Frankfurter Geschichte(n) 2002

Die "Hurerey" wurde der jungen Frau zum Verhängnis

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Schon den ganzen Tag hatte die Magd über schlimme Leibschmerzen geklagt. Als Phillip Christian Schuler, Gesell des Hutstaffierers Johann Peter Auler, der

Schon den ganzen Tag hatte die Magd über schlimme Leibschmerzen geklagt. Als Phillip Christian Schuler, Gesell des Hutstaffierers Johann Peter Auler, der Kranken am 15. Februar 1776 gegen 9 Uhr abends Tee und Arznei bringt, bemerkt er die blutigen Hände der Magd. Hausherr Auler ahnt Unrat und zeigt seine Bedienstete noch am selben Abend beim Bürgermeister an. Um Mitternacht treffen die Hebamme Anna Bauriedel, Hofrat Doktor Pettmann und Ratsschreiber Claudi in dem Haus in der Schnurgasse ein. Susanna Catharina Feith, die kranke Magd, leugnet nicht: Ja, sie habe gegen 8 Uhr abends ein Kind zur Welt gebracht. Es liege neben ihr unter der Bettdecke. Die Zeugen schauen nach, es bietet sich ihnen ein grausames Bild: Neben der Frau liegt ein neugeborenes Mädchen. Das Baby, das noch an der Nabelschnur hängt, ist tot: Seine Mutter hat ihm mit einem stumpfen Messer den Kopf abgeschnitten.

Die ganze Wahrheit kommt erst Stück für Stück ans Licht. "Die Veithin" behauptet zuerst, sie habe das Kind getötet, als nur sein Kopf herausguckte, um ihre unerträglichen Schmerzen zu lindern. Später gibt sie zu, dass "des Kindes beyde Achseln aus dem Leib gewesen" seien und es schon seinen ersten Schrei getan hatte. Schließlich gesteht sie, dass sie ihr Kind nach der Geburt getötet hat. Die heute schwer verständlichen Unterscheidungen haben vermutlich einen juristischen Hintergrund: Ihr Anwalt wird später vergeblich argumentieren, dass das Kind zum Zeitpunkt seines Todes noch gar nicht richtig geboren war - und folglich nicht umgebracht werden konnte.

Das Unglück der 24-jährigen Wiesbadenerin, die zum Zeitpunkt der Bluttat seit zwei Wochen in Frankfurt weilte, hatte im Jahr zuvor nach der Ostermesse begonnen. Im Wiesbadener Wirtshaus mit dem passenden Namen "Zum schwarzen Bock" erliegt sie dem Sturm und Drang eines "welschen Fuhrmannes" namens Zerbes. Eigentlich habe sie das gar nicht gewollt, erzählt sie später dem Pfarrer Johann Heinrich Bechthold, der sich während ihrer Haft um sie kümmert. "Allein der Bösewicht habe sie wüthend und heftig überfallen und Hurerey mit ihr getrieben, ehe sie vermuthet, daß es geschehen werde. Nach diesem wäre ihr Herz so zu bösen Lüsten des Fleisches gereizt gewesen, daß sie an ihrem Verführer Belieben gekommen", berichtet der Gottesmann.

Das Urteil der Frankfurter Ärzte, die den Kindsmord untersuchen, ist eindeutig. Sie kommen zu dem Schluss, dass "die Veithin . . . den Kopf des lebenden Kindes, nachdem sie solches wenigstens biß an den Unterleib gebohren, mit großer Gewalt ergriffen, sodann den Halß mit dem bey ihr gefundenen stumpfen Zuleg-Messer abgeschnitten, folglich dadurch dasselbe grausam und plötzlich ermordet habe".

Der Richterspruch ist erwartet hart - vergebens plädiert ihr Pflichtverteidiger Johann Adam Horn auf "delirium melancholicum" und versucht zu beweisen, dass bereits ihr Vater Tobias Feith zu Irrsinnstaten neigte: Er hatte versucht, seine Frau im Brunnen zu ersäufen. Die Richter ficht das nicht an. Am 1. Oktober 1776 bestimmen sie, dass sie "zur wohl verdienten Strafe und anderen zum abscheulichen Exempel mit dem Schwerth vom Leben zum Todt zu bringen und dieses Urtheil församst zu vollziehen sey".

Mit dem "församst" (baldigst) ist das so eine Sache - der Vollzug der Strafe zieht sich bis 22. Februar 1777 hin. An diesem Tag serviert man der "Malefizantin" ihre Henkersmahlzeit. Der Turm der Katharinenkirche, in dem sie einsaß, sah folgendes Henkersmahl vor: "1) eine gute Suppe 2) Gemüse mit Bratwürsten 3) ein Stück Rindfleisch 4) gebackener Karpfen 5) gebratener gespickter Kalbsbraten 6) Nachtisch von Konfekt und 7) ein gutes Glas Wein." Da die Feith des Morgens hingerichtet wird, begnügt man sich mit "einigen Flaschen Malaga-Wein und Milchbrot".

Anschließend geht’s vom Katharinenturm via Hauptwache und Bockenheimer Gasse zum Richtplatz am Rabenstein (heute etwa Ecke Mainzer Landstraße / Zimmerweg), wo das Henkers-Duo wartet: Der junge Hofmann von Marburg schert der Verurteilten die Haare und verbindet ihr die Augen, sein Vater Hofmann von Großen-Gera vollstreckt "unglücklicherweiße mit zweyen Hieben". Der leblose Körper wandert schnurstracks zur Senckenbergischen Stiftung, wo er mit Hilfe zweier Siegel auf Stirn und Brust als "subjectum foemininum, frisch und gesund" zum Forschungsobjekt für anatomische Studien erklärt wird.

Doch der Tod der Kindsmörderin wird nicht nur anatomisch, sondern auch literarisch verarbeitet: Feith gilt neben einer Leidensgenossin als Vorbild für das Gretchen im "Faust" - ohne jemals den Bekanntheitsgrad ihrer "Konkurrentin" erreicht zu haben. Vielleicht war Goethe fasziniert vom Prozess, in denen alle Zeugen das Bild eines bigotten Zeitalters verfestigten: Alle hatten Feiths außereheliche Schwangerschaft angeblich nicht bemerkt - oder sich auf Nachfrage mit ihrem Leugnen begnügt. Hätte man von einem unehelichen Balg gewusst, so ihre vielen Dienstherren, hätte man ihr niemals Brot und Arbeit gegeben. Vielleicht war es aber der von ihrem Gefängnisbeichtvater geschilderte Charakter der Frau, der so gar nicht zur Bluttat passen wollte: "Nur Schade, daß ich hier nicht die Gemüths Bewegung, die sich in ihrem Gesichte fanden, mahlen kann, so würde es jedermann so gut einleuchten, daß weder Verstellung noch Heucheley ihre Worte verdächtig gemacht haben. Einfalt, Treuherzigkeit, Offenherzigkeit und Furcht Gottes und Bereuung ihrer Thaten und Verlangung nach heil und Gnade Gottes und Jesum war in allen ihren Minen deutlich zu lesen."

Die Quizfrage:Als wär’s ein Stück von Goethe. Unsere Quizfrage: Wie lautet der Name der anderen Frankfurter Kindsmörderin, die Goethe als Vorlage für sein "Gretchen" diente?

Auflösung:Ernst von Salomon besuchte in Frankfurt das Lessing- Gymnasium.

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