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Im Prozess gegen einen 39-Jährigen, der seine Ex-Frau mit 56 Messerstichen getötet haben soll, hat am Montag eine Tochter des Opfers ausgesagt.
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Im Prozess gegen einen 39-Jährigen, der seine Ex-Frau mit 56 Messerstichen getötet haben soll, hat am Montag eine Tochter des Opfers ausgesagt.

Prozess in Wiesbaden

Kinder schildern Martyrium

Sexueller Missbrauch, Schläge und Essensentzug - die Töchter der erstochenen Nurdan E. liefern im Prozess gegen ihren Stiefvater ein erschütterndes Bild des Familienlebens. Von Sonja Jordans

Von Sonja Jordans

Es muss ein Martyrium gewesen sein, das die beiden Töchter der getöteten Nurdan E. durchlebt haben. Im Totschlagsprozess gegen ihren ehemaligen Stiefvater Hasan E. (39) haben die elf und 13 Jahre alten Mädchen am Montag vor dem Landgericht Wiesbaden ausgesagt. Hasan E. soll im September des vergangenen Jahres seine Ex-Frau Nurdan E. (31) - die Mutter der Mädchen - mit 56 Messerstichen getötet haben. Die Kinder fanden ihre Mutter in einer Blutlache liegend.

Sexueller Missbrauch, Schläge und Essensentzug haben laut Aussage der aus der Türkei angereisten Mädchen den Alltag in der Familie E. bestimmt. "Er hat meine Mutter ganz schlimm geschlagen, ihr Mund hat geblutet und sie war ganz blau", sagt die jüngere Tochter Damla aus. Die Mädchen sind der Kammer per Videokonferenz aus einem Nebenraum zugeschaltet, um ihnen das Zusammentreffen mit dem Angeklagten zu ersparen. Relativ gefasst, teils auf Deutsch, teils auf Türkisch, berichtet Damla Details, die mitunter schwer zu ertragen sind. Schläge habe es oft und grundlos gegeben. Hätte etwa den Mädchen das Essen nicht geschmeckt, habe Hasan E. sie mit dem Kopf in den Teller gedrückt. Ein anderes Mal habe er den Mädchen zwei Tage lang nichts zu essen und zu trinken gegeben. "Wir haben Wasser in der Toilette geholt", sagt Damla.

Doch nicht nur zu seelischen Misshandlungen soll es gekommen sein, wie an diesem vierten Prozesstag herauskommt: Beide Kinder berichten, dass der Angeklagte sie zum Oralsex gezwungen habe. Die elf Jahre alte Damla schämt sich, darüber zu sprechen. Sie schreibt ihre Aussage auf und lässt sie von ihrer Dolmetscherin vorlesen: "Es ist ziemlich oft passiert, und wir mussten deswegen würgen und uns übergeben." Die Mädchen hätten sich ihrer Mutter aus Angst vor dem Angeklagten nicht anvertraut. "Er hat uns gedroht", sagt auch die 13jährige Seyda.. Ihre Mutter habe den Angeklagten nicht geliebt, betonen die Mädchen übereinstimmend. Dennoch habe der Angeklagte am Geburtstag der Mutter im Juni 2009 in deren Wohnung übernachtet.

Mehr als zwei Stunden dauert allein die Aussage der elfjährigen Damla. In dieser Zeit schwinden beim Angeklagten die Überheblichkeit und Lockerheit, die er während der vergangenen Prozesstage gezeigt hat. Hasan E. ist blass, nervös spielt er mit einem Kugelschreiber. Die Schwester der getöteten Nurdan E. sitzt dem Angeklagten im Gerichtssaal gegenüber, sucht immer wieder Blickkontakt mit ihm und schüttelt fassungslos den Kopf - besonders, als die Mädchen vom Tattag erzählen. Sie seien von der Schule nach Hause gekommen, doch niemand habe geöffnet, der Haustürschlüssel von innen auf der Tür gesteckt. Nachdem die Tür von einem Nachbarn per Kreditkarte geöffnet worden war, habe Damla ihre Mutter tot im Kinderzimmer aufgefunden. Ihre ältere Schwester sowie der Nachbar seien dabei gewesen. Der Mann habe Damla gebeten, eine Decke zu holen, um die entblößte Leiche der Mutter zu bedecken.

Der Angeklagte schweigt weiterhin zu den Tatvorwürfen. Die Verteidiger wollen dennoch einen Freispruch für ihren Mandanten erreichen, wie sie auf Nachfrage erneut betonen. Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft einen Antrag gestellt, Hasan E. wegen Mordes zu belangen. Angeklagt ist er wegen Totschlags. Jedoch seien Mordmerkmale aus ihrer Sicht erfüllt.

Der Prozess wird am Dienstag, 15. Juni, fortgesetzt.

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