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Arzt mit Stethoskop

Gesundheit

Keine Hausbesuche aus Gefälligkeit

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Fast wäre die Infoveranstaltung für 150 Ärzte im Chaos untergegangen. 

Für einen Hausbesuch bekommt ein Arzt 23 Euro brutto. Findet dieser Hausbesuch in einem Pflegeheim statt, gibt es ab dem zweiten Patienten lediglich 11,47 Euro. „Das wäre ungefähr so, als würde man einem Elektriker, der in einem Neubau Steckdosen installiert, ab der zweiten Steckdose nur noch die Hälfte der Arbeitszeit bezahlen“, sagt Benjamin Schaum. Der Allgemeinmediziner (42) betreibt eine Hausarztpraxis in Gelnhausen. Seit Jahren versuche die Ärzteschaft, „für lächerliche Beträge Patienten einigermaßen gut zu versorgen“. Dass sie dafür jetzt auch noch bestraft werden solle, bringe das Fass zum überlaufen.

Es ist knapp zwei Wochen her, dass Schaum und rund 150 andere Kollegen zu einem „Beratenden Gespräch zur wirtschaftlichen Durchführung von Hausbesuchen“ nach Frankfurt zitiert wurden. Der Grund: „unwirtschaftlich ausgeführte Hausbesuche“. Eine Veranstaltung, die eigentlich der sachlichen Aufklärung dienen und Honorarkürzungen abwenden sollte, sagt Ute Frodl der FR, Leiterin der „Prüfstelle der Ärzte und Krankenkassen“, die dazu eingeladen hatte. Stattdessen eskalierte offenbar die Situation, die Ärzte machten ihrer geballten Wut auf das Gesundheitssystem Luft.

„Die Diskussion heizte sich massiv auf, es kam die Frage auf, wer denn die Verantwortung übernehme, wenn nun ein telefonisch angefragter Hausbesuch von einem Arzt abgelehnt werde“, berichtet Schaum. Kurz bevor der Abbruch der Veranstaltung drohte, habe man sich darauf geeinigt, dem Vortragenden weiter zuzuhören. „Das ging fast gut, bis zu dem Punkt, an dem er darauf verwies, dass Gefälligkeitsbesuche nicht abgerechnet werden dürften.“ Unter Protesten und Pfiffen habe der Referent seine Rede schließlich beendet.

Die Wut des Hausarztes und seiner Kollegen richtet sich vor allem gegen die Kassenärztliche Vereinigung (KV), die Selbstverwaltung der Kassenärzte. Von der habe sich niemand blicken lassen. Dabei sei es doch unter anderem die KV, die die Prüfstelle mit der Kontrolle der Ärzte beauftrage. Und die Hausbesuche mit lediglich 23 Euro vergütet.

Kritik an späten Prüfungen

Was Schaum zusätzlich ärgert, ist, dass ein Arzt von seinem angeblich unwirtschaftlichen Handeln erst Jahre später erfährt. „Zum Teil wurden Prüfungen für Zeiträume von 2013 bis 2015 vorgelegt. Das bedeutet, dass Ärzte heute erst über ihre Vergehen von dieser Zeit erfahren und sich auch noch im Detail dafür rechtfertigen sollen.“

Ganz so weit zurück liegen die Fälle nicht, sagt KV-Sprecher Karl Roth. „Es ging um Auffälligkeiten in den Jahren 2015/2016.“ Die Bearbeitungszeit der vielen Abrechnungen brauche nun mal Zeit. Im Dezember 2017 seien die ersten Praxisinhaber informiert worden. Roth stellt klar, dass die Prüfstelle eine vom Gesetzgeber vorgeschriebene Institution ist, mit Büros im neuen KV-Gebäude im Frankfurter Europaviertel. Sie werde von der KV und den Krankenkassen finanziert, sei aber nicht weisungsgebunden. Sie habe zu der Veranstaltung eingeladen. So erkläre sich die Abwesenheit der KV. Die Kritik kann Roth nicht nachvollziehen: KV und Krankenkassen hätten sich darauf geeinigt, dass die rund 160 schwebenden Verfahren zu Hausbesuch-Honorarkürzungen eingestellt werden, wenn die Ärzte die Beratung wahrnehmen. Das sei doch eigentlich positiv.

„Wir möchten, dass Hausbesuche ordentlich gemacht werden“, betont Roth. Zumal die Zahl seit Jahren rückläufig sei. Das könne an der Arbeitsverdichtung liegen, aber auch an der Vergütung, „die jeder Beschreibung spottet“. Die KV Hessen habe da keinen Einfluss: „Die Gebührenordnung wird in Berlin gemacht.“ Dort werde gerade neu verhandelt über die Honorarverteilung.

Wer die Regeln beachte, müsse keine Honorarkürzungen befürchten, stellt die Leiterin der Prüfstelle klar: „Ein notwendiger Hausbesuch wird nie unwirtschaftlich sein.“ Allerdings müsse aus der Dokumentation des Arztes eine medizinische Indikation hervorgehen oder eine entsprechende Diagnose. „Sonst ist das unwirtschaftlich.“ Sollte sich der Verdacht auf etwas Schlimmeres beim Hausbesuch nicht bestätigen, müsse dies ebenfalls dokumentiert werden. „Ich darf Hausbesuche nur machen, wenn sie medizinisch indiziert sind“, stellt Frodl klar. „Gefälligkeitsbesuche“ könnten nicht abgerechnet werden.

Neben ungerechtfertigten Hausbesuchen könnten Kassenärzte auch wegen der Verschreibung bestimmter Medikamente oder von Heilmitteln, etwa Krankengymnastik, belangt werden. Auch dazu ist die KV-Statistik wenig aktuell. Die jüngsten Zahlen beziehen sich auf das Prüfjahr 2015. Demnach waren 916 Praxen „auffällig“, das heißt, sie hatten ihr Budget um mindestens 25 Prozent überschritten.

Der Großteil konnte das mit „Praxisbesonderheiten“ erklären, sagt Roth. Von den 29 Verfahren führten laut KV drei zu Arzneimittelregressen in einer Gesamthöhe von rund 19 000 Euro. Bei den Heilmitteln waren es 13 Regresse und 137 000 Euro. Alles Summen, die nicht existenzgefährdend sein können, sagt Roth. Für Insolvenzen, deren Zahl er nicht kennt, gebe es aber wohl andere Gründe.

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