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Im hessischen Untergrund, 700 Meter unter der Erde, wird drei Mal am Tag gesprengt.

Bergwerk von Herfa-Neurode

Tief unten, in Hessens Revier

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Im Bergwerk von Herfa-Neurode wird seit mehr als vier Generationen Kali gewonnen. Die Gruben und die Riesenmaschinen würden einem James-Bond-Film Ehre machen.

Wenn James Bond hier gejagt würde, 700 Meter unter der hessischen Erde, hätten ihn die Bösewichte natürlich just in dem Augenblick eingeschlossen, in dem das Gestein gesprengt werden soll. Eine aussichtslose Situation. Aber nicht für den Agenten seiner Majestät.

Gerade noch rechtzeitig würde 007 auf einen tonnenschweren Radlader aufspringen und beim Davonfahren die Schurken mit der schweren Schaufel aufgabeln. Man würde die Bösen später unter den Salzhaufen wiederfinden oder in den Fängen einer zähnefletschenden Stahlmaschine, die zu Recht den Namen „Brecher“ trägt. Bond würde derweil mit einer Schönheit aus Nordhessen dinieren, vielleicht im Schlosshotel „Prinz von Hessen“ in Friedewald.

Aber weder Roger Moore noch Sean Connery, Pierce Brosnan oder Daniel Craig haben in ihren James-Bond-Rollen in den hessischen Salz- und Kalibergwerken des Unternehmens K+S Filme gedreht. Doch auch in der Wirklichkeit geht es hier, in dieser menschengemachten Höhlenwelt, spektakulär zu, werden riesige Salzmengen aus der Erde gewonnen, verladen, zermalmt.

Drei Mal pro Tag wird gesprengt

Im hessischen Untergrund, 700 Meter unter der Erde, wird drei Mal am Tag gesprengt. Morris Prager ist kein James-Bond-Darsteller, aber auch seine Arbeit hat es in sich. Sieben Meter tief sind die Löcher für den Sprengstoff, die der Bergmann mit einer gewaltigen Spezialmaschine ins Gestein fräst, bevor seine Kumpel den Sprengstoff hineinbugsieren.

Um 21.30 Uhr wird es hier krachen. Wie jeden Abend um diese Zeit, wie jeden Morgen um 5.30 Uhr, wie jeden Mittag um 13.30 Uhr, tief im nordosthessischen Kaligebiet östlich von Bad Hersfeld, im Revier Herfa-Neurode. Stets nach Ende einer jeden Schicht wird gesprengt. Natürlich erst, wenn alle Bergleute über den Schacht Herfa wieder ans Tageslicht zurückgekehrt sind und nicht einmal ein James Bond sich noch hier unten aufhält.

Morris Prager ist Bergmann, 45 Jahre alt, schwarzes T-Shirt, blaue Hose, gelber Helm, und strahlt große Gelassenheit aus. Keine Spur von Nervosität, dass 700 Meter unter der Erde, unter Buntsandstein und Plattendolomit, unter einer Ton- und Lehmschicht Kollegen mit Sprengstoff hantieren. Keine Unruhe, denn diese Arbeiten sind Routine, für Prager seit 18 Jahren.

Wer an Bergbau unter Tage in Deutschland denkt, dem fällt vor allem die Kohle ein, der hat die Reviere im Ruhrgebiet vor Augen. Aber auch Hessen ist ein Bergbauland – und was für eines. Seit 125 Jahren bauen Kumpel im hessisch-thüringischen Grenzgebiet Salze ab. Im Oktober wird das Jubiläum in Heringen gefeiert.

Landwirte von Hessen bis Uganda düngen ihre Felder mit dem K+S-Kali, das Morris Prager und seine Kumpel aus dem Berg holen. Auch für die Salzlösungen, die in Krankenhäusern für Infusionen benötigt werden, stammt das Salz aus der Erde tief unter dem hessischen Heringen und dem thüringischen Philippsthal.

Vorher aber muss Prager das Bohrloch präzise von seiner gelben Maschine ins Gestein rammen lassen. Nach der Sprengung wird ein Kollege den Haufen Salzgeröll abtransportieren. Der 350 PS starke Radlader wird elektrisch betrieben, so wie Pragers Bohrgerät. Nur wenn die Fahrzeuge bewegt werden, müssen noch Dieselmotoren angeworfen werden. Das ist gut für die Luft oder, wie die Bergleute sagen, für die Bewetterung, ohne die hier kein Mensch arbeiten könnte.

Der Radlader wirft seine zwölf Tonnen Last von der Schaufel direkt in den Brecher, der seinem Namen alle Ehre macht, ein Mühlrad aus Stahl mit scharfen Zähnen. Er zermahlt das Gestein und bereitet es für den Abtransport nach oben vor. Deutlich mehr als 10 000 Tonnen werden aus diesem Revier gewonnen, jeden Tag, versteht sich.

Prager arbeitet alleine auf weiter Flur. Das Setzen der Sprenglöcher ist eine Arbeit für einen Mann und sein Gerät. Auch der Fahrer des Radladers erledigt seine Arbeit für sich. Als Besucher käme man nicht auf die Idee, dass sich 600 Arbeiter gleichzeitig in diesem Revier aufhalten, 600 von 4400, die im Werra-Revier tätig sind, 600 von 10 000 K+S-Beschäftigten in Deutschland.

Doch Jörg Lohrbach versichert, dass es so ist. Der Mann mit dem Schnauzbart und dem trockenen Humor hat uns mit nach unten genommen. Er trägt den Titel „Leiter Koordination Förderung Grube Hattorf/Wintershall“ und kennt das Werk in- und auswendig. Schon sein Vater hat hier gearbeitet, davor sein Großvater und sein Urgroßvater. Dessen Kumpel könnten die Gruben nahe zum Einfahrtsschacht vor mehr als 100 Jahren geschaffen haben, durch die jeder fahren muss, um ins heutige Gewinnungsgebiet zu kommen.

Leider haben wir keine Zeit mehr, noch eine Sohle tiefer und dann acht Kilometer Richtung Süden zu fahren. Dort, also noch einmal 80 bis 100 Meter weiter unten, betreibt das Unternehmen K+S die Untertagedeponie Herfa-Neurode, die zu den größten Sondermülllagern der Welt zählt und die erste Untertagedeponie überhaupt war, als sie 1972 in Betrieb genommen wurde.

Auch sie wäre bestimmt ein guter Drehort für James Bond.

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