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Ein Auge für das Detail: das Großbürgertum der neapolitanischen Krippe. Designer Jörg Gimmler steht im Hintergrund.

Weihnachten

"Man schaut auf eine kleine Welt"

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Die neapolitanische Weihnachtskrippe im Dommuseum Frankfurt eröffnet. Wir haben die Aufbauarbeiten begleitet. Die meisten Figuren sind älter als 250 Jahre.

Wer glaubt, die Experten des Aufbauteams der neapolitanischen Weihnachtskrippe im Frankfurter Dommuseum müssen weiße Samthandschuhe tragen, der täuscht sich. Die Krippengestalterinnen Susanne Kessler und Petra Eichler von Sounds of Silence und der Designer Jörg Gimmler tragen schwarze Latexhandschuhe, ganz schlicht. Mit Fingerspitzengefühl holen sie die mehr als 40 Figuren aus den Aufbewahrungsbehältern und platzieren eine nach der anderen in dem Bühnenkasten.

Von Samstag an erzählen die Figuren, deren Einzelwerte 10 000 Euro übersteigen, die Geschichte der Geburt Christi. „Mich faszinieren die Beziehungen der einzelnen Figuren untereinander“, sagt Architektin Petra Eichler, „jede hat einen anderen Charakter.“

Vor der antiken Tempelruine sitzt zum Beispiel eine Bäuerin auf einem Esel. Sie wiegt ihr Kind in den Schlaf. Vor ihr verweilen Bürger im feinen Gewand. Sie verspeisen Trauben, die sie in ihren Flechtkörben mitgebracht haben und trinken Wein aus ihren Tonkrügen. Neben ihnen treiben Hirten ihre Schafsherde vor sich her. Sie alle sind auf dem Weg zur Geburt Christi in der Mitte der Bühne.

Dort steht der Stall aus Bethlehem, in dem Maria und Josef mit dem Jesuskind verweilen. Die Heiligen drei Könige überreichen dem neugeborenen Kind ihre Gaben aus Gold, Myrrhe und Weihrauch. Vollendet wird die detailgetreue Straßen- und Marktszene von den Engelskindern mit ihren lockigen Haaren und knallroten Wangen.

Drei Wände umgeben die Krippe, die eine südländische Landschaft im Stil der neapolitanischen Herkunft zeigen. Dadurch soll eine räumliche Tiefe entstehen, erklärt Eichler. An der Außenseite der Wände sind außerdem noch kleine Gucklöcher angebracht, durch die man einen besonderen Blick auf eine bestimmte Figurengruppe bekommt. Kleine Spotlights an der Decke des Bühnenkastens beleuchten passend dazu einzelne Handlungen der Szene.

„Die Anordnung ist kein Zufall“, versichert Bettina Schmitt. Wenn die Direktorin des Dommuseums auf die Krippe blickt, hat sie „eine kleine Welt“ vor Augen, „in die man hineinschaut“. Doch Schmitt ist nicht nur stille Beobachterin, sondern gibt dem Team bei dem Aufbauarbeiten hilfreiche Anweisungen.

Dabei betont sie die naturalistisch geprägte Szenerie Neapels, die auf der Bühne wiedergegeben werden soll. Sie nennt J. W. Goethe, der in seinem Werk „Italienische Reise“ über das neapolitanische Weihnachtsfest schrieb, und erzählt von den Presepisti, wie das Krippen-Aufbauteam in Neapel genannt wird. „Die haben aus der Inszenierung immer eine gemeinschaftliche Spielerei veranstaltet“, sagt Schmitt.

Die im Dommuseum ausgestellte neapolitanische Weihnachtskrippe ist eigentlich im Besitz der Kirche St. Leonhard, die wegen andauernder Restaurierungsarbeiten die Ausstellung nicht in ihren Räumen präsentieren kann. Die meisten Figuren sind vor 250 Jahren in den Manufakturen Neapels entstanden. Als die Adelshäuser ab dem 19. Jahrhundert in finanzielle Nöte gerieten, gelangten die handwerklichen Meisterstücke vermehrt auf dem Markt.

Anfang des 20. Jahrhunderts brachte schließlich ein Bonner Kunsthändler die Krippe nach Deutschland. Den Grundstock der heutigen Krippe kaufte 1943 Peter Richter, Pfarrer des St. Leonhardskirche, für seine Glaubensgemeinschaft. Es wird vermutet, dass ihm der bekannte Frankfurter Unternehmer Adolf Schindling dabei geholfen haben soll. Schindling allerdings soll einen Großteil der Sammlung für sich und seine Familie behalten haben. Nach seinem Tod hinterließ der Mäzen die Krippe seiner Tochter Liselott Linsenhoff. In ihrem Nachlass schenkte die berühmte Dressurreiterin der St. Leonhardskirche den fehlenden Teil der Krippe und vereinte die Figuren.

Noch heute werden in Neapel Weihnachtskrippen hergestellt. Durch die Altstadt verläuft die Via San Gregorio Armeno, die sogenannte Krippenstraße. Dort machen sich dann nicht nur die Bauern, Hirten und Bürger auf die Reise zum Jesuskind, sondern gerne auch mal Fußballspieler. Auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel soll es Figuren geben. Für die Krippe im Dommuseum hat sich das Aufbauteam etwas besonderes ausgedacht. Sie haben einen Bembel im Miniaturformat besorgt. Ob sie ihn in der Krippe platziert haben, ließen sie offen.

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