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Seemanntisch.

Dirk Streitenfeld in Frankfurt

Verpackte Racheakte

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Mehr als zwei Jahrzehnte lang bot Dirk Streitenfeld gemeinsam mit seiner Frau Regina Comics, Cartoons und Karikaturen ein Forum. Seit Schließung der Galerie hat er selbst wieder mehr Zeit zum Malen – und komische Kunst zu schaffen. Jetzt stellt er in Frankfurt aus.

Es ist für ihn wie ein Spiel. Ein Spiel mit Motiven, mit Themen, mit Sprache vor allen Dingen. Und mit dem Betrachter. Nicht aber mit seiner Kunst. Sie, sagt er, „ist mir sehr ernst“. Obwohl sie komisch ist. Dabei gern doppelbödig und schwarzhumorig. Wie das Bild vom Grabstein des Glatzkopfes, Unterzeile: „Verstorben mit 18 Haaren.“ Oder das Gemälde „Seemanntisch“, auf dem ein Matrose an der Reling lehnt und den Rettungsring hinter dem Rücken hält, statt ihn der unten vor ihm im tosenden Meer treibenden Frau zuzuwerfen. Wer das Bild anschaut, darf sich selbst ausmalen, was der Seemann der Verzweifelten wohl zuruft.

„Ein etwas diabolischer Retter“, sagt Dirk Streitenfeld und freut sich lausbübisch. Wie so oft, wenn er über seine Bilder spricht – respektive die Reaktionen darauf kommentiert. „Das ist natürlich totaler Quatsch“, sagt er manchmal auf die Nachfrage, was dieses oder jenes Motiv, dieses oder jenes Wort denn bedeuten solle. Oder auch: „Das ist der totale Schwachsinn.“ Die vier ältlichen Nachtschwärmer in weißen Bademänteln zum Beispiel, die verwirrt dreinschauend mitten auf einer Straße herumstehen. „Der verschwundene Klingelton…“ steht unten im Bild. „Das ist ein Reimansatz, der sich beliebig fortführen lässt, wie ein Geschichtenanstoß.“

„Kunztgemälde“ von Dirk Streitenfeld sind von Sonntag an in der Frankfurter Galerie Schamretta zu sehen. Bis vor etwa anderthalb Jahren hat der 1944 geborene, studierte Grafiker, der vor allem als Plakatkünstler gearbeitet hat, eine eigene Galerie betrieben. Zwei Jahrzehnte lang haben er und seine Frau Regina in ihrem Haus in Oberursel Werke internationaler Künstler ausgestellt: Karikaturen, Comics, Cartoons, Komische Kunst. Der Focus lag auf Bildgeschichten und -kommentaren, auf Arbeiten an der Kunst-/Comic-Grenze, ob in Öl, Acryl oder gezeichnet. Greser&Lenz waren da, Anke Feuchtenberger, Hans Hillmann, Franziska Becker, Atak, Michel Galvin und etliche weitere Größen ihres Genres. Ende 2013 schloss das Ehepaar wegen eines veränderten Publikumsverhaltens und „weil das Finanzamt Druck gemacht hat“, den Ausstellungsraum, der einzigartig war in der Region, wenn nicht gar in der ganzen Republik.

„Der positive Aspekt daran ist, dass ich seitdem mehr Zeit und Initiative für die eigene Arbeit habe“, sagt Streitenfeld. Er gehört zu den Menschen, die Niederlagen, Fehlern und Schwächen immer auch etwas Gutes abgewinnen können. So auch den Erfahrungen, die er in seinem Leben wegen seiner Legasthenie machte. Die Lese-Rechtschreibschwäche ist heute ein zentraler Impuls, Sprache ein zentrales Motiv seiner Bilder, mit denen er nun selbst Geschichten erzählt. Oder vielmehr den Betrachter dazu anhält, nach der Geschichte in seinen Gemälden zu suchen. „In meinen Bildern ist immer etwas Verstecktes drin.“

Nicht der Zebrastreifen im Hochgebirge ist der „Schwachsinn“, sondern die Wendungen dazu: „Es ruft der Berg, es schweigt der Wald, Himmel noch mal, so ist es halt.“ Auf einem anderen Bild lässt Streitenfeld den Künstler Joseph Beuys und den französischen Fußballstar Zinédine Zidane zusammenprallen mit dem Text: „Abseitsdrüse – so ein Quatsch.“ Sie mögen irritieren, doch wahllos sind seine Bilder nie. „Einfach ins Blaue male ich nicht, das muss schon eine tragende Bildidee haben.“ Generell geschehe das über eine „Textbrücke“: eine Wendung, eine Floskel, ein doppeldeutiges Wort, einen Reim, einen missverstandenen Klang. „Carmen isst vom Bizet“ heißt es in einem Bild, ein anderes zeigt „Sidney Nachtpoitier“. Für seine „Whiskasischen Goldkatzen“ hat Streitenfeld beim Konsulat von Tibet nach einer Entsprechung im Tibetischen gefragt und als Antwort den Titel in Kalligrafie geschickt bekommen.

Sprache in sämtlichen Wohl- und Missklängen – darum geht es in Streitenfelds Kunst. Viele seiner Bilder sind kleine Racheakte gegen diejenigen, die ihn einst wegen seiner Lese-Rechtschreibschwäche maßregelten. „Ich räche mich an der Sprachwelt“, sagt er. „Die Welt der Fehler ist die meine.“

Schon das Z im Ausstellungstitel „Kunztgemälde“ ließe, so Streitenfeld, Raum für Assoziationen wie „Hinz und Kunz“ oder auch „Verhunzen“. Über viele Jahre habe ihm die Welt falsche Dinge und Worte aufgedrängt. „Jetzt drehe ich den Spieß um.“ Und wenn es den Leuten Spaß mache, „können sie mir folgen“.

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