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Selbst Bettlägrige könnten per Videochat an Beschäftigungen teilnehmen.

Senioren

Kein Internet in Hessens Pflegeheimen

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Die vom Gesetzgeber geforderte Versorgung hat Lücken. Das mindert die soziale Teilhabe, kritisiert die Verbraucherzentrale.

Recherchieren im Internet, kommunizieren via E-Mail, Fotos tauschen per Whatsapp. „Selbstverständlich“ nutzt Jürgen Kreuzberg (80) die neuen Medien. Der stellvertretender Vorsitzende des Landesseniorenbeirats hat zu Hause WLAN. Doch sollte er eines Tages pflegebedürftig werden, könnte die Kommunikation mit der Familie oder Freunden schwieriger werden, wenn nicht sogar abbrechen.

„Die Betreiber von Pflegeheimen haben offenbar noch nicht erkannt, dass Seniorinnen und Senioren längst im digitalen Zeitalter angekommen sind“, kritisiert Daniela Hubloher, Patientenberaterin der Verbraucherzentrale Hessen. „Online-Banking, Lieblings-Serien streamen, Kontakt zu den Enkeln halten, online spielen oder mit anderen Heimbewohnern Kontakt aufnehmen – ein kostenloser WLAN-Anschluss für Bewohner von Pflegeheimen kann der Isolation entgegenwirken.“ Selbst ein Bettlägriger könnte per Videochat an Beschäftigungen teilnehmen, sagt Hubloher. Auch die Einrichtung selbst würden profitieren: Die Bewohner könnten Essen oder Medikamente vom Zimmer aus bestellen, mit dem Arzt per Videochat kommunizieren. „Ein Internetzugang ist heutzutage oft Voraussetzung für eine selbstständige, selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft.“

Rund 57 Prozent aller Senioreninnen und Senioren nutzten 2018 das Internet – Tendenz stark steigend. Das ergab eine bundesweite Studie des Onlinemagazins Pflegemarkt.com. 

Lediglich 37 Prozent der Einrichtungen stellten Wlan zur Verfügung, davon gerade einmal sechs Prozent kostenlos. jur

Das hat auch der Gesetzgeber erkannt. „Jeder Wohnplatz soll über einen Telekommunikationsanschluss, der die Nutzung von Rundfunk, Fernsehen, Telefon und Internet ermöglicht, verfügen“, heißt es in der Ausführungsverordnung zum Hessischen Gesetz über Betreuungs- und Pflegeleistungen. Sie trat vor einem Jahr in Kraft, gilt allerdings lediglich für Einrichtungen, die danach in Betrieb genommen wurden oder für die nach dem 1. Januar 2019 eine Baugenehmigung beantragt wurde, informiert ein Sprecher des Regierungspräsidiums (RP) Gießen, Sitz der hessischen Betreuungs- und Pflegeaufsicht. Die habe dadurch zumindest für neuere Einrichtungen eine Rechtsgrundlage, diese Forderung durchzusetzen. Aus fachlicher Sicht stehe außer Frage, dass moderne Kommunikationstechniken Einsamkeit entgegenwirken. Die Aufsicht berate seit Jahren alle Einrichtungen entsprechend. Könne aber keine keinerlei Aussagen über die Häufigkeit kabelloser Netzwerke treffen.

Auch dem Frankfurter Sozialamt liegen keine gesicherten Informationen vor. Eine Anfrage beim Frankfurter Verband für Alten- und Behindertenhilfe ergibt, dass rund die Hälfte seiner acht Heime mit WLAN ausgestattet sei. Mit rund 800 Plätzen ist er der größte Anbieter in der Stadt. Die Caritas richtet aktuell WLAN in Santa Teresa ein. Bei den anderen beiden Häusern sei die „Verfügbarkeit im Ausbau“, sagt ein Sprecher. „Grundsätzlich richten wir die Geschwindigkeit des WLAN-Ausbaus nach den Anfragen und dem Interesse unserer Bewohner und Bewohnerinnen.“

Für den Bundesverband privater Anbieter mit seinen mehr als 1200 hessischen Mitgliedseinrichtungen spiele das Vorankommen bei der Digitalisierung eine wichtige Rolle, versichert Landesgeschäftsführer Manfred Mauer. Doch derzeit gehe es vor allem um die digitalisierte Pflegedokumentation und die Schnittstelle zu Kassen, Ärzten und Krankenhäusern. Die Pflegekassen förderten seit vergangenem Jahr die Anschaffungskosten von Hard- und Software, darunter auch WLAN. Eine bundesweite Umfrage unter den Mitgliedern habe ergeben, dass fast 30 Prozent der Einrichtungen sich seit mehr als fünf Jahren mit dem Thema beschäftigten. Mauer ist sicher: „Der Ausbau von WLAN für die persönliche Nutzung von Heimbewohnern wird in dem Zuge wachsen, wie es die Bewohnerinnen und Bewohner erwarten.“ Zahlen zum Verbreitungsgrad liegen dem Landesgeschäftsführer nicht vor.

Das hessischen Digitalministerium erklärt sich für nicht zuständig und verweist auf die Heimbetreiber. Sollte eine Einrichtung zufällig in Nähe einer „Digitalen Dorflinde“ stehen, wie das WLAN-Landesprogramm heißt, so könne diese von den Bewohnern selbstverständlich mitgenutzt werden.

Von Jutta Rippegather

Aus Furcht vor Infektion mit dem Corona-Virus meiden Kranke Kliniken und Praxen. Die Behandlungen von Schlaganfällen, Krebs oder Magengeschwüren werden so verschleppt.

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