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Ausbildung

Nur jeder zehnte hessische Azubi hat das Abitur

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Hessens Handwerksbetriebe werben um Gymnasiasten und Studienabbrecher als Nachwuchs. Denn es ist allein der Mangel an Fachkräften, der den wirtschaftlichen Höhenflug zu bremsen vermag.

Vor allem der Wunsch vieler junger Menschen zu studieren ist es, der dem Handwerk seit geraumer Zeit Sorge bereitet. Rund 60 Prozent eines Schüler-Jahrgangs streben in Hessen aktuell an die Universitäten und (Fach-)Hochschulen. Jene, die stattdessen lieber eine Ausbildung in einem Betrieb beginnen wollen, genügten nicht, den Bedarf an Fachkräften zu decken, mahnten die Vertreter des Hessischen Handwerkstags (HHT) am Donnerstag in Wiesbaden, wo sie den jährlichen Konjunkturbericht vorstellten.

Bernd Ehinger, geschäftsführender Gesellschafter eines Elektrobetriebs in Frankfurt und als HHT-Präsident oberster Repräsentant des hessischen Handwerks, ist überzeugt, dass viele mit der Entscheidung für eine akademische Laufbahn ihr berufliches Glück verpassen. „Es sind oft die Eltern und Großeltern, die darauf drängen, dass ihr Kind oder Enkel studiert, weil sie glauben, so könne man im Leben am meisten erreichen“, sagte der Elektromeister. Und übersähen die Chancen, die eine Ausbildung im Handwerk biete.

„Wir haben 130 Berufe im Angebot, da ist doch für jeden etwas dabei“, warb auch HHT-Vizepräsident Wolfgang Kramwinkel. Er führt eine Schreinerei in Mühlheim bei Offenbach und sieht vor allem in den „Studienzweiflern“ eine Zielgruppe für das Werben um Nachwuchs. Schließlich breche jeder dritte Studierende in Hessen seinen Studiengang ab.

Dauerhoch bei der Konjunktur

365 000 Menschen arbeitenin Hessen in einem der gut 75 000 Handwerksbetriebe – rund 20 000 mehr als vor fünf Jahren. Es könnten mehr sein, doch oft bleiben Stellen und Ausbildungsplätze wegen fehlender Fachkräfte unbesetzt.

10 357 neue Ausbildungsverträgewurden im vergangenen Jahr abgeschlossen. Das sind knapp ein Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Flüchtlinge und Migrantenbelegten gut jeden zehnten neuen Ausbildungsplatz. Ohne sie wären laut Handwerkstag noch mehr Stellen leer geblieben.

Seit neun Jahrenschon brummt die Konjunktur, auch für 2020 erwartet der Handwerkstag einen Umsatzzuwachs von drei Prozent. pgh

Mit dem von Ehinger angestoßenen und gemeinsam mit der Frankfurter Goethe-Universität umgesetzten Programm Your-Push gelinge es immerhin, jährlich zwischen 60 und 80 dieser Studienabbrecher für eine Ausbildung zu gewinnen. „Nirgendwo sonst kann man so schnell selbstständig werden wie im Handwerk“, sagte Kramwinkel und verwies darauf, dass in den nächsten Jahren zahlreiche Betriebe in Hessen einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin suchten.

„Der Trend zum Abitur ist unumkehrbar“, zeigte sich HHT-Geschäftsführer Bernhard Mundschenk überzeugt. Für die Betriebe sei es deshalb wichtig, vermehrt Gymnasiasten für eine Ausbildung zu gewinnen. Bislang stellen diese knapp zwölf Prozent der Auszubildenden. Ganz ohne Erfolg scheinen die seit geraumer Zeit laufenden Werbekampagnen aber nicht geblieben zu sein. Denn vor zehn Jahren lag die Quote der Abiturienten in den Lehrwerkstätten noch bei lediglich sechs Prozent.

Mundschenk verwies darauf, dass die Landesregierung Berufsorientierung für alle Schulen zur Pflicht gemacht habe. In der Praxis aber hapere es damit noch. So habe sich erst kürzlich der Leiter eines Gymnasiums gemeldet, das die Handwerkskammer zur Teilnahme an einer Info-Veranstaltung zur Berufswahl eingeladen hatte. „Das muss wohl ein Irrtum sein, wir bereiten doch aufs Studium vor“, habe der Schulleiter telefonisch mitgeteilt.

Der Handwerkstag dringt nun darauf, Werkunterricht an allen Schulen des Landes wieder zur Pflicht zu machen. „Den jungen Leuten fehlt ja sonst völlig die Vermittlung handwerklicher Fähigkeiten, sie wissen ja gar nicht, was Handwerk ist“, sagt Ehinger. Und wie viel Spaß es machen könne, selbst anzupacken.

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