+
Khaled Al Hammour vor seinem früheren Heim im Niederstedter Weg.

Bad Homburg

Khaled Al Hammours Weg in ein neues Leben

  • schließen

Der 28-jährige Syrer kam nach der Flucht aus seiner Heimat 2015 in Bad Homburg an. In der Kurstadt fühlt er sich inzwischen zu Hause – und hat schon einen Job gefunden.

Vor fünf Jahren, in der sogenannten Flüchtlingskrise, hieß es, es werde Jahre dauern, bis die Geflüchteten am Arbeitsmarkt Fuß fassen würden. Die Menschen müssten erst Deutsch lernen, nur wenige hätten eine Ausbildung, viele kämen ohne Papiere. In Bad Homburg lebt ein 28-Jähriger, der als Beispiel für eine gelungene Integration stehen könnte. „Ich bin hier zu Hause“, sagt Khaled Al Hammour in fehlerfreiem Deutsch.

Dabei war der gebürtige Syrer in seinem ersten Jahr in der Kurstadt wie alle Flüchtlinge aus bürokratischen Gründen zum Müßiggang gezwungen. „2016 gingen die Verfahren nur sehr langsam vorwärts“, erzählt er. Er habe keinen Sprachkurs besuchen dürfen, fing aber gleich an, sich die Sprache über das Internet selbst beizubringen. Unterstützung erhielt er von einer Frau, die mit ihm Deutsch paukte.

Heute macht Al Hammour eine Ausbildung zum Kaufmann für Büromanagement bei Fresenius. „Ein tolles Unternehmen“, sagt er. Zuvor hatte er bei dem Homburger Dax-Konzern Praktika in der Werkstatt und im Büro absolviert und entschieden, dass eher Letzteres etwas für ihn ist. In Syrien habe er schon eine Ausbildung zum Buchhalter gemacht und per Fernstudium Jura belegt. „Wer Motivation hat, kann alles lernen“, ist er überzeugt.

GEFLÜCHTETE UND IHRE UNTERBRINGUNG

Sechs Geflüchtetewerden dem Hochtaunuskreis jede Woche zugewiesen. Als der Bürgerkrieg in Syrien vor einigen Jahren immer mehr Menschen nach Europa fliehen ließ, waren es noch 20 pro Woche, in absoluten Zahlen aber rund die Hälfte der heutigen:

Etwa 4500 Flüchtlingebringt der Kreis derzeit in seinen Liegenschaften unter. Es sind Asylbewerber, aber auch Menschen, die bereits anerkannt sind und eigentlich aus ihrer Unterkunft ausziehen müssten, aber am angespannten und teuren Wohnungsmarkt keine Bleibe finden. Nach derzeitiger Quotenaufteilung des Landes Hessen rechnet der Kreis mit einem Zugang von 520 weiteren Personen in diesem Jahr. Diese weist der Kreis kontinuierlich den Kommunen zu.

In den Bad Homburger Unterkünftenfür Geflüchtete sind „alle Betten belegt“, so Rathaus-Sprecher Marc Kolbe. Die Stadt befinde sich damit an der Grenze der Auslastung, was die Flüchtlingsunterbringung betreffe.
Das Hochhaus an der Taunusstraße, in dem früher die Klinikverwaltung saß, hat die Stadt für eineinhalb Million Euro zur Flüchtlingsunterkunft umgebaut. Hier lebten zum Jahreswechsel 130 Personen, im ehemaligen Schwesternhaus am Hessenring ebenfalls (wegen eines Brandes ist nur noch eines der beiden Gebäude in Benutzung). Im Porticus (Ober-Eschbach) wohnen 80 Geflüchtete sowie in der Frankfurter Landstraße 15. „Sobald ein Platz frei wird, melden wir das dem Kreis“, sagt Kolbe.

Seine Fluchtgeschichte dürfte typisch für viele sein, die wegen des Bürgerkriegs Syrien verlassen mussten: Im Boot fuhr er zunächst vom Libanon in die Türkei und von Izmir noch einmal im überfüllten Schlauchboot übers Mittelmeer nach Griechenland. Über den Balkan gelangte er mit Zug oder Bus nach Österreich. „Dort bin ich gleich zur Polizei.“

Im November 2015 kam er in Bad Homburg an und wurde der kreiseigenen Unterkunft im Niederstedter Weg zugewiesen. „Ich habe im Haus 3, Zimmer 22, gewohnt“, erzählt er. Der Trakt ist nach dem Flüchtlingsansturm eilig erbaut worden und unterscheidet sich von den benachbarten Bauten nur durch seine blaue Farbe. Jetzt lebt ein anderer darin. Der 28-Jährige hat eine Wohnung in Bad Homburg gefunden, die er sich mit seiner Freundin teilt. „Das ist Luxus“, sagt er zufrieden.

Seine Eltern und zwei seiner vier Schwestern leben noch in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Er hat sie seit seiner Flucht nicht gesehen, skypt aber mit ihnen. Das Leben dort sei „einigermaßen“ möglich – auch dieses schwierige Wort gehört zu seinem Wortschatz – alles sei teuer dort; Menschenwürde gebe es nicht. Er möchte nicht zurück, auch wenn einmal Frieden in Syrien ist. „Ich fühle mich hier wohl und habe hier mein Leben begonnen“, erklärt er.

Khaled Al Hammour sei ein leuchtendes Beispiel, aber keine Ausnahme, berichtet die Leiterin der Einrichtung – die Mitarbeiterinnen des DRK Hochtaunus, das die Unterkunft betreibt, wollen nicht mit Namen in der Zeitung stehen. „Viele Geflüchtete sind hier angekommen, auch mental.“ 121 Personen aus acht Nationen leben derzeit in der für 180 Menschen ausgerichteten Unterkunft, nach wie vor sei der Anteil der Afghanen hoch. Zuletzt seien auch wieder mehr Menschen aus Pakistan gekommen.

Mehr als 70 Prozent der Bewohner seien erwerbstätig, sagt die Leiterin. Gerade alleinreisende Frauen seien oft recht zielstrebig. Allerdings dürften Flüchtlinge erst drei Monate nach ihrer Ankunft arbeiten. Einen Sprachkurs zu finden, sei heute leicht – nicht zuletzt dank der Servicestelle Migration beim Kreis. Das Hauptthema der Menschen sei heute die schwierige Wohnungssuche.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare