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Die Apfelkelter-Saison hat begonnen: Karlheinz Burkard keltert anderthalb Säcke Äpfel zu Most.

Apfelernte

Des Apfels reine Seele

  • vonJürgen Streicher
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In vielen Lohnkeltereien in der Region läuft das Presswerk schon auf Hochtouren.

Das Beste, was ein Apfel werden kann? Apfelwein natürlich, da muss man Freunde des hessischen Nationalgetränks nicht lange fragen. Es ist angerichtet, in den kleinen Keltereien laufen die Presswerke schon auf Hochtouren. Der heiße, trockene Sommer lässt viele Äpfel früh purzeln. Jetzt geht es darum, aus dem Apfel das zu machen, was das Herz erfreut. Wenn er verflüssigt, golden schimmernd in Glasballons, zum Weine reift. Und in den Kellern der Produzenten das Gärröhrchen leise blubbert.

Keltern in der Region

In der Lohnkelterei Burkard in Oberursel wird die Kelter bis tief in den Oktober arbeiten. Termine müssen angemeldet werden. Telefon: 0 61 71/47 44, über mail@bauer-burkard.de oder im Hof, Oberhöchstadter Straße.

Beim Obst- und Gartenbauverein Mammolshain wird ebenfalls mit Anmeldung gearbeitet, Kontakt über www.ogv-mammolshain.de, Tel: 0 61 74/17 94. Gilt auch für die Keltergemeinschaft Michelbach im Hintertaunus, wenn eigene Äpfel gebracht werden. Telefon: 01 57 72 88 79 51 oder 01 75 98 91 75, www.keltergemeinschaft.de

In Kelkheim bietet „Schäfer Jakobs Apfelland“ Pressdienste an. Bei eigenen Äpfeln kostet das „Versüßen“ 8,80 Euro pro Zentner, Äpfel können auch gegen fertigen Wein oder Edelbrand getauscht werden. www.zumtaunus.de, Telefon: 0 61 95/91 12 34.

Die „Apfelweinagentur“ Oberursel ist über www.apfelweinagentur.de oder Tel: 0 17 28 98 41 46 zu erreichen. Alles über die Interessengemeinschaft der Kirdorfer Apfelfreunde unter www.kirdorfer-feld.de

Der Regionalverband unterstützt 75 Kommunen beim Erhalt ihrer Streuobstwiesen. In einer Streuobstwiesen-Börse können Grundstücke zur Pflege mit Ernterecht nachgefragt und angeboten werden. Mehr über Streuobstwiesen, Apfelkultur, Keltereien und Brennereien auf der Homepage www.streuobst-frm.de jüs

Bei der Oberurseler Lohnkelterei Burkard im Hof neben der Wiese mit den schnatternden Gänsen bei der Christuskirche ist Handarbeit gefragt. Hier bringen die Kunden den Rohstoff selbst mit. Der Süße wird aus dem Material gepresst, das der Lieferant ankarrt. Eins zu eins, ein klares Geschäft. Ob Boskop oder Schafsnase, Trierer Weinapfel oder Kaiser Wilhelm, Oldenburger, Bohnapfel oder sonstwas, es kommt flüssig raus, was feststofflich reingegeben wird. Da weiß man, was man hat. Die Äpfel wirft der Kunde selbst ins Wasserbad, Handanlegen wird in der Lohnkelterei erwartet. Der Lohn ist absolute Frischware, der Lohn für die Kelterei sind 25 Cent pro Liter flüssiges Gold, das aus der Presse fließt.

Die Keltersaison beginnt diese Woche auch beim Obst- und Gartenbauverein Mammolshain (OGV). Kunden kommen aus dem Umkreis, aus Neuenhain, Bad Soden und anderen Orten auf die „Höhe“, die so schöne Äpfel produziert. Werner Plescher klingt nicht ganz so fröhlich wie sonst, der OGV-Vorsitzende beklagt fast 70 Prozent Ausfall bei der Ernte in diesem Jahr. Der dritte Sommer ohne Wasser bedeute „erhöhten Stress“ für die Bäume, auch späte Nachtfröste hätten viel zerstört. Bäume, die sonst fünf bis sechs Zentner Obst produzieren, sind heuer nahezu leer.

Zum Glück sind die alten Fässer noch nicht leer, zum Glück konnten Patenschaften in der Nachbarschaft übernommen werden, knapp sieben Hektar Streuobstwiesen mit rund 700 Bäumen, die gutes Obst tragen. Auch Mammolshain bietet Lohnkelterei. Süßer aus eigenen Äpfeln kostet 25 Cent pro Liter, wer ihn pasteurisieren lassen will, zahlt noch 30 Cent drauf für den fertigen Apfelsaft. „Aus Liebe zum Apfel“ hat Jockel Döringer seine „Apfelweinagentur“ gegründet. Auch der amtierende „Orscheler Apfelweinkönig“ bietet zusätzlich zu seinen Produkten „Saft aus eigenem Obst“, gepresst wird ab heute auf der kleinen Kelter im Oberurseler Altstadthof zu Füßen von Sankt Ursula.

In der Kurstadt Bad Homburg führt beim Apfelwein kein Weg an der Interessengemeinschaft Kirdorfer Feld (IKF) vorbei. Rund 65 Hektar, das wohl größte Streuobstgebiet im Vordertaunus, werden beackert, gepflegt, vor Verbuschung und Versteppung bewahrt. Eine Jahrhunderte alte Kulturlandschaft, die jetzt von über 300 IKF-Mitgliedern betreut wird und als Vorbild gilt bei umweltpädagogischen Aktivitäten. In guten Jahren werden schon mal bis zu 15 000 Liter Apfelwein produziert, 15 Jahre nach Vereinsgründung konnte eine eigene Kelterhalle in Betrieb genommen werden. Weil es im Stadtteil mit den meisten Obstbäumen keine Kelter mehr gab, wurde der Verein gegründet.

Dieses Jahr fällt die Ernte wohl nicht so gut aus, Patenschaften werden von den Kirdorfer Apfelweinfreunden dankend übernommen, heißt es in der Szene. „Ja, es ist schon ein merkwürdiges Jahr“, sinniert Heide Burkard von der Oberurseler Lohnkelterei. An der einen Stelle Äpfel im Überfluss, dass sich die Äste biegen, an anderen Orten nur ein paar Kilometer entfernt nichts. Die Obstgemeinde Kriftel im Main-Taunus-Kreis freut sich über ein super Apfeljahr, im Nachbarort Kelkheim tragen die Bäume indes Trauerflor. Aber irgendwie gleichen sich die Verluste an manchen Hotspots des Apfelweinkelterns in der Gesamtregion aus, „Stöffsche“ wird es auch in diesem Herbst immer irgendwo geben.

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