Maximilian von Goldschmidt-Rothschild, großer Mäzen mit verwittertem Grabstein.
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Maximilian von Goldschmidt-Rothschild, großer Mäzen mit verwittertem Grabstein.

Jüdischer Friedhof

Jüdischer Friedhof in Frankfurt: Verschwundene Erinnerungen

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Ein Förderkreis kümmert sich um namenlose Gräber des Alten Jüdischen Friedhofs Frankfurt - auch der 92 Jahre alte Komponist Sam Adler unterstützt das.

In diesen Frühlingstagen ist der Alte Jüdische Friedhof an der Rat-Beil-Straße in Frankfurt ein fast märchenhaft verwunschener Ort. Blaue Leberblümchen bilden ganze Teppiche, die ersten Bäume werden schon grün, Vögel zwitschern, Eichhörnchen spielen zwischen den alten Grabsteinen. Mitten in der Stadt ist es hier ganz einsam, die meisten Passanten, die entlang der hohen Mauer an der vielbefahrenen Straße vorbeilaufen, waren noch nie dort – dabei ist der historische Friedhof tagsüber geöffnet, außer am Samstag, dem jüdischen Feiertag Sabbat. Männliche Besucher sollten aus Respekt eine Kopfbedeckung tragen, Frauen brauchen keine.

Der Sandstein, aus dem die meisten Grabmale gemacht sind, bröckelt.

Allerdings stören an vielen Stellen bunte Baustellenbänder die Idylle. Sie flattern zwischen den historischen Grabmalen im Wind oder umwinden die verwitternden alten Steine. „Auf eine Art war das auch ein Glück“, sagt der Frankfurter Autor und Journalist Armin H. Flesch, der in der Nachbarschaft wohnt und ein hervorragender Kenner des Friedhofs ist. „Die Bänder haben mich erst darauf aufmerksam gemacht, wie schlecht es um die Grabmale bestellt ist. Das ist wie bei Bekannten, die zu Besuch kommen und einem sagen, dass es doch mal Zeit wäre, zu renovieren. Selbst war mir das gar nicht so bewusst, wie dringend das ist.“

Armin H. Flesch will den Gräbern wieder Namen zuordnen.

Immerhin liegen hier so prominente Bürger und Mäzene wie der Nobelpreisträger Paul Ehrlich oder Bertha Pappenheim, Sigmund Freuds geheimnisvolle Patientin „Anna O.“, die Bankiersfamilie Rothschild, der Erfinder Paul von Gans oder der bis heute als wundertätig verehrte Rabbi Israel von Stolin, an dessen Grabstein Besucher immer noch Zettel und kleine Steinchen ablegen und Kerzen anzünden. 200 Jahre Geschichte sind hier erlebbar, viele Grabmale zeigen das wachsende Selbstbewusstsein und Selbstverständnis der jüdischen Familien im Laufe des 19. Jahrhunderts. Manche der Monumente unterscheiden sich nur unwesentlich von den christlichen Gräbern der selben Zeit auf dem benachbarten Hauptfriedhof, sie spiegeln Moden und Geschmack der Zeit. „Eigentlich sollten jüdische Grabsteine ganz schlicht sein“, sagt Flesch. „Und streng genommen haben auch Bäume hier nichts verloren.“ Der heute integrierte Friedhof der orthodoxen Israelitischen Religionsgemeinschaft, wo auch das Grab des wundertätigen Rabbis zu finden ist, zeigt solche schlichten Steine.

Auffällig auf dem 1822 geweihten Friedhof, der damals auch einige ältere umgebettete Bestattungen aufnahm, ist der schlechte Zustand vieler Gräber. Daran sind nicht nur Frost und Regen schuld, wie Flesch an zahlreichen Steinen zeigt. In der Nazizeit wurde der Friedhof an der Rat-Beil-Straße geschändet, nicht einmal die Toten ließ das NS-Regime in Ruhe. Die Spuren von Spitzhacken und Hämmern sind an vielen Stellen bis heute sichtbar.

SCH’MOT – NAMEN

Mit dem Projekt„Sch’mot – Namen“ will ein Förderkreis rund um den Journalisten und Autor Armin H. Flesch Geld für den Alten Jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße Frankfurt sammeln.

Etwa zehn Prozentder mehr als 30 000 Grabsteine tragen keine Namen mehr. Kleine Gedenktafeln, so wünscht sich die Initiative, sollen künftig anzeigen, wer hier bestattet wurde. Zum noch kleinen Förderkreis gehören neben Flesch unter anderem Jan Gerchow vom Historischen Museum, der Frankfurter Kämmerer Uwe Becker (CDU), der Musiker Vladislav Brunner, der Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne), Alt-Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) und Salomon Korn von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.

Auftakt für die Spendensammlungsoll ein Konzert in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sein, dessen Termin allerdings wegen der aktuellen Coronakrise auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist. Der Geiger Vladislav Brunner dirigiert das Kammerorchester Frankfurt. Exklusiv zu diesem Anlass hat der deutsch-amerikanische Komponist Sam Adler das Werk „Gedenkfeier – Gewidmet allen Frankfurter Juden, die noch über den Tod hinaus verfolgt wurden“ geschrieben. 

Vor allem aber raubten die Nazis die kupfernen oder bronzenen Buchstaben von den Steinen, um sie für Kriegswaffen einzuschmelzen. Sie fehlen bis heute, wer genau hinschaut, entdeckt noch die Befestigungsspuren oder Schatten der alten Schrift. „Etwa ein Zehntel der Gräber ist dadurch namenlos“, berichtet Flesch. Wer dort ruht, blieb aber bekannt, weil die Memorbücher erhalten blieben, in denen alle Beerdigungen auf dem Alten und Neuen Jüdischen Friedhof Frankfurt verzeichnet sind.

Ein Förderkreis rund um Flesch will den Toten nun ihre Namen zurückgeben. Kleine Steintafeln sollen neben die Grabmale gestellt werden, so Fleschs Idee. Das kostet allerdings viel Geld, eine Ausschreibung werde zeigen, um welche Summen es geht, sagt er.

Der Musiker Vladislav Brunner zeigt Spuren verlorener Buchstaben.

Neben einigen prominenten Förderern hat Flesch auch den Musiker Vladislav Brunner gewonnen, der aus Bratislava stammt und seit 35 Jahren am hiesigen Opernhaus spielt. Mit seinem Kammerorchester Frankfurt will er bei einem Konzert Spenden sammeln.

Der deutsch-amerikanische Komponist Sam Adler, gebürtiger Mannheimer, der vor wenigen Tagen 92 Jahre alt geworden ist, hat ein eigenes Werk für diesen Anlass komponiert. „Wir mussten ihn gar nicht lange bitten“, sagt Brunner. „Er hat sofort zugesagt.“ Ob Adler selbst zu der Uraufführung kommt, ist noch offen. „Eigentlich wollte er in diesen Tagen in Mannheim sein, denn er reist noch. Aber das wurde wegen Corona leider abgesagt“, berichtet Brunner. „Da hätte ich ihn persönlich kennengelernt.“

Eigentlich hätte dieser Tage auch der Vorverkauf für Brunners Benefizkonzert beginnen sollen, wegen der Ausbreitung des Coronavirus muss es nun aber ebenfalls auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Es werde aber auf jeden Fall nachgeholt, versprechen Flesch und Brunner.

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