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Die mobile Arztpraxis für Ost- und Nordhessen, der „Medibus“.

Gesundheit

Kampf dem Ärztemangel in Hessen

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Der Präsident der Ärztekammer fordert mehr Studienplätze. Von der Landarztquote der hessischen Koalition hält er nichts.

Doppelt so viele Ärzte ausbilden, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen: Das hat der Präsident der hessischen Ärztekammer, Edgar Pinkowski, am Dienstag gefordert. „In den kommenden Jahren scheiden viele Kolleginnen und Kollegen der Babyboomer-Generation aus dem Berufsleben aus“, sagte Pinkowski. Und der ärztliche Nachwuchs sei überwiegend weiblich. Aber auch die Männer seien im Gegensatz zu ihren Vorgängern nicht bereit, ihr Privatleben zugunsten des Berufs zurückzustellen. Diese Zeit fehle dann in der Krankenversorgung.

Ergo: „Für zwei ausscheidende Ärztinnen oder Ärzte müssten vier neue kommen.“ Der Ballungsraum bereitet ihm weniger Sorge. Die wohnortnahe Versorgung mit Haus- und Fachärzten sei dort auch künftig gewährleistet. Doch in kleineren Kommunen und im ländlichen Bereich werde es immer schwieriger.

In Hessen sind laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) aktuell 223,5 Sitze von Hausärzten nicht besetzt.

Bei der fachärztlichen Versorgung sind 47 Sitze im niedergelassenen Bereich frei. Bei Kinder- und Jugendpsychiatern sind es 17 Sitze.

Unterversorgung droht laut KV in den Bereichen Allendorf/Eder, Biedenkopf, Dieburg/Groß-Umstadt, Idstein und Sontra. jur

„Kontraproduktiv“ sei hingegen die Überlegung, Abiturienten mit niedrigerem Notendurchschnitt, die Medizin studieren wollen, für eine spätere Tätigkeit auf dem Land zu ködern. Dies erwecke den Eindruck, dass nur die weniger Ambitionierten aufs Land kämen. Wichtig sei vielmehr, dass die Politik für gute Rahmenbedingungen sorgt, so Pinkowski. Für ländliche Gebiete heiße dies ein gutes Angebot an Kindergärten, Schulen und vor allem eine gute Verkehrsanbindung. Denn ein Landarzt muss nach Ansicht Pinkowskis nicht zwangsläufig auf dem Land leben. „Es ist durchaus denkbar, auf dem Land zu arbeiten und in der Stadt zu wohnen, wo der Partner seine Arbeit hat oder die Kinder eine Ausbildung machen.“

Eine Absage erteilte der Präsident der „Landarztquote“ im Medizinstudium, wie sie im hessischen Koalitionsvertrag von Schwarz-Grün zu finden ist. Ein Teil der Studienplätze soll demnach an Studierende gehen, die sich dazu verpflichten, sich später auf dem Land niederzulassen. Für sie soll es auch Stipendien geben. Diese Idee findet bei dem Kammerpräsidenten der Ärzte keinen Anklang: „Stärkung des Landarztes ja, aber kein Zwang.“

Bislang sind die Bemühungen um mehr Studienplätze verhalten. Vor knapp einem Jahr hatte Boris Rhein (CDU) als damals noch amtierender Wissenschaftsminister eine Absichtserklärung mit Vertretern mehrerer Hochschulen unterschrieben, um Teilstudienplätze in Vollstudienplätze in der Marburger Humanmedizin umzuwandeln.

Unterdessen gibt es an vielen Stellen Bemühungen, mit dem Einsatz neuer Kommunikationstechnik die Folgen des drohenden Ärztemangels zu lindern. Hinzu kommen ungewöhnliche Projekte wie der jüngst ausgezeichnete „Medibus“, die rollende Arztpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Ein „erfolgreiches Modell und Notlösung in einem“, betont KV-Vizevorsitzender Eckhard Starke auf FR-Anfrage. Das Projekt laufe gut, die Akzeptanz sei deutlich gestiegen. Gleichwohl wünschten sich viele Patienten eine Arztpraxis vor Ort. Der Medibus sei nicht die Lösung für regionale Versorgungsprobleme, sondern könne lediglich die wenigen noch dort tätigen Hausärzte unterstützen. Aus finanziellen Gründen sei es nicht möglich, so Starke, „das Modell unbegrenzt auszuweiten“.

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