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Vor der Stadtverordnetenversammlung machten Dreieicher Eltern jüngst ihrem Unmut Luft.
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Vor der Stadtverordnetenversammlung machten Dreieicher Eltern jüngst ihrem Unmut Luft.

Kinderbetreuung

Kein freier Platz im Kindergarten in Dreieich

  • Annette Schlegl
    VonAnnette Schlegl
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Eine Dreieicher Mutter beschwert sich über fehlende Betreuungskapazitäten für ihr Kind in Dreieich und schießt gegen die Stadt und den Kreis.

Die Stadt Dreieich hat jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang das Thema Kinderbetreuung verschlafen. Diesen Vorwurf muss sich die Dreieicher Politik von Kerstin Lohr gefallen lassen, einer Mutter, die ein Jahr lang auf einen Krippenplatz für ihre Tochter warten musste und nun auch keinen Kindergartenplatz erhält. Auch am Kreis Offenbach lässt die 36-Jährige kein gutes Haar: Dort habe man bisher nicht reagiert, obwohl das Verwaltungsgericht Darmstadt der Behörde auferlegte, bis zum 1. Oktober einen Betreuungsplatz nachzuweisen.

Dreieicher Eltern haben schon protestiert

Kerstin Lohr steht mit ihrem Problem nicht alleine da: Vor gut einer Woche haben Eltern vor der Sitzung der Stadtverordneten demonstriert, um ihren Unmut über „die unzumutbare Betreuungssituation“ auszudrücken. Es gebe zu wenig Kita-Plätze in Dreieich.

Lohr ist aktuell mit ihrem zwölf Wochen alten Baby – ihrem zweiten Kind – zu Hause in Elternzeit. Die Freunde und Freundinnen ihrer dreijährigen Tochter seien nach den Sommerferien in den Ü3-Bereich gewechselt, und ihr Kind sei selbstverständlich davon ausgegangen, dass es nach seinem dritten Geburtstag auch dorthin wechselt, so Lohr. „Der Kita-Leiter hatte sie schon im Ü3-Bereich seiner Einrichtung eingeplant und meinte, dass er so Personal sparen könne, da die Eingewöhnung wegfallen würde“, erklärt sie.

Verwaltungsgericht hat zugunsten der Eltern entschieden

Doch es kam alles anders: Die Tochter erhält keinen Anschlussplatz im Kindergarten, weil Kerstin Lohr in Elternzeit ist. „Rechtsanspruch? Irrelevant. Kindeswohl? Irrelevant“, ärgert sie sich. Für ihr Kind seien schon nach dem Lockdown größere Gruppen ungewohnt gewesen, und nun müsse man in ein paar Monaten erneut mit der Eingewöhnung beginnen. Das binde mehr Personal, und zu wenig Kita-Personal sei doch das große Problem. Ein im Jahr 2019 beschlossenes Erzieher-Anwerbepaket für Kita-Personal werde jedoch viel zu langsam umgesetzt. Ein Antrag, noch nicht umgesetzte Maßnahmen noch 2021 zu realisieren, sei im Juli von der Mehrheit der Stadtverordneten abgelehnt worden.

Kita-Situation in Dreieich

Laut einem Bericht des städtischen Fachbereichs Kinderbetreuung vom August fehlen in Dreieich im Ü3-Bereich, also im Kindergarten, 292 Plätze. In der Kinderkrippe, in der Ein- bis Dreijährige betreut werden, haben 66 Kinder keinen Platz erhalten.

Seit 2019 hat die Stadt insgesamt 84 Plätze für unter Dreijährige sowie 166 Kindergartenplätze geschaffen.

Vom kommenden Jahr bis zum Jahr 2025 werden in Dreieich sukzessive 118 weitere U3-Plätze sowie 250 Plätze für Kinder von drei bis sechs Jahren entstehen; das Gros ist dabei in den Jahren 2023/24 geplant. Die Kita-Plätze sind politisch bereits beschlossen, die städtische Wohnungsbaugesellschaft Dreieich Bau arbeitet laut Bürgermeister Martin Burlon (parteilos) auch schon an den Projekten. ann

Die Lohrs sind vor das Verwaltungsgericht gezogen, um für ihr Kind die frühkindliche Förderung und soziale Kontakte zu anderen Kindern sicherzustellen. Auf ihren Eilantrag hin haben die Richter dem Kreis Offenbach mit Beschluss vom 8. September aufgegeben, der Tochter zum 1. Oktober einen Betreuungsplatz nachzuweisen. „Leider ist der Kreis einfach untergetaucht“, sagt die Mutter, missachte also einen rechtskräftigen gerichtlichen Beschluss. Nun komme es wohl zur Zwangsvollstreckung unter Androhung einer Geldstrafe. „Man könnte die Steuergelder wahrlich besser nutzen – etwa für die Gewinnung neuer Erzieher:innen.“

Bürgermeister: Kita-Planung ist für Stadt schwierig

Bürgermeister Martin Burlon (parteilos) weist die Anschuldigung einer „Schlafstadt“ in Sachen Kinderbetreuung von sich. „Wir verfolgen die Geburtenstatistik sehr genau“, sagt er. Dreieichs Probleme lägen jedoch im Mangel an Kita-Personal, im Zuzug aus den teuren Großstädten, aber auch im Generationenwechsel begründet. Ältere Bürger und Bürgerinnen verkaufen ihre Wohnung oder ihr Haus oder suchen kleinere, junge Familien ziehen dann in die größeren Wohnungen oder in die Häuser ein. „Wir haben also Unbekannte durch Zuzug sowie Fluktuation im Bestand, und das ist für uns schwer zu steuern“, sagt er.

Als Beispiel nennt er den Stadtteil Offenthal, wo in den vergangenen Jahren kein einziges Neubaugebiet ausgewiesen wurde und es vergleichsweise viele Kitas gebe. Trotzdem könne man dort mittlerweile nicht allen Familien einen Kita-Platz anbieten.

Er habe mit den demonstrierenden Eltern vor gut einer Woche selbst gesprochen, sei „für jeden Input der Eltern offen“. Im Übrigen hätten die Stadtverordneten gleich danach den Neubau einer sechsgruppigen Kita im Stadtteil Götzenhain für 6,5 Millionen Euro beschlossen. Zugestimmt wurde auch, dass die Stadt zum 1. Oktober Träger der katholischen Kita St. Laurentius wird. Der Kirchenvorstand wollte die Kita wegen massiver personeller Engpässe schließen. 50 Kindergartenplätze wären dann weggefallen, die die Stadt jetzt „gerettet“ habe. Die Kosten für die Kinderbetreuung machen sowohl der Stadt Dreieich als auch der Nachbarstadt Langen finanziell aber schwer zu schaffen.

Kreis Offenbach schiebt Schwarzen Peter von sich

Beim Kreis Offenbach versteht man den Unmut der Lohrs wegen des fehlenden Betreuungsplatzes. Nach der Entscheidung des Verwaltungsgerichts habe man umgehend Kontakt zu den zuständigen Stellen in Dreieich aufgenommen und sie aufgefordert, der Familie einen Platz für das Kind zur Verfügung zu stellen. Die Stadt habe dies jedoch mit Verweis auf ihre Vergabekriterien abgelehnt. In diesen im Vorjahr beschlossenen Richtlinien werden Kinder priorisiert, deren Eltern nicht in Elternzeit sind. Dem Kreis stünden keine weiteren Handlungsoptionen zur Verfügung, heißt es in einer Stellungnahme. Er habe weder eigene Betreuungseinrichtungen noch rechtliche Einwirkungsmöglichkeiten auf die Kommunen in dieser Hinsicht.

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