+
Teilnehmer einer Gegendemonstration stehen mit Flaggen und Transparenten vor Einsatzkräften der Polizei.

Demonstrationen

Protest gegen rechts in Kassel: „Wenn Nazis aufmarschieren, dann muss man ein Zeichen setzen“

  • schließen

Zehntausend Menschen stören die Neonazis auf ihrer Route durch Kassel. Vereinzelt fliegen Flaschen, die Polizei setzt 31 Personen fest.

„Hallo Kassel“, ruft die Frau von der Bühne. „Du siehst gut aus heute Morgen!“ Hunderte Menschen, die sich gegen 10 Uhr vor dem Hauptbahnhof versammelt haben, jubeln. Bunte Fahnen wehen über ihren Köpfen, von GEW und Linkspartei, von Grüner Jugend und Europäischer Union. Selbst die Protesterfahrenen hier, sagt die Sprecherin vom „Bündnis gegen Rechts“ auf der Bühne, seien sicher noch auf keiner Demonstration gewesen, „zu der die Linkspartei und die CDU aufgerufen hat“. Heute sei es aber nötig, gemeinsam auf die Straße zu gehen – schließlich wollten nach dem Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke Rechtsextreme in Kassel hetzen. „Und diese Stadt wird das nicht widerspruchslos hinnehmen!“ Großer Applaus.

Die Stimmung in Kassel ist an diesem Samstagmorgen motiviert, fast euphorisch. Tausende Menschen sind zum Hauptbahnhof gekommen, um dem Aufmarsch der Neonazipartei „Die Rechte“ entgegenzutreten. Und zunächst gehört die Stadt dem Protest gegen rechts, dem sich am Ende 10.000 Menschen anschließen werden. Um 10 Uhr zieht ein erster Demozug in Richtung Unterneustadt, wohin der Aufmarsch der Neonazis verlegt wurde, um 11 Uhr folgt ein zweiter. Mit lauter Musik laufen Tausende durch die Straßen, junge Leute mit Käppis und Sonnenbrillen, Eltern mit ihren Kindern. 

Kassel steht still

Und die Straßen sind gespenstisch leer, denn Kassel steht still. Kein Bus fährt, keine Bahn, die meisten Geschäfte haben geschlossen. Die Polizei hat alles abgeriegelt, damit das Geschehen sauber über die Bühne geht. Auch Tobi aus Kassel hat sich dem Demozug angeschlossen. „Wenn Nazis aufmarschieren, dann muss man ein Zeichen setzen“, findet der junge Mann. Weil das Verbot des rechten Aufmarschs gescheitert sei, könne man den nicht mehr verhindern, sagt Tobi. Aber übertönen könne man ihn noch: „Am besten so viel Krach machen, dass die Nazis sich gegenseitig nicht mehr hören.“ Und auch Juliane, eine ältere Dame, will ein Zeichen setzen, wie sie sagt. „Weil ich der Auffassung bin, dass rechte Netzwerke sehr genau beobachtet werden und auch bekämpft werden müssen.“

Anhänger der rechtsextremen Kleinstpartei "Die Rechte" lassen bei der Demonstration ihre Fahnen wehen.

Während der Protestzug gegen rechts lärmend an der abgeriegelten Fuldabrücke anhält, käme man ein paar Hundert Meter weiter nie auf die Idee, dass etwas Besonderes los sei in Kassel. Träge fließt die Fulda in der Mittagssonne dahin, die Straßen sind leer, über die Fußgängerbrücken können Passanten und Radfahrer in Richtung Unterneustadt gelangen. Vedat, ein junger Mann mit Hipsterbart, ist mit einem Freund in Richtung Neonazidemonstration unterwegs. Er wolle mal gucken, sagt er. „Erst ermorden die Lübcke und jetzt machen die noch eine Demo.“

Christian Worch genießt die Aufmerksamkeit

Am Unterneustädter Kirchplatz, am Treffpunkt der Neonazis, ist derweil noch nicht viel los. Die Polizei hat den Platz abgesperrt, selbst Journalisten kommen zunächst nur schwer durch. Doch dann trifft Christian Worch ein, Neonaziaktivist seit den 70ern, der Anmelder des rechten Umzugs. Mit ein paar Kameraden steht er auf dem leeren Platz und gibt den zahlreichen Journalisten Interviews. Man wolle protestieren, weil der Mord an Walter Lübcke dem gesamten rechten Lager bis hin zur AfD angelastet werde, sagt der 63-Jährige. „Wir rechnen mit einer neuen Repressionswelle, nachdem der Mord in einer geradezu schamlosen Weise instrumentalisiert worden ist.“ Worch spricht mit jedem, posiert für jedes Kamerateam. Er genießt die Aufmerksamkeit.

Dann passiert fast drei Stunden lang wenig. Die Gegendemonstranten haben sich an der Marschroute der Neonazis postiert, sie spielen Musik, blasen in ihre Trillerpfeifen. Die Teilnehmer der rechten Aufmarschs kommen derweil nicht durch. Erst gegen 13 Uhr kommt ein gelber Doppeldeckerbus an, in dem etwa 70 Anhänger der Partei „Die Rechte“ aus Dortmund und Duisburg sitzen. Bekannte Kader wie Sven Skoda, Michael Brück und Sascha Krolzig sind gekommen, selbst Siegfried Borchardt, genannt „SS-Siggi“, ein Urgestein der rechten Dortmunder Hooliganszene. Die Neonazis treten offensiv auf, bedrängen und fotografieren Journalisten. Später taucht dann ein grüner Linienbus auf, mit dem Rechte angekarrt werden, die mit dem Zug nach Kassel gekommen sind. Es sind knapp 50 Neonazis aus der militanten Kameradschaftsszene, viele aus Rheinland-Pfalz, nur einige aus Hessen.

Rund 120 Neonazis sind es schließlich, als ihr Demozug sich in Bewegung setzt. Sie rufen „Nationaler Sozialismus jetzt“ und „Alles für Volk, Rasse und Nation“. Auf dem Transparent vorne an der Demospitze steht „Nationale Gegenoffensive“. Das Wort Gegenoffensive ist falsch geschrieben, mit einem F und zwei S. Ein Rechtschreibfehler, wie „Die Rechte“ später auf Twitter behauptet? Oder doch die Worte „Ofen“ und „SS“ als legaler Bezug auf den Holocaust? 

Kirchenglocken läuten aus Protest

Die Gegendemonstranten an der Route jedenfalls tun alles, um die Rechten zu stören. An der Hafenstraße läuten Kirchenglocken aus Protest, überall stehen junge Menschen und brüllen „Haut ab“ oder „Nazis raus“. An einer Stelle stehen Hunderte, recken ihre Mittelfinger in die Luft und machen einen derartigen Lärm, dass man die Neonazis kaum verstehen kann. Einmal versuchen junge Leute auf die Demoroute zu kommen, die Polizei drängt sie zurück. Die Rechten ziehen über eine leere Ausfallstraße und sind nach 45 Minuten wieder an ihrem Auftaktort. Nach ein paar kurzen Reden ist der Aufmarsch beendet.

Lesen Sie auch die Analyse auf fr.de*: Warum so wenige Rechtsextreme dem Aufruf zur Demonstration gefolgt sind

Die Polizei wird am Ende verkünden, es habe vereinzelt Flaschenwürfe auf den rechten Umzug und insgesamt 31 Ingewahrsamnahmen gegeben. Ein Neonazi wurde festgehalten, weil er eine Wolfsangel getragen hatte – ein Symbol, das auch die Hitlerjugend nutzte. Auch wegen des Fronttransparents der Rechten wird ermittelt. Um kurz vor 17 Uhr wird vor dem Hauptbahnhof ausgelassen getanzt. Eine Sambaband spielt „Bella Ciao“. Der Spuk ist vorbei.

Von Hanning Voigts

Lesen Sie dazu auch

Der Live-Ticker von der Demo in Kassel zum Nachlesen:  Tausende demonstrieren gegen Rechts - Mehrere Festnahmen

Kasseler Bündnis will Zeichen gegen Rechtsextreme setzen: Nach dem Mord an Walter Lübcke planen Rechtsextreme am Samstag eine Versammlung in Kassel

Der Leitartikel der FR: Stoppt die Rassisten und den rechten Terror!

*fr.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare