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Kaiser mochte Homburger Äpfel

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Die rechteckige, geometrische Struktur des herrschaftlichen Obstgartens im Schlosspark stammt mutmaßlich noch aus Zeiten der Renaissance und ist bis heute erhalten geblieben. schloss
Die rechteckige, geometrische Struktur des herrschaftlichen Obstgartens im Schlosspark stammt mutmaßlich noch aus Zeiten der Renaissance und ist bis heute erhalten geblieben. schloss © tz

Führung gibt Einblicke in die Geschichte des herrschaftlichen Obstgartens

BAD HOMBURG - Kaiser Wilhelm hat eine leichte Röte und saftige Würze, wohingegen bei Kaiser Alexander das Grün dominiert und süßweinig bis himbeerartig schmeckt. Hier ist natürlich nicht der Geschmack der historischen Persönlichkeiten gemeint, sondern die der Apfelsorten, welche die Teilnehmer im Rahmen einer wahrhaft fruchtbaren Themenführung kürzlich im Schlosspark besichtigen konnten. Zu dieser hatten die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen (SG) kürzlich geladen.

Unter dem Titel „Neues zur Gartengeschichte der Obstquartiere im Bad Homburger Schlosspark“ konnten sich die Teilnehmer während der 60-minütigen Führung unter Leitung von Jonas Reinhart, Fachgebiet Gärten und Gartendenkmalpflege, auf Einblicke in die Geschichte und Entwicklung des historischen Obstgartens freuen.

Zu Anfang der Führung nahm Reinhart die Teilnehmer mit in die strukturelle Entwicklung des Gartens, ausgehend vom 17. Jahrhundert. Ein Stich des Kupferstechers Matthäus Merian zeigt den Ziergarten unterteilt in rechteckige Parzellen. Die rechteckige geometrische Struktur des Gartens stammt mutmaßlich noch aus Zeiten der Renaissance und ist bis heute erhalten geblieben.

Zwetschgen entfernt

Im Laufe der Zeit durchlief der Garten einige strukturelle Änderungen. Ab 1830 finden sich erstmals unterschiedliche Bezeichnungen wie Apfel- oder Zwetschgenquartier für die Obstanlagen wieder. 1866 kam das damalige Hessen-Homburg nach dem Krieg unter preußische Verwaltung und wurde zur Sommerresidenz von Kaiser Wilhelm I. Dieser trieb den Obstanbau in den Gärten massiv voran. Auch die Flächen, die bis 1856 noch als Anbauflächen für Gemüse dienten, wurden fortan zum Obstanbau genutzt. Zur Blütezeit um 1900 herum sollen über 1000 Obstbäume, so die Vermutung, mit mehr als 200 verschiedenen Birnen-, Äpfel-, Kirsch-, Mirabellen- und weiteren Obstsorten den Garten geziert haben.

In dieser Zeit entstanden auch die Garteninventare, die auflisteten, welche Partie des Gartens welche Obstbäume beherbergte. 1906 konnte durch die Errichtung von zwei Spaliergängen aus Eisen auch Spalierobst angebaut werden. Für den verstärkten Obstanbau zeichnet sich Kaiser Wilhelm II. verantwortlich, der den Kartäuser-Apfel besonders schätzte und zentnerweise aus den Gärten nach Potsdam liefern ließ. Allein 1912 seien über 250 Zentner Obst aus dem Schlosspark exportiert worden.

Nach Abdankung des Kaisers kam 1918 der Obstanbau weitestgehend zum Erliegen. In der Folge kam es zu einer Verwahrlosung des Gartens, zusätzlich führte der strenge Winter 1936 zum Verlust vieler Obstbäume. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Obstgartens vorübergehend in Anbauflächen zur Nahrungsmittelproduktion umgewandelt. In den 70ern wurde der Garten flächendeckend mit Obstgehölzen versehen. Der ehemalige Zwetschgengarten wurde durch den Ausbau des Hindenburgrings komplett entfernt, wodurch der Schlossgarten über 3000 Quadratmeter an Fläche einbüßte.

Um das Jahr 2000 herum ließ man schließlich den Obstgarten mit 100 Obstbäumen dank Spendenmittel vorrangig im ehemaligen Apfelquartier sowie im Mirabellen- und Birnenstück wieder aufforsten.

Als Abschluss der Führung durften die Teilnehmer an dem Tag noch einen Blick in den „Tempel der Pomona“ werfen. Dieses ehemalige im chinesischen Stil errichtete Teehäuschen steht in der 1770 eingerichteten Gartenpartie „Fantasie“ in Hörweite des Hindenburgrings. Zwischenzeitlich wurde es abgerissen, später dann nach historischem Vorbild wieder rekonstruiert. Heute beherbergt das Gebäude eine Dauerausstellung zur historischen Obstkultur von Bad Homburg und des 15. Jahrhunderts.

So bietet der Raum neben einer Sammlung historischer Birnen- und Quittensorten auch eine Übersicht historischer und gegenwärtiger Apfelsorten, nachgebildet aus Pappmaché und mit Wachsfarben naturgetreu bemalt. Hier wird die Vielfalt der damaligen Obstsorten noch einmal besonders deutlich.

Sind heute europaweit etwa 25 Apfelsorten erhältlich, waren es im 19. Jahrhundert mehr als 21 000 Sorten. Kein Wunder also, dass sich ob der geschmacklichen Vielfalt Kaiser Wilhelm so für das Kernobst begeistern konnte.

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