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„Junge Menschen laufen häufig mit dem Kopfhörer durch die Stadt“, sagt Hans Sarcowicz. Vielleicht hören sie dabei konzentriert Musik?

Interview

„Kaum einer hört dem anderen zu“

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Der Autor und Herausgeber Hans Sarkowicz wirbt dafür, mehr miteinander zu reden als aneinander vorbei.

Wenn Hans Sarkowicz einen Vortrag hält, hört man gerne auch etwas länger zu – wie jüngst in Offenbach, wo es bei einer Tagung darum ging, wie wichtig das Zuhören für das Funktionieren der Demokratie ist. Ihm zu folgen macht Freude, nicht allein, weil Sarkowicz Interessantes zu erzählen hat. Sondern auch, weil er mit seiner Art zu sprechen die Zuhörer in seinen Bann zieht. „Die gesprochene Sprache, das ist ja schon von Berufs wegen mein Leben“, sagt Sarkowicz, der beim Hessischen Rundfunk den Bereich HR2 - Literatur und Hörspiel leitet. Er sagt: Zuhören will gelernt sein.

Herr Sarkowicz, warum ist Ihnen das Zuhören so wichtig?
Wir haben festgestellt, dass die Kulturtechnik des Zuhörens etwas verloren gegangen ist. Dabei begleitet uns das Hören schon von Anbeginn des Lebens. Schon im Mutterleib hören die Ungeborenen die Stimme der Mutter und nehmen Musik wahr.

Was unterscheidet das Hören vom Zuhören?
Hören müssen wir. Wir können die Ohren, im Unterschied zu den Augen, nicht einfach schließen. Zuhören dagegen ist die bewusste Zuwendung zu einem Musikstück oder zu einem Menschen, dem wir mit Empathie begegnen, den wir verstehen und dem wir angemessen antworten wollen.

Hans Sarkowicz ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zuhören und leitet beim Hessischen Rundfunk den Bereich HR2 - Literatur und Hörspiel.

Er ist Mitherausgeber der Werke von Erich Kästner und Mitautor von Biografien über Heinz Rühmann, Erich Kästner und die Geschwister von Georg Büchner. Allein oder mit Kollegen hat Sarkowicz, geboren 1955 in Gelnhausen, Bücher zu historischen, politischen und regionalen Themen verfasst.

Den Deutschen Hörbuchpreis in der Sparte Bestes Sachhörbuch erhielt er 2017 für das Großfeature „Geheime Sender - Der Rundfunk im Widerstand gegen Hitler

Das ist uns verloren gegangen?
Wir haben uns daran gewöhnt, ständig und überall beschallt zu werden. Fürs Zuhören aber müssen wir uns konzentrieren. Viele haben verlernt oder konnten es nie, sich dafür die Zeit zu nehmen. Und wenn Sie sich die sozialen Medien anschauen, dann wird dort zwar ungeheuer viel kommuniziert, aber kaum einer hört dem anderen zu. Es entsteht dort kein Gespräch, kein wirklicher Austausch. Gleichzeitig wird das Zuhören offiziell sehr geschätzt, Firmen wie Versicherungen oder Banken werben ja gerade damit, dass sie ihren Kunden zuhören.

Ist uns auch die Empathie, das echte Interesse am Gegenüber, verloren gegangen?
Ja, sicher. Das Gespräch ist ja die langsamste Kommunikationsform, es braucht Zeit, Ruhe und Konzentration. Das ist genau das, was bei einem Facebook-Like, einem schnellen Posting oder irgendeinem hingeschriebenen Kommentar fehlt. Bei einem Gespräch aber sollte ich mich darauf einlassen, etwas Unerwartetes zu hören, mit dem ich mich dann auseinandersetzen muss. Das geht nicht, ohne den anderen ernst zu nehmen und ihn nicht von vornherein als Idioten abzutun, auf dessen Argumente, Sorgen oder Ähnliches ich nicht eingehen muss.

Man hat den Eindruck, jeder redet, aber jeder redet auch an dem anderen vorbei. Kommunikation wird wie eine Einbahnstraße, bei der jeder loswird, was ihn umtreibt, ohne sich mit dem abzugeben, was andere denken.
So ist es. Nur im Gespräch kann ich mit anderen Menschen wirklich in Kontakt kommen, nur so entwickelt sich ein gegenseitiges Verstehen. Das wichtigste Land der Welt wird heute mit Twitter regiert. Da setzt jemand seine Meinung ab und will gar nicht wissen, was andere darüber denken. Gerade in der Politik aber wäre es wichtig, mehr Gespräche zu führen, statt einsam zu entscheiden. Nur so lassen sich Konflikte bis hin zu Kriegen verhindern.

Jetzt haben Sie ein Buch herausgegeben mit deutschen Reden von 1945 bis heute. Warum?
Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg ganz großartige Reden in Deutschland. Ich habe sie so ausgewählt, dass sie an bestimmten neuralgischen Punkten der deutschen Politik ansetzen. Man nimmt die deutsche Geschichte anhand von Reden ganz anders wahr. Im Parlamentarischen Rat und in den ersten Sitzungen des Bundestags, nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur, waren die Politiker fähig, offen miteinander zu reden. Kommunisten diskutierten mit ehemaligen Nationalsozialisten, alle möglichen Gruppierungen stritten darüber, wie ein Grundgesetz gestaltet sein sollte. Das sind unglaublich ernsthafte Debatten gewesen. Einfach lebendige Politik.

Haben sich Politiker damals mehr zugehört?
Ich denke schon. Damals hatte das Gespräch einen viel höheren Stellenwert. In dem Buch stehen ja auch Reden von Nicht-Politikern, etwa von dem Religionsphilosophen Martin Buber, der ein Plädoyer dafür hielt, nicht alles zu vergeben und zu vergessen, was im Nationalsozialismus geschehen war, aber dass man darüber sprechen muss, um weiteres Unheil zu verhindern.

Ist auch die Fähigkeit zur großen Rede verloren gegangen?
Nein, das glaube ich nicht. Es gibt immer wieder große, bewegende Reden, etwa von dem Schriftsteller Navid Kermani zu 65 Jahren Grundgesetz. Und auch viele Reden, zum Beispiel von Bundespräsidenten, sind außergewöhnlich. Wir haben uns aber als Medienvertreter angewöhnt, einzelne Sätze oder Schlagwörter herauszunehmen, wie den Ruck, der durch das Land gehen muss, oder den Islam, der auch zu Deutschland gehört. Das sind nur Bruchstücke, wie auch Merkels „Wir schaffen das“. Dabei geht vieles von dem, was in der Rede ausgedrückt werden sollte, verloren. Wir leben in einer Zeit der Verkürzung. Das hat auch die Folge, dass Politiker immer stärker versuchen, sich kurz und griffig zu äußern. Es lohnt sich aber, den ganzen Zusammenhang zu erfassen. So wie es sich lohnt, dem anderen zuzuhören. Auch wenn das eben Zeit braucht und Anstrengung bedeutet.

Was kann man tun, um Menschen zum Zuhören zu bewegen?
Man muss damit möglichst früh anfangen. Man muss Zuhören wirklich lernen, Kindertagesstätten und Schulen sind dafür gute Orte. Aber viele Lehrkräfte sind sich dessen nicht bewusst, dass sie das mit den Kindern und Jugendlichen üben müssen. In den Lehrplänen steht das zwar drin, wirklich umgesetzt wird es eher selten.

Was unternimmt die Stiftung Zuhören, deren Vorstandsvorsitzender Sie sind?
Junge Menschen laufen häufig mit dem Kopfhörer durch die Stadt, sie hören nicht mehr, was um sie herum passiert. Wir produzieren mit diesen jungen Leuten in unseren Hörclubs zum Beispiel kleine Hörstücke. Das ist faszinierend. Sie basteln mit Alltagsgeräuschen kleine Geschichten, und manche von ihnen haben zum ersten Mal ganz simple Dinge bewusst wahrgenommen, etwa wie es klingt, wenn man mit einer Gießkanne Wasser auf Rasen, Steinplatten oder in ein Becken laufen lässt. Wir müssen diese Menschen dort abholen, wo sie sind, mit ihnen also auch kurze Youtube-Videos herstellen oder Podcasts produzieren. Das sind interessante Formen, bei denen man genau auf Geräusche hören muss oder auf das, was andere zu sagen haben. Die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, die ist schon noch da. Man muss sie nur nutzen.

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