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Die rechtsextreme Partei „Die Rechte“ rief – wenige kamen.

Analyse

Kassel: Warum so wenige Rechtsextreme dem Aufruf zur Demonstration gefolgt sind

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Dass nur wenige Rechte nach Kassel gekommen sind, hat eine ganze Reihe von Gründen. Eine exklusive FR-Analyse von Joachim F. Tornau.

Als „bildungsferne Massen“ versuchte ein rechter Kundgebungsredner in Kassel die Tausenden Gegendemonstranten verächtlich zu machen. Doch dann war es mit Sven Skoda, Bundesvorsitzender der Partei „Die Rechte“, einer der ihren, der grundlegende mathematische Kompetenzen vermissen ließ: „Knapp 150 Leute“, behauptete er, seien dem Aufruf seiner Partei gefolgt – und damit mehr als erwartet. Ein großer Erfolg also.

In Wahrheit waren es, leicht zählbar, gerade einmal rund 120. Ein ziemlich armseliges Häufchen, angereist zu weiten Teilen aus dem Ruhrgebiet, wo die militant neonazistische Kleinstpartei ihre Hochburg hat. Eine breitere rechtsextreme Mobilisierung gelang nicht. Auch aus der Kasseler Szene ließ sich niemand blicken.

Was manche Beobachter durchaus überraschte, hat eine Reihe von Gründen. Der braunen Splitterpartei fehlt in der Region wie im Bundesland insgesamt die Basis. Noch nicht einmal 1200 Menschen entschieden sich bei der Europawahl in Hessen für „Die Rechte“, in Kassel waren es genau 36. Zum Vergleich: Allein in Dortmund kam die Partei auf mehr als 600 Stimmen. Zwar gibt es einen hessischen Landesverband, auf der Demonstration mit einem eigenen Transparent vertreten, doch der besteht im Wesentlichen aus einer kleinen Handvoll Aktivisten aus dem nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis.

„Die Rechte“ steht für einen Neonazismus alter Schule

„Die Rechte“ steht für einen Neonazismus alter Schule, der sich immer noch positiv auf den historischen Nationalsozialismus bezieht. Zur Europawahl trat die Partei mit der unverbesserlichen Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck-Wetzel als Spitzenkandidatin an, regelmäßig werden für die inhaftierte 90-Jährige Huldigungsaufmärsche veranstaltet. Dass die Partei in Kassel das Wort „Offensive“ auf ihrem Fronttransparent in einer Weise falsch schrieb, dass darin „Ofen“ und „SS“ vorkamen, darf man getrost als programmatisch verstehen.

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Vielen Rechtsextremen, auch wenn sie selbst früher nicht anders aufgetreten sind, ist das mittlerweile zu plump. Sie finden das modernere Image der jüngst vom Bundesamt für Verfassungsschutz offiziell als „rechtsextremistisch“ eingestuften „Identitären Bewegung“ attraktiver. Sie wollen sich nicht als Ewiggestrige ins Abseits stellen, sondern Teil dessen sein, was Vordenker der Szene als „Mosaik-Rechte“ bezeichnen: ein Milieu, in dem sich der Bewegungsaktionismus der „Identitären“, die intellektuelle Arbeit von Thinktanks und Verlagen sowie die Parteipolitik der AfD gegenseitig ergänzen.

Aus Hessen war in Kassel allein die „Division Mittelhessen“ vertreten

Kleinstparteien mit hohem Geltungsanspruch wie „Die Rechte“ haben darin ebenso wenig Platz wie die ihr ideologisch nahestehenden klassischen Neonazi-Kameradschaften. Immer seltener treten diese Kameradschaften sichtbar auf; aus Hessen war in Kassel allein die „Division Mittelhessen“ vertreten. Als ein Rückzug der „Kameraden“ darf das allerdings nicht missverstanden werden: Sie organisieren sich nur anders, weniger in klar abgegrenzten Strukturen als vielfältig vernetzt über den virtuellen Raum.

Auch in Kassel sind die einstigen Angehörigen der Kameradschaftsszene nicht verschwunden, nur weil sie am Samstag dem Aufmarsch fernblieben. Vielleicht waren sie einfach schlau genug, um zu wissen, dass es für sie nach dem Lübcke-Mord erst einmal besser ist, die Füße still zu halten. Und dass es, so sehr Rechte die Provokation lieben, angesichts der ungekannt breiten zivilgesellschaftlichen Gegenmobilisierung für sie kein Spaß werden würde, an diesem Tag durch Kassel zu laufen.

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