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Keiner will mehr um drei aufstehen

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Haben sich für das Handwerk entschieden: Angehende Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik prüfen eine Gasleitung mit einem analogen Dichtheitsprüfgerät. dpa
Haben sich für das Handwerk entschieden: Angehende Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik prüfen eine Gasleitung mit einem analogen Dichtheitsprüfgerät. dpa © picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Handwerk sucht Nachwuchs / Lage bei Bäckern dramatisch

HOCHTAUNUS - Was ist der Unterschied zwischen einem Bäcker und einem Teppich? Nun, der Bäcker muss um halb drei aufstehen, der Teppich kann liegen bleiben. Ein Witz - klar, vermutlich aber doch auch der Grund, warum immer mehr Aufbackbrötchen gefrühstückt und Kuchen aufgetaut, in Bäckerläden längst Brillen oder Handys angeboten werden.

Markus Noll, Stellvertretender Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Hoch- und Maintaunus und zugleich Ausbildungsberater, blickt mit Sorge auf die Entwicklung, dass das Bäckerhandwerk fast auf der roten Liste steht, gleich neben den Fleischern, denn auch klassische Metzgereien werden immer rarer. 700 Betriebe sind in der Kreishandwerkerschaft zusammengefasst, eine Zahl, die Noll nicht in Stein gemeißelt sieht, „die Tendenz weist nach unten; wenn Betriebe keine Nachfolger finden, werden sie irgendwann aufgeben“. Nur relativ wenige Ausbildungsverträge würden mit dem Gedanken an eine spätere Selbstständigkeit abgeschlossen.

„Beim Nahrungsmittelhandwerk ist die Situation dramatisch, aber auch im Metallbau könnte es viel besser laufen“, sagt Noll. Im Elektro-, Elektronik-, Heizungsbauer- und Sanitärhandwerk hingegen leide man nicht unter der Ausbildungsplatzmisere. Da seien die Auftragsbücher randvoll, und es gebe genügend junge Leute, die genau diese Berufe suchen. Eine Erklärung für die Schieflage hat Noll nicht, nimmt aber an, dass es teilweise ein gesellschaftliches Problem sein könnte. Viele junge Leute seien zu unselbstständig, oft hätten sie noch nie einen Hammer in einer der beiden „linken Hände“ gehabt. Viele hätten auch falsche Vorstellungen vom gewählten Beruf und der harten Arbeit, „aber hart arbeiten muss man überall“. Die Abbrecher- oder auch Wechselquote liege bei fünf bis zehn Prozent, sagt Noll.

Werbe-Botschafter in Schulen

Zum Erfolgsmodell werden könne, dass die Kreishandwerkerschaft in Kooperation mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ausbildungsbotschafter in Abschlussklassen schickt. Dabei werben Azubis mit großer Begeisterung für ihren Beruf. „Jugend spricht mit Jugend, da springt der Funke bisweilen über“, so Noll. Die Botschafter besuchen nicht nur Haupt- und Realschulen, sie gehen auch in Gymnasien. Noll verbindet damit eine Hoffnung: „Leider meinen viele junge Leute und auch Eltern, dass man kein Abi macht, um dann ein Handwerk zu erlernen oder eine Berufsausbildung anzutreten. Aus unserer Sicht ist das ein völlig falscher Ansatz.“

Bei der IHK Frankfurt sieht Dr. Brigitte Scheuerle, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung, eine starke Nachfrage nach Bewerbern für Logistik-, IT- und Büroberufe. Ferner gebe es auch ein großes Angebot in der Hotellerie und Gastronomie. Die Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben sei ungebrochen, deutsch-landweit sei aber festzustellen, dass die Suche nach Azubis weit schwieriger ist als die nach Akademikern.

Ein Problem sieht Scheuerle auch darin, dass es im Ballungsraum noch immer Arbeitgeberstandorte ohne direkten oder häufig bedienten ÖPNV-Anschluss gibt, die Erreichbarkeit mit dem ÖPNV sei jedoch essenziell, um dauerhaft attraktive Bedingungen für Azubis zu bieten.

In der IHK-Konjunkturumfrage (Herbst 2022) gaben 53 Prozent der Unternehmen den Fachkräftemangel als Risiko für die weitere wirtschaftliche Entwicklung an. Scheuerle: „Es handelt sich um ein strukturelles Problem, das sich aufgrund der demografischen Entwicklung noch verschärfen wird. Während die Nachfrage nach Arbeitskräften in den nächsten Jahren nur geringfügig abnehmen werde, sinke das Angebot an Arbeitskräften durch die Verrentung geburtenstarker Jahrgänge stärker.“

Zudem habe die Pandemie zu einer großen Verunsicherung bei Schulabgängern und ihren Eltern geführt. Daher hätten viele den Weg auf weiterführende Schulen, ins Studium oder in einen Anlern-Job gesucht. 2022 gab es nur noch 3723 Bewerbungen im Bezirk der Arbeitsagentur Bad Homburg, ein Rückgang von über einem Viertel zum Vor-Corona-Jahr 2019 mit 5048 Bewerbungen.

Direkte Gefahren für den Fortbestand von Betrieben durch den Azubi-Mangel sieht Scheuerle nur bedingt. Zu Betriebsschließungen komme es meist nur, wenn Fachkräfte in Rente gehen und über Jahre kein Nachwuchs gefunden werde.

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