder sie diesen nicht nachkommen können. Den Entscheidungsträgern geht es oftmals vor allem darum, dass Kinder und Jugendliche in die Schule gehen und dort nicht zu große Defizite auflaufen oder eine Betreuung in der Kita sichergestellt ist. Vielmehr sollten sie sich fragen, was unsere Kinder und Jugendlichen jetzt für Bedürfnisse haben und wie wir diese stillen können.

Was brauchen die Kinder?

Sie wollen endlich wieder unbeschwert mit anderen zusammen sein, sich bewegen, Spaß haben. Sport in der Gemeinschaft mit Freunden im Verein hat hier einen besonders hohen Stellenwert! Dass vieles davon nicht voll umfänglich möglich ist, wirkt sich negativ auf deren psychosoziale Entwicklung aus.

Gibt es schon Studien oder Berichte aus Vereinen, ob auch die Jüngsten von Long-Covid-Problemen betroffen sind und so kein Sport mehr treiben können?

Wir haben im Moment darüber keine belastbaren Daten, aber wir vermuten, dass auch Kinder davon betroffen sein werden. Deshalb empfehlen wir, dass Kinder, die an Corona erkrankt waren, sich ärztlich durchchecken lassen sollten, bevor sie in den Sport zurückkehren. Damit sollen Herzmuskelentzündungen oder andere Folgeerkrankungen von Covid-19 ausgeschlossen werden.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie bislang auf Nachwuchssportler:innen, die in den Leistungssport gehen wollen oder wollten?

Momentan ist das zwar noch nicht absehbar, aber wir werden die Auswirkungen der Pandemie im Nachwuchsleistungssport in zwei bis drei Jahren sehen. Auch hier fällt es zurzeit schwer, Talentgruppen und Wettkampfvorbereitung zu organisieren, und wir haben leider 2020 viele Kinder in den Vereinen verloren. Das wird sich auch im Nachwuchsleistungssport negativ bemerkbar machen. Für das abgelaufene Jahr hoffen wir auf eine Stabilisierung der Mitgliederzahlen.

Interview: Timur Tinç

Juliane Kuhlmann. Lsbh
Juliane Kuhlmann. Lsbh © wmp-wizard-media Fotografie-Schepp

Auch interessant

Kommentare