Fazil Say hat viele türkische Dichter aus dem 21. Jahrhundert vertont.
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Fazil Say hat viele türkische Dichter aus dem 21. Jahrhundert vertont.

Fazil Say

„Musik erzählt mehr, als man denkt“

Der türkische Pianist und Komponist Fazil Say tritt am 28. Oktober im Offenbacher Capitol auf und präsentiert „Lieder“ mit der Sängerin Serenad Bagcan. Im FR-Interview spricht er über türkische Poesie, wie man sie vertont und die richtige Stimme für seine Lieder.

Von Timur Tinç

Herr Say, wie haben Sie und Serenad Bagcan sich kennengelernt?
Ganz zufällig. 2009 war ich mit dem Nazim Oratorium für ein Konzert in Aspendos (antike Stadt bei Antalya, Anm. d. Red.). Es stellte sich heraus, dass die Hauptsängerin weder zur Probe noch zur Generalprobe erscheinen konnte. Sie konnte nur zum Konzert kommen. Der Stadtchor hat vorgeschlagen, dass da jemand sei, die die Solistenstimme fantastisch, sogar besser singen könne. Und das war Serenad Bagcan.

Mit welchen Werken kommen Sie nun ins Capitol nach Offenbach?
Wir haben ein Programm aus meinen Liedern ausgewählt. Ich habe viele türkische Dichter aus dem 21. Jahrhundert vertont. Nazim Hikmet, Cemal Süreya, Metin Altiok und Orhan Veli, um nur einige zu nennen. Diese Dichter waren sehr wichtig für die türkische Literatur und sind zum Teil weltberühmt. Aber sie sind wenig in die Musik gebracht worden. Deshalb habe ich vor rund 20 Jahren mein erstes Liederalbum in Berlin komponiert. Gesungen wurden sie aber erstmals 2013.

Warum lagen so viele Jahre dazwischen?
Weil diese Lieder eine spezifische Stimme brauchen. Eine, die nicht nur klassisch ausgebildet ist, sondern auch ethnische Lieder oder französische Chansons singen kann. Das alles in einer Stimme zu finden, hat sehr, sehr lange gedauert. Und dann habe ich Serenad Bagcan kennengelernt.

Welche Bedeutung haben die Dichter, deren Werke Sie vertont haben, in ihrem Leben?
Sie haben alle eine sehr große Bedeutung. Mein Vater kommt aus der Literaturszene und ist Schriftsteller. Er schreibt bekannte Kurzgeschichten. Als ich ein Kind war, waren Cemal Süreya, Can Yücel oder Metin Altiok bei uns zu Hause. Das war ein Freundeskreis in den Siebziger Jahren in Ankara. Diese Dichter haben zusammen mit meinem Vater eine Literaturzeitschrift gegründet, „Türkiye Yazilar“, und sie von 1977 bis 1983 herausgebracht.

Sie haben im Vorspann ihres Albums „Ilk Sarkilar“ (auf Deutsch „Erste Lieder“) von einer Lebensaufgabe gesprochen, diese Kompositionen zu erschaffen. Wieso lag ihnen das so am Herzen?
Für mich ist das auch ein persönlicher Dank an diese Zeit, an diese Menschen. In der türkischen Literatur bedeuten sie so viel, und diese Generation von Dichtern ist zum Teil unerreicht. Wir können alle nur stolz auf sie sein.

Wie wandeln Sie deren Poesie in Musik beziehungsweise moderne Lieder um?
Meine Lieder sind melodisch, zeitgenössisch sind sie nicht. Zum Teil sind sie sehr türkisch, in dem Sinne, dass ich Melodien komponiere, die für türkische Ohren sehr nahe sind. Warum sollte ich auch wie ein holländischer oder schwedischer Komponist komponieren?

In der Türkei verstehen die Menschen natürlich die gesungenen Texte. Wie fallen dort die Reaktionen im Vergleich zum nicht-türkischen Publikum aus?
In der Türkei sind die Reaktionen immer: Was für Texte! In unseren Schlagern haben wir eher eine primitive Sprache, und da sind dann plötzlich diese Dichter mit ihren fantastischen Texten. Die Leute haben sich wahnsinnig gefreut. Was Deutschland betrifft, da antworte ich immer: Musik ist eine universelle Sprache. Musik erzählt sehr viel. Viel mehr als man denkt. Wir haben die Lieder auf verschiedenen Festivals in Europa gespielt. Das deutsche Publikum hatte überhaupt kein Problem. Bei dieser Tournee werde ich aber wohl vor jedem Lied etwas sagen und erzählen, worum es geht.

Sie haben auch einige Jahre in Deutschland gelebt. Können Sie sich vorstellen, auch mal Lieder von deutschen Dichtern zu komponieren?
Das habe ich schon häufig gemacht. Ich habe aus Goethes West-Östlichem Diwan sechs Lieder komponiert – für Orchester und Sopranstimme. Das Stück heißt „Goethe-Lieder“. Das habe ich sehr oft in Deutschland aufgeführt: in Heidelberg, Stuttgart oder Berlin, allerdings noch nicht in Frankfurt. Außerdem gibt es Lieder zu Gedichten von Rilke und Bachmann. Und ich werde bestimmt noch viele weitere komponieren.

Geben Sie uns einen Ausblick. Was steht für Sie in den kommenden Wochen und Monaten auf dem Programm, nach diesem Konzert und einem weiteren in Deutschland?
Demnächst wird eine große Japan-Tournee folgen und eine große USA-Tournee. In der Carnegie-Hall in New York gebe ich am 3. Dezember ein Konzert. Bis Ende des Jahres spiele ich 38 Konzerte und habe also viel Arbeit vor mir.

Gibt es einen weiteren Ort, an dem Sie unbedingt spielen wollen und es bisher noch nicht getan haben?
Gute Frage (lacht). Ich spiele jährlich über 100 Konzerte seit 25 Jahren. Ich war auf allen Kontinenten, ich war in allen Städten. Ich habe Freunde in vielen Städten und Ländern. Ich kenne Dirigenten, Orchestermusiker, Kammermusikpartner von Moldawien bis Korea und von Brasilien bis Neuseeland. Dass ich da oder da noch spielen möchte, dieses Gefühl habe ich nicht. Aber man muss immer neue Dinge entdecken. Fazil Say ändert sich auch. Ich komme als ein sehr erfahrener Musiker in Städte, in denen ich seit 20 Jahren spiele. Und es ist jedes Mal eine neue Begegnung für mich, eine Ur-Aufführung. Ich habe nie das Gefühl, dass ich etwas wiederhole, dass ich zu dem gleichen Publikum oder dem gleichen Programm zurückkehre.

Die Lieder, mit denen Sie in Offenbach auftreten, haben Sie vor 20 Jahren komponiert. Gibt es denn noch so ein paar Kompositionen, die Sie in Schubladen haben und irgendwann auspacken werden?
Klar, die gibt es. Es wird die Zeit kommen, wo ich daraus ein Projekt mache. Ich arbeite derzeit an sieben Auftragswerken. Ein Cello-Konzert, an meiner vierten Symphonie und an meiner ersten Oper. Über die Oper kann ich aber noch nicht sprechen.

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