Fröhlich im Büro: Jessica Schwarz.
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Fröhlich im Büro: Jessica Schwarz.

Arbeitsagentur hilft Schwerbehinderter

Ein Job für Jessica

Die 24-jährige Jessica ist schwerstbehindert. Sie kann nicht sprechen und sitzt im Rollstuhl. Dank der Arbeitsagentur hat sie eine Stelle als Verwaltungskraft und kann so am normalen Leben teilhaben. Von Vivienne Matz

Von Vivienne Matz

Sie sitzt an ihrem Arbeitsplatz, das Foto vom Verlobten direkt neben dem Bildschirm, und tippt die Buchstaben "Hallo" zur Begrüßung in das Schreibprogramm. Sonst erarbeitet sie hier spezielle MS-Office-Vorlagen, verfasst Schreiben. Der Schreibtisch ist höhenverstellbar, der PC hat eine spezielle Tastatur mit Plexiglasabdeckung, damit sie eine Führung beim Tippen hat und eine spezielle Tastenanordnung für die Einhandbedienung.

Die 24-jährige Jessica Schwarz ist seit ihrem dritten Lebensjahr schwerstbehindert, leidet an der angeborenen, äußerst seltenen Stoffwechselerkrankung Glutarazidurie, kann nicht sprechen und ist aufgrund dystonischer und spastischer Bewegungseinschränkung auf den Rollstuhl angewiesen. Sie kommuniziert meist über Handy, PC oder über Zeichensprache. "Sie kann sich in jedem Fall verständlich machen", erklären die Eltern Jutta und Horst Schwarz das, was eigentlich offensichtlich ist. Jessica lacht und gluckst und zeigt mit den Händen, wovon die beiden reden.

Seit dem 1. Mai arbeitet sie als Verwaltungskraft in der Stadtverwaltung Runkel, Vollzeit. "Es ist sehr wichtig für mich, dass ich am Arbeitsleben teilhaben kann. Auch dass ich nicht mehr finanziell von meinen Eltern abhängig bin, finde ich gut", schreibt Jessica. Doch Jessicas Festanstellung war kein reibungsloses Unternehmen und setzte einen mehrmonatigen Krafteinsatz verschiedener Akteure voraus. "Das war kein Selbstläufer, wir mussten überall kämpfen", erinnert sich die Mutter, Jutta Schwarz.

Nachdem die junge Frau ihren Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Bürokauffrau im Berufsbildungswerk Neuwied und diverse Zusatzqualifikationen mit sehr guten Zensuren abgeschlossen hatte, drohte der zu 100 Prozent behinderten Frau die Arbeitslosigkeit. "Die Behinderung ließ es sehr schwer erscheinen, einen Arbeitsplatz zu finden ", erinnert sich Ralf Fischer von der Agentur für Arbeit Limburg.

Der Arbeitsvermittler für Schwerbehinderte, Josef Trost, und Integrationsberater Dirk Bauer, stellten den Kontakt zur Stadt Runkel her und stießen dort bei Bürgermeister Friedhelm Bender auf offene Ohren. Der Sozialdemokrat bemühte sich, Beschäftigungsmöglichkeiten in der Stadt auszuloten. Zudem musste ein Finanzierungsplan für eine Beschäftigung in der Stadt Runkel erstellt werden. Die Betreuung bei den Mahlzeiten und den Toilettengängen trägt die Pflegeversicherung. Mehrmals am Tag kommt ihr ein Sozialdienst-Mitarbeiter zur Hilfe. Da die Stadtverwaltung nicht behindertengerecht ausgestattet war, wurden einige Umbaumaßnahmen in Höhe von 20000 Euro auf Kosten der Agentur für Arbeit Limburg vorgenommen. Nun kommt Jessica über einen behindertengerechten Zugang zu ihrem Arbeitsplatz, einige Türen schließen sich automatisch, die Toilette ist nun behindertengerecht, ein Treppenlift ist geplant. Für die "leistungsgerechte Bezahlung" kommen die Arbeitsagentur, das Integrationsamt des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, das hessische Sozialministerium und "Job4000" auf. Die leisten auch einen monatlichen Lohnkostenzuschuss von einmal 560 Euro vom Landeswohlfahrtsverband und 280 Euro aus dem Schwerbehindertenprogramm. Jessica wird entsprechend dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) entlohnt.

"Ich bin jetzt seit 30 Jahren im Vermittlungsgeschäft und Jessica ist mein größter Erfolg", resümiert Josef Trost und hofft gleichzeitig sie bis zu seiner "Pensionierung nicht mehr zu sehen". Nachdem alles in "trockenen Tüchern" war, konnte Jessica das auf drei Jahre beschränkte Arbeitsverhältnis in der Stadtverwaltung aufnehmen. "Das Ziel ist es jedoch, dass Jessica nicht nach drei Jahren entlassen wird und die Stelle nicht nur eine vorübergehende bleibt", erklärt Bender. Grund für die befristete Beschäftigung: Die Agentur für Arbeit Limburg steigt nach drei Jahren aus dem Förderprogramm aus. "Das Integrationsamt könnte dann neue Finanzierungsmöglichkeiten prüfen", erklärt Martina Lorenz, stellvertretende Regionalmanagerin des Intergrationsamtes.

Eigene private Homepage

Zur Zeit unterstützt Jessica im Rathaus die Finanzverwaltung, die Rechnungsprüfung im Vorzimmer, das Haupt- und Ordnungsamt, wird also "querbeet" eingesetzt. "Sie ist fitter am PC, als so mancher von uns", berichtet Bender. Während ihrer Ausbildung im BBW Neuwied hatte sie den "Europäischen Computerführerschein" erworben.

"Man kann ihre Freude jeden Tag über den Flur hinweg hören ", so Bender. Doch seine Angestellten befinden sich scheinbar noch immer in der Eingewöhnungsphase. "Es hat sich viel verändert. Man muss sich erst an den erhöhten Geräuschpegel gewöhnen", berichtet Sandra Müller von der Abteilung Stadtkasse. Dort hat Jessica auch schon einmal mitgeholfen. "Wir sind jedoch nicht nur Kolleginnen, es geht auch schon ins Private", berichtet Sandra Müller. Jessica hatte ihren Kolleginnen unter anderem Fotos vom vergangenen Urlaub mit ihrem Verlobten gezeigt. Trotz ihrer Behinderung werde ihr im Rathaus "nicht mit Mitleid oder Bedauern begegnet", betont Bender. "Ich fühle mich sehr wohl, Kollegen und Kolleginnen sind alle sehr nett. Dass ich eine Aufgabe habe und gefordert werde, freut mich sehr", schreibt Jessica.

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