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Die Turbinenhalle des Heizkraftwerks West in Frankfurt gehört zu den ältesten erhaltenen Bauteilen.

Literatur

Der Kampf ums industrielle Erbe

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Ein neues Buch dokumentiert, was in Frankfurt und Offenbach an Industriearchitektur erhalten blieb.

Auf den ersten Blick erscheint das als eklatanter Widerspruch. Frankfurt am Main und Industriekultur? Weit über Deutschland hinaus gilt Frankfurt als die Kommune, die mit ihrem städtebaulichen und architektonischen Erbe besonders rücksichtslos umgesprungen ist. Die einfach getilgt hat, was sich der Entwicklung zur deutschen Banken- und Dienstleistungsmetropole in den Weg stellte.

„Es ist leider sehr viel abgerissen worden beim Wandel hin zu Bürobauten, aber auch für Wohnhäuser“, urteilt der Frankfurter Architekt D. W. Dreysse im Gespräch mit der FR. Doch der 82-Jährige, der sich schon seit Jahrzehnten für die Industriearchitektur engagiert, zeigt in einem neuen Buch, dass in Frankfurt und Offenbach dennoch viele Industriebauten erhalten blieben. Und dass sie mittlerweile auch einen höheren Stellenwert genießen als früher.

„Industriekultur in Frankfurt und Offenbach“ heißt der Band, den Dreysse gemeinsam mit dem 73-jährigen Stadt- und Regionalplaner Peter Lieser und dem Fotografen Matthias Matzak erarbeitet hat. Auf 200 Seiten gibt das Werk, das im Frankfurter Verlag Henrich Editionen erschienen ist, einen Überblick über Bauwerke in beiden Städten. Auf einer ausklappbaren Karte sind zudem 120 Standorte von industriellen Bauwerken in Frankfurt und 58 in Offenbach verzeichnet – die Leserinnen und Leser erhalten also eine Blaupause für einen eigenen Rundgang durch beide Städte. Ein Buch mit hohem Nutzwert, dessen Entstehungsgeschichte weit zurückreicht.

Schon im Jahre 2005, so erinnert sich Dreysse, hätten Lieser und er Industriebauten in Frankfurt und Offenbach systematisch erfasst – für eine „Route der Industriekultur“. Mittlerweile umfasst dieser Parcours rund 1000 Orte im gesamten Rhein-Main-Gebiet und es gibt alljährliche „Tage der Industriekultur“, organisiert von der Kulturregion FrankfurtRhein-Main.

Das Buch aber kam erst jetzt zustande. Die Bilder des Fotografen Matthias Matzak und die Texte zeichnen ein Panorama von Frankfurt und Offenbach, in dem manches Puzzlestück vertraut, viele aber auch ganz fremd erscheinen. Dass sich die Auswahl auf die beiden Städte konzentriert, ist für Dreysse nur logisch. Schließlich bildeten die beiden Kommunen das Herz der Rhein-Main-Region. „Sie stellen im Grunde schon jetzt eine Stadt dar – und sie werden weiter zusammenwachsen“, davon ist Dreysse überzeugt. Im Übrigen habe die Industriekultur in Offenbach unter dem städtebaulichen Wandel genau gelitten wie in Frankfurt. „Die Dichte von Industriebetrieben war unglaublich – aber vieles ist verschwunden.“

Dreysse wirft den städtischen Denkmalschützern gerade in Frankfurt vor: „Sie knicken immer wieder ein.“ Als „Horror-Beispiel“ sieht er die begonnene Umwandlung des ehemaligen Elektrizitätswerks in Bockenheim nahe dem Westbahnhof in eine Anlage mit Luxuswohnungen. Von dem schönen gelbroten Klinkerbau der Vergangenheit bleibe bis auf Außenmauern nichts mehr erhalten.

Dennoch sieht Dreysse in Frankfurt wie Offenbach noch bemerkenswerte Beispiele der Industriekultur. „Das bedeutendste Gebäude in Frankfurt am Main ist für mich der Hauptbahnhof“, urteilt der in Frankfurt aufgewachsene Architekt. Er fordert, den 1888 eröffneten Kopfbahnhof endlich zum Weltkulturerbe zu machen.

Natürlich findet sich der Hauptbahnhof ebenso im Buch wie das von Hans Poelzig entworfene IG-Farben-Haus im Westend, das heute die Goethe-Universität beherbergt. Oder der Mousonturm, das einzig erhalten gebliebene Gebäude der einst weltbekannten Parfümerie und Seifenfabrik Mouson.

Stadtplaner Peter Lieser vermerkt positiv, dass der Stellenwert der Industriearchitektur heute ein größerer ist als noch vor 20 Jahren. „Das Potenzial wird manchmal erkannt, manchmal auch nicht“, sagt der gebürtige Saarländer, der im Auftrag der Stadt Frankfurt von 1989 an das Projekt Grüngürtel verwirklicht hatte, im Gespräch mit der FR.

Lieser nennt als positives Beispiel die durchaus umstrittene Umwandlung der alten Frankfurter Großmarkthalle im Ostend zum Domizil der Europäischen Zentralbank (EZB). Obwohl in die denkmalgeschützte Halle baulich erheblich eingegriffen wurde, sieht er im Ergebnis „eine tolle Entwicklung“.

Der Planer bekennt freimütig, er habe bei der Industriearchitektur „Feuer gefangen“. Bei zahlreichen Rundgängen und -fahrten erkundeten die beiden Freunde die Städte Frankfurt und Offenbach. In Frankfurt reihen sie auch U-Bahn-Stationen wie Eschenheimer Tor oder Grüneburgweg bei den bemerkenswerten Industriebauten ein.

Nicht sämtliche herausragende Industriearchitektur ist etliche Jahrzehnte alt. Dreysse und Lieser würdigen auch die riesige Messehalle 3, die größte des Frankfurter Messegelände und eine der größten der Welt. Dieses Bauwerk nach dem Entwurf des britischen Architekten Nicholas Grimshaw mit Tragbögen von 165 Metern Spannweite stammt aus dem Jahre 2001.

In acht Kapiteln behandelt das Buch von Dreysse, Lieser und Matzak das Wesen der Industriestadt, den Knoten Frankfurt, Städtebau und Stadtentwicklung, Architektur und Konstruktion, Erzeugung und Verteilung von Energie, Wasser und Abwasser, Arbeiterwohnungen und Unternehmervillen sowie die Umnutzungen industrieller Bauten.

Einige dieser Kleinode sind akut bedroht. Das gilt etwa für die Villa Meister in Sindlingen mit ihrem wunderschönen Park. Ein privater Investor hat sie 2019 gekauft und will luxuriöse Eigentumswohnungen errichten. Es lohnt sich aber, um Industriearchitektur zu kämpfen.

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