+
Ah, das Leben ? her damit: Anna Depenbusch.

Centralstation

"Es ist langweilig, mit Zwanzig über große Krisen zu singen"

  • schließen

Die Sängerin Anna Depenbusch ist jetzt 39 und froh darüber, mit jeder Erfahrung auch als Künstlerin wachsen zu können. Mit ihrem neuen Album gastiert sie am 8. April in der Centralstation in Darmstadt.

Frau Depenbusch, Ihr neues Album heißt „Das Alphabet der Anna Depenbusch“. Gibt es eine bewusste Reihenfolge, einen Bogen, der durch die Songs führt?
Ja, das Album beschreibt im Grunde fast ein Jahr, es sind alle Jahreszeiten drin. Der erste Song, „Fürimmersekunde“ ist so etwas wie ein Neujahrs-Moment. Das Album endet später im Winter. Es entspricht übrigens auch der Produktion des Albums. Es gab Momente, in denen wir im Studio geschwitzt haben, weil es so heiß war, und es gab Momente, in denen wir das Kaminfeuer angemacht haben, um die letzten Takes aufzunehmen. – Wenn es ein Motto gibt, ist es Neustart, Neubeginn. Das Lied „Alles über Bord“ ist der eigentliche Titelsong des Albums. Dieser Gedanke, sich in neue Gefilde zu wagen, ist der rote Faden.

Sie haben das Album selbst geschrieben, außerdem wie schon zuvor selbst produziert. Diese Doppelrolle trifft man eher selten an im deutschen Pop.
Ich liebe das, weil man entscheiden kann, wann man aufnehmen will und wo, und weil man sich alle Musiker selber aussuchen kann. Es sind auf dem Album dieselben, die schon auf dem „Mathematik“-Album dabei waren . . .

Also erst „Die Mathematik der Anna Depenbusch“ – und jetzt das Alphabet.
Ja, das war also alles sehr vertraut, wir konnten direkt loslegen. All das entspricht mir sehr. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass mir ein Produzent sagt, wo ich meine Gesänge aufnehme und wann das stattfinden soll.

Sie sind inzwischen 39 Jahre alt und haben fünf Alben veröffentlicht. Wenn Sie sich mit Ihren älteren Alben beschäftigen, haben Sie dann zurückliegende Zeiten gleich präsent?
Oh ja, insbesondere wenn ich die Fotos im Booklet sehe. Ich erinnere mich dann sehr genau an diese Zeit: an diese bestimmten Songs, die entstanden sind, und an bestimmte Menschen, die darin eine Rolle spielen.

Die Popbranche tut sich ja bekanntlich schwer mit dem Älterwerden. Ein zwiespältiger Vorgang?
Ich sehe totale Vorteile daran, denn ich kann über ganz andere Themen singen. Es gibt Themen, die dir keiner abnimmt, wenn du 20 bist. Da musst du älter werden, damit die Leute dir überhaupt zuhören. Das ist das Tolle an dieser Sparte Liedermacher oder Singer/Songwriter: Man entwickelt sich mit den Songs, und manche Themen werden erst später interessant. Das heißt aber nicht, dass du nicht schon früher über Existenzielles singen kannst, wenn es dich beschäftigt. Wenn zum Beispiel jemand in deinem Umfeld stirbt, ist es dein Thema, ganz unmittelbar. – Ich finde aber, dass ein gewisser Blick auf die Welt erst funktioniert, wenn man schon ein paar Sachen gesehen hat. Es ist langweilig, wenn man mit Anfang Zwanzig über große Lebenskrisen singt. Sowas muss, finde ich, auch passiert sein.

Gibt es Lieder aus früheren Alben, bei denen Sie in diesem Sinne ein anderes Ich entdecken?
Die gibt es: die Schuhe, aus denen man rauswächst und die ich mit einer anderen Zeit verbinde. Es sind im Grunde Kleider, die mir nicht mehr passen, und die ich auch auf der Bühne nicht mehr anziehe. Das Lied „Tretboot nach Hawaii“ zum Beispiel, von meinem vorigen Album, beschreibt eine bestechende Naivität, in die ich mich heute schwieriger hineinversetzen kann.

Ist das Lied für Sie nun obsolet?
Vielleicht kann es eines Tages wieder ins Programm kommen, seinen Platz zurückerobern. Vielleicht arrangiere ich es mal musikalisch anders, dann kann ein Lied eine andere Bedeutung bekommen. Das finde ich etwa an Joni Mitchell so faszinierend. Sie hatte anfangs ja diese engelsgleiche Stimme, und die wurde später kerniger und tief. So eine Veränderung macht auch etwas mit dem Song.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare