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Walter Köbels Passbild und Lebenslauf in seiner Promotionsakte.
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Walter Köbels Passbild und Lebenslauf in seiner Promotionsakte.

Walter Köbels braune Vergangenheit

Ein Karrierist

Mitläufer oder Nazi? Rüsselsheims Nachkriegsbürgermeister Walter Köbel trat bereits 1937 in die NSDAP ein. Der spätere SPD-Politiker und Landtagsabgeordnete ließ auch sonst jegliche Distanz zum NS-Regime vermissen - wie seine Promotionsakte belegt. Eine Spurensuche.

Von Frank Schuster

Mitläufer oder Nazi? Rüsselsheims Nachkriegsbürgermeister Walter Köbel trat bereits 1937 in die NSDAP ein. Der spätere SPD-Politiker und Landtagsabgeordnete ließ auch sonst jegliche Distanz zum NS-Regime vermissen - wie seine Promotionsakte belegt. Eine Spurensuche.

Walter Köbel genießt in Rüsselsheim ein hohes Ansehen. Die größte Sporthalle in der Stadt, die Walter-Köbel-Halle, trägt den Namen des Nachkriegsbürgermeisters und früheren SPD-Landtagsabgeordneten. Für die Kunstaktion „Leuchtende Vorbilder“ wurde er 2010 von Bürgern vorgeschlagen.

Doch war er wirklich so vorbildhaft? Köbel mag sich nach dem Krieg als ein guter Demokrat bewiesen haben. Doch bis zum Ende der Nazi-Diktatur war der 1918 Geborene, der seine NSDAP-Mitgliedschaft nach dem Krieg verheimlichte, ein Mitläufer im NS-System und stark darum bemüht, Karriere zu machen.

Seine mit Zitaten aus „Mein Kampf“ gespickte Doktorarbeit, die er 1941 im Alter von 23 Jahren schrieb, steckt voller Ehrerbietungen gegenüber der nationalsozialistischen Ideologie und dem „Führer“ Adolf Hitler. Überdies hatten ihn die Spruchkammergerichte in Büdingen und in Darmstadt nicht entnazifiziert, weil er gegenüber der US-amerikanischen Militärregierung seine NSDAP-Mitgliedschaft verschwiegen und falsche Angaben auf seinem Meldebogen gemacht hatte. Der Militärgerichtshof Wiesbaden verurteilte ihn deshalb 1948 zu neun Monaten Gefängnis, von denen er fünf verbüßte. Das alles geht aus Recherchen der Frankfurter Rundschau im Archiv der Goethe-Universität Frankfurt und im hessischen Staatsarchiv Wiesbaden hervor.

In seiner Doktorarbeit beschäftigte sich Köbel mit der „Rechtsform des Winterhilfswerkes“. Die von Adolf Hitler geförderte Einrichtung zum Spendensammeln, die Bedürftigen über den Winter helfen sollte, ist heute unter Historikern sehr umstritten, unter anderem weil sie zu Propagandazwecken missbraucht wurde.

Der Oldenburger Historiker Hans-Peter Klausch deckte für eine Studie im Auftrag der Linksfraktion im hessischen Landtag die frühere NSDAP-Mitgliedschaft Köbels auf. Laut seiner Studie waren mindestens 75 hessische Landtagsparlamentarier der Nachkriegszeit ehemalige Mitglieder der Nazi-Partei, darunter prominente Politiker wie der ehemalige CDU-Vorsitzende Alfred Dregger oder der frühere FDP-Landeschef Heinrich Kohl. Im Landtags-Handbuch hatten nur drei Abgeordnete ihre NSDAP-Mitgliedschaft angegeben.

Klausch bewertet Köbel, der im Alter von 18 Jahren NSDAP-Mitglied wurde, als eines der jugendlichen Opfer „jahrelanger Indoktrination, aus der sie sich spätestens nach dem Krieg gelöst haben“. Der Historiker übersah in seiner Studie jedoch, dass der spätere Bürgermeister von Rüsselsheim im Gegensatz zu den anderen „jugendlichen Opfern“ , die er nennt, schon viel früher, nämlich bereits 1937, in die NSDAP eintrat. Von der Doktorarbeit hatte er bislang keine Kenntnis.

Konfrontiert mit den Recherchen der FR räumt Klausch ein: „Das relativiert meine Sicht.“ Er frage sich überdies, warum Köbel für seine Doktorarbeit ausgerechnet das Thema Winterhilfswerk gewählt habe.

Der Historiker Gerhard Menk, Honorarprofessor an der Uni Gießen und früherer Oberrat am Staatsarchiv Marburg, warnt indes davor, den von NS-Propaganda geprägten Passagen in Köbels Promotion allzu viel Bedeutung beizumessen. „Da muss man vorsichtig sein“, sagte er. Ähnlich wie im SED-Regime habe während des Dritten Reiches in akademischen Arbeiten eine sogenannte „captatio benevolentiae“ („Erheischen des Wohlwollens“) platziert werden müssen, damit sie überhaupt angenommen worden seien – vor allem bei Juristen, die in den Staatsdienst treten wollten.

Über Köbels Doktorvater Friedrich Giese, der den Lehrstuhl für öffentliches Recht inne hatte, urteilt Notker Hammerstein in seinem Kompendium zur Goethe-Uni: Er sei zwar kein Nationalsozialist gewesen, als Konservativer habe er aber auch keinen Widerstand geleistet.

Ging es Köbel nur darum, Karriere zu machen? Seine Promotionsakte zumindest lässt jegliche Distanz zum NS-Regime vermissen. Noch 1943, zwei Jahre nach Abgabe der Doktorarbeit – er war mittlerweile als Unteroffizier in Nordhausen stationiert – , schrieb er an den Dekan der juristischen Fakultät, dass er nach dem Krieg beabsichtige, seine Arbeit veröffentlichen zu lassen. Der Krieg ging anders aus – die Doktorarbeit blieb unveröffentlicht.

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