+
Doe Geschäftsführerin der Rettershof GmbH, Andrea Bokr, und Martin Stephan vom städtischen Bauamt im neuen Dachgeschoss der Rettershof-Stallungen. Renate Hoyer

Taunus

Kelkheim: Eine Million Euro für den Rettershof

  • schließen

Der Wiederaufbau der abgebrannten Stallungen auf dem Kelkheimer Hofgut soll im Frühjahr abgeschlossen sein.

Schon kurz nach dem verheerenden Brand auf dem Rettershof vor eineinhalb Jahren stand fest: Das denkmalgeschützte Stallgebäude des historischen Hofgutes im Taunus wird originalgetreu wieder aufgebaut. Für viele Menschen sei der Rettershof ein Stück Heimat, sagte Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW). Dass die Kosten für den Wiederaufbau in Höhe von rund einer Million Euro von der Versicherung komplett übernommen wurden, erleichterte die Entscheidung der Kelkheimer Kommunalpolitiker.

Der Rettershof ist ein beliebtes Ausflugsziel im Taunus. Michael Schick

Die ersten Handwerker kamen bereits wenige Wochen nach dem Brand. Martin Stephan, Leiter der Hochbauabteilung im Kelkheimer Rathaus, hat die Arbeiten begleitet. Größere Probleme habe es nicht gegeben, sagte er der FR. „Wir haben auch sehr gut mit dem Denkmalschutz zusammengearbeitet.“ Bis ins kleinste Detail werde das Stallgebäude, das im frühen 19. Jahrhundert an der Nordfront des vierseitigen Innenhofes errichtet wurde, rekonstruiert. Selbst die Sprüche, die einst die Außenwände zierten, sollen wieder aufgemalt werden. Die Schablonen dafür wurden in der Brandruine gefunden. Das Feuer hatte sie verschont.

Einige Wochen wird am Rettershof noch gewerkelt. Restarbeiten sowie ein paar Schreinerarbeiten sind noch zu erledigen. An der Fassade müssen die hellen Holzbalken des Fachwerks dunkel gestrichen werden. Auch am Sockel fehlt teilweise noch der Anstrich.

Der Rettershof

Im Jahr 1146wird der heutige Rettershof als Kloster gegründet. Klostergebäude und -kirche werden im Dreißigjährigen Krieg zerstört.

Bis Mitte des 18. Jahrhundertsist Retters ein staatliches Hofgut. Unter der Herrschaft der Herren von Stolberg wird es als Pachthof genutzt. Nach der Auflösung des Herzogtums Nassau 1866 fällt das Gut an Preußen.

Im Jahr 1884erwirbt der Engländer Frederik Arnold Rodewald das Hofgut im Taunus und lässt das heutige Schlosshotel im Tudorstil als Wohnsitz für seine Tochter und ihren Ehemann erbauen.

1924kauft Felix von Richter den Hof und richtet ihn als Stammsitz seiner Familie ein, die sich fortan Richter-Rettershof nennt.

Nach dem Zweiten Weltkriegnutzt die US-Armee das Schlösschen bis 1953. Danach quartiert sich die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes ein.

Von 1973 bis 1980ist die deutsche Zentrale der Hare-Krishna-Bewegung (Iskcon) Mieter des Schlösschens, hat dort ihren Hauptsitz und einen Tempel.

1980übernimmt die Stadt Kelkheim den Rettershof und lässt das Herrenhaus zu einem Hotel umbauen. Vier Jahre später wird das Schlosshotel eröffnet.

Heutewird der Rettershof als Reiterhof und für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Das Hofgut ist ein beliebtes Ausflugsziel im Taunus. Zum Betrieb des Gutes wurde die stadteigene Gutsverwaltung Rettershof GmbH gegründet.

Im Frühjahr soll alles fertig sein. Wenn auch die restaurierten Kunstwerke wieder an ihrem Platz sind, darunter die „Madonna des Architekten“, die zurzeit in Italien neu angefertigt wird, ist eine Feier geplant.

Besonders imposant ist der hölzerne Dachstuhl unterm neu eingedeckten Satteldach, der fast wie eine Kathedrale wirkt. Als Sprengwerk sei er konstruiert, komme ohne Stützen aus, sagt Martin Stephan. Die gut 300 Quadratmeter große Fläche, die er überspannt, bleibe künftig leer, berichtet die Geschäftsführerin der Rettershof GmbH Andrea Bokr. Heu dürfe hier aus Brandschutzgründen nicht mehr gelagert werden. Für andere Nutzungen, etwa als Festsaal, sei der Dachboden nicht zugelassen. Er ist nur über eine schmale steile Treppe zu erreichen, hat weder Elektro- noch Wasseranschluss. Unmittelbar darunter befinden sich außerdem die Boxen des Stallgebäudes. 46 Pferde sind mittlerweile wieder auf dem Rettershof eingestellt. Laute Geräusche, etwa von Veranstaltungen, würden die sensiblen Tiere massiv stören, sagt Gestütspächterin Sandra Göb.

Weil nicht alle Ställe nach dem Brand zerstört waren und die Reithalle vom Feuer weitgehend verschont geblieben war, konnten bereits drei Wochen nach dem Brand 20 Pferde auf den Rettershof zurückkehren. Während der Wiederaufbauarbeiten des Stallgebäudes im vergangenen Sommer kooperierten die Gestütspächter mit den Bauarbeitern. „Wir haben unsere Pferde morgens auf die Koppel gebracht, während der Mittagshitze in einem Stallzelt untergestellt und abends, wenn die Arbeiter weg waren, wieder in die Boxen geholt“, berichtet Sandra Göb.

Nicht alle Pferdebesitzer, die ihre Tiere auf dem Rettershof untergebracht hatten, seien nach dem Brand wiedergekommen, sagt Sandra Göb. „Wir konnten aber innerhalb kurzer Zeit neue Mieter finden.“ Insoferne habe sich der finanzielle Schaden in Grenzen gehalten.

Der Schreck jener Nacht im Sommer 2018, als das Feuer ausbrach, sitze ihr aber immer noch im Nacken, sagt die Gestütsleiterin. „Ich schlafe nur noch mit meinem Handy direkt am Bett.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare