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Die Flagge Europas schmückt die Front der Europäischen Schule am Tag des Brexits.

Bad Vilbel

„Kein Volksumzug von London nach Frankfurt“

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Tom Zijlstra über den Einfluss des Brexits auf die Zukunft der Europäischen Schule.

Tom Zijlstra ist optimistisch, dass seine Schule unbeeinflusst vom Brexit den Austausch von Schülern und Lehrern mit Großbritannien weiterführen wird. Der Austritt des Landes aus der Europäischen Union hat nach den Worten des Leiters der Europäischen Schule in Bad Vilbel keinen „Volksumzug von London nach Frankfurt“ zur Folge.

Sie sind Niederländer und haben Ende der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre in Großbritannien gelebt. Wie sehr berührt Sie der Brexit persönlich?

Ich bin Niederländer, aber in erster Linie Europäer. Ich habe in den Niederlanden, England und Belgien gearbeitet und gelebt und tue das nun mit großer Freude in Deutschland. Die Berührung reicht nicht so weit, dass ich große Trauer kommuniziere.

Denken Sie, dass der Brexit die Idee eines Europas mit gemeinsamen Werten boykottiert?

Ich denke, dass unsere Gesellschaft in diesem Teil der westlichen Welt nicht so sehr vom Brexit beeinflusst wird. Der Brexit wird es nicht vermögen, eine Idee zu zerstören, der sich so viele Menschen angeschlossen haben, die so viele schöne Ergebnisse erzielt und Europa so einen enormen Fortschritt gebracht hat.

Inwieweit beeinflusst der potenzielle Zuzug von Tausenden von Bankern mit Familien im Rhein-Main-Gebiet das schulische Leben in Bad Vilbel?

Für die Europäische Schule wird das keine Auswirkungen haben. Bei uns gibt es immer eine große Nachfrage von englischsprachigen, englischen und britischen Familien. Etwa 500 englischsprachige Schüler besuchen aktuell die Schule. Eine Art Volksumzug von London nach Frankfurt konnten wir bisher nicht registrieren.

Der Aufenthalt von Schülern im Rahmen des Erasmus-Programms wird von der EU finanziert. Wie sieht die Kooperation künftig mit Großbritannien aus?

Das Erasmus-Programm wird wahrscheinlich darunter leiden. Andererseits ist entschieden worden, dass ausländische Studenten in Großbritannien in den nächsten zehn Jahren keine Nachteile haben werden. Es bereitet mir sehr große Sorge, dass eine geschichtsbewusste Generation nun demokratisch zu einer Entscheidung beigetragen hat, die für die jüngste Generation vielleicht zu einem Problem wird. Man kann nur hoffen, dass die junge Generation in Großbritannien nach dem Brexit nicht ihre Zukunft hinter sich hat.

Welche Auswirkungen hat der Brexit auf die Europäischen Schulen und deren Schüler?

Es gibt 32 Europäische Schulen mit 18 000 Schülern in Europa. Die meistgewählte Sprache ist Englisch. Der britische Einfluss in der Pädagogik ist enorm. Für uns ist wichtig, dass er den Lehrplan unserer Schule nicht verändert. Wir haben viele Gastschüler aus Großbritannien, auch in die andere Richtung. Kinder werden hier von 26 rein englischsprachigen Lehrern unterrichtet. Wir pflegen mit Europäischen Schulen Austauschprogramme. Laut einer Studie der University of Cambridge zählen wir zu den besten Schulen der Welt. Großbritannien hat immer Lehrer freigestellt, die Kinder in den Europäischen Schulen unterrichten. Die Kinder und die Schule finden ihren eigenen Weg, unabhängig von politischen Intrigen und Propaganda.

Haben sich die Schüler der Europäischen Schule thematisch auf den Brexit vorbereitet?

Besonders unter den englischsprachigen Schülern wurde sehr viel über den Brexit geredet. Im Rahmen unserer „Europäischen Stunde“ arbeiten Kinder mit verschiedenen Sprachen gemeinsam an Projekten. Wir fördern einen modernen, interaktiven, individualisierten Unterricht, der auch Montessori-Elemente beinhaltet. Die Schüler gestalten aktiv mit.

Auf welche Weise werden den Schülern gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Zusammenhänge in Europa vermittelt?

Für Kinder ist das Zusammenleben in der Schule wichtiger als der Brexit. Es geht um Werte wie Respekt, Toleranz, Offenheit und um das Miteinander. Europa ist eine Identität, die auf Werten wie dem anständigen Umgang miteinander basiert. Das kommunizieren wir in Form von Austausch, Präsentationen, Gastrednern, dem Besuch europäischer Politiker vor Wahlen und internationalen Projekten zum Europäischen Parlament und den Vereinten Nationen. Es ist unsere Überzeugung und Aufgabe, die Schüler zu unabhängigen, selbstbewussten Weltbürgern zu machen. Daran ändert der Brexit nichts, so traurig es auch kurzfristig sein mag…

Interview: Georgia Lori

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