Volker Bouffier
+
Wird Volker Bouffier eine aufstrebende Größe der Hip-Hop-Szene?

GUT GEBRÜLLT

Das Jahr des Hessenvirus

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
    schließen

Bisher war Hessens Landespolitik vielleicht schlau. Im neuen Jahr wird sie smart – und voll digital. Die nicht ganz ernst gemeinte Jahresvorschau unseres Landtagskorrespondenten.

Januar:„Der hessische Landtag wird digital“, jubelt Landtagspräsident Boris Rhein. „The Hessische Landtag goes didschitell“, fügt die weltgewandte Digitalministerin Kristina Sinemus hinzu. „Wir sind mit jeder Faser Demokraten, jetzt sogar mit jeder Glasfaser“, kommentiert Landtagsvizepräsident Frank Lortz. Was ist passiert? Im „Digitalpakt Demokratie“ haben Bund und Länder festgestellt, dass nicht nur die Schulen Nachholbedarf bei der Digitalisierung haben, sondern auch die Parlamente. Ministerpräsident Volker Bouffier hat an Neujahr einen revolutionären Beschluss gefasst: Er will einen Computer in sein Büro in der Staatskanzlei stellen.

Februar:Eine überparteiliche Digitalfraktion bringt den „Digitalpakt Landtag“ auf den Weg. Der Vorschlag von FDP-Fraktionschef René Rock, die Gruppierung „Freie Digitale Parlamentarier“ (FDP) zu nennen und eine Werbekampagne mit dem Slogan „Digital first, Bedenken second“ zu starten, findet keine Unterstützung. Die Konkurrenz will darin eine Parallele zu bestehenden Parteien und Slogans (Christian Lindner: „Digital first, Bedenken second“) erkennen. Auch andere Vorschläge setzen sich nicht durch: „Chaosclub Digitale Union“, „Smarte Proletarier der Digitalisierung“, „Analog für Deutschland“. Die Fraktion nennt sich daraufhin „Die Nerds“. Ihr Digitalpakt umfasst ein „Gesetz zur digitalen Bildung von Abgeordneten, die noch keine Mail schreiben können“ und ein „Gesetz zur Förderung der digitalen parlamentarischen Infrastruktur“, das Ausgaben von 100 Millionen Bitcoins vorsieht. Die AfD-Mitglieder ziehen sich aus der Gruppe „Die Nerds“ zurück, weil dort „lauter ausländische Worte“ verwendet würden. „Wir wollen eine deutsche Digitalisierung“, betonen sie.

März:Der analoge Widerstand im Parlament organisiert sich. Eine Gruppe von Computeranfängern und Traditionalisten schließt sich zur „Ebbelwei Connection“ zusammen. Der süffige Slogan „Saufen statt surfen“ wird aber verworfen. Einige Abgeordnete finden ihn „nicht seriös genug“.

April:Erste Lesung der Digitalgesetze im Parlament. Die FDP urteilt, das Land brauche mehr künstliche Intelligenz. „Mit der menschlichen Intelligenz sind wir nicht weit gekommen“, sagt Fraktionschef Rock zur Begründung. Von den Linken schallt es zurück: „Stoppt die kapitalistische Digitalisierung!“ Mitten in der Sitzung wird eine Linken-Abgeordnete dabei erwischt, wie sie Geschenke bei Amazon bestellt. Die Fraktionsführung belässt es bei einer Rüge. Auch die Fraktion „Die Nerds“ hat sich zerstritten, da einige Abgeordnete nicht auf ausgedruckte Anträge verzichten wollten. Die „Ebbelwei Connection“ schließt reihenweise Abgeordnete aus, als sich herausstellt, dass sie heimlich Computer benutzen.

Mai:Ministerpräsident Bouffier überrascht die Parlamentarier durch die Einrichtung eines Twitterkontos namens @DerEchteVolker. Anfangs verbreitet er Meldungen wie das Hessentagsmotto „Bits and Bytes sind zwar en vogue, der Hessentag bleibt analog“. Doch bald hagelt es Tiraden von seinem Account. „NIE NIE NIE in der langen Geschichte Hessens hat es eine solche HEXENJAGD auf einen Ministerpräsidenten gegeben“, heißt es darin. Und kurz darauf: „Die FAKE NEWS MEDIEN können nicht verhindern, dass ich DER BELIEBTESTE MINISTERPRÄSIDENT ALLER ZEITEN bin.“ Das Cyber Competence Center der hessischen Sicherheitsbehörden stellt fest, dass das Twitterkonto gekapert worden ist von einem gewissen @RealDonaldTrump.

Juni:Mysteriöse Krankheitsfälle sorgen dafür, dass die Sitzungen des Landtags nur mäßig besucht sind. Meistens können nur die Vegetarier teilnehmen, weil die anderen Abgeordneten mit Magenproblemen im Krankenhaus liegen. Es stellt sich heraus, dass die zuständige Behörde schon vor einem Jahr vor einem Virus gewarnt hat, das in Landtagswürsten enthalten war. Die Mail wurde im Ministerium im Ordner „Keine Zeit“ abgelegt. Die Landesregierung reagiert mit der Handreichung „Mailbearbeitung leicht gemacht“. Darin empfiehlt sie, Mails, für deren Bearbeitung keine Zeit ist, gleich zu löschen. Wichtige Mails sollten ohnehin nie geöffnet werden. Es bestehe die Gefahr, dass sie Computerviren enthalten könnten.

Juli:Der Virenskandal weitet sich aus. Abgeordnete sollen ihre Notebooks mit dem Virus angesteckt haben, das in internationalen Medien längst „Hessenvirus“ genannt wird. Fachleute diagnostizieren mehr als 500 erkrankte Computer, von denen mehrere keine Lebenszeichen mehr zeigten. Andere Rechner dürfen wegen der Ansteckungsgefahr nicht ins Parlament gebracht werden. Der Landtag muss für sechs Wochen ganz geschlossen werden.

August:Im Intranet des Landtags und auf Netflix läuft die erste Staffel der „Hessen-Skylines“ an. Es gehe um „Kampagnen, Karrieren und Cash“. Volker Bouffier tritt als aufstrebende Größe der Hip-Hop-Szene auf, die sich mit den Folgen der „Schwarzgeld-Connection“ herumschlagen muss. Beim Musiklabel CDU (Coole Dancefloor Union) sieht er seine Chance, doch dann bleibt er vier Jahrzehnte lang in der Politik hängen. Sein junger Widersacher Tarek Al-Wazir schafft dagegen den Durchbruch mit dem Hit „E-E-E-Energiewende“. Al-Wazir erklimmt Platz 97 der Offenbacher Hip-Hop-Charts.

September:In zweiter Lesung nimmt der Landtag das „Gesetz zur Förderung der digitalen parlamentarischen Bildungsinfrastruktur“ an. Jetzt können Abgeordnete kostenlos digitale Kurse abrufen: „Der papierlose Abgeordnete“, „Wach bleiben in endlosen Sitzungen“ und „Wie halte ich eine einigermaßen vernünftige Rede“. Nur selten aufgerufen werden sechs Staffeln, die der Grüne Frank Kaufmann eingestellt hat: „Einführung in die Geschäftsordnung des Landtags“.

Oktober:Um Papier zu sparen, veröffentlicht der Landtag alle Gesetzentwürfe, Anträge und Anfragen nur noch elektronisch. Aufsehen erregt die Drucksache 20/3333, die diesen Wortlaut hat: „Sie haben gewonnen! Ihre E-Mail-ID ist der Gewinner von 4,5 Millionen Euro bei der spanische ,El Gordo‘ International E-mail Lotteriegewinn.“ Während 137 Abgeordnete bereits auf das große Los hoffen, folgt Drucksache 20/3334: „Liebe: Freund, Ich bin aufrichtig braucht Ihre Aufmerksamkeit, Mein Name ist Rhein Boris, ich und zwei Kollegen heimlich verschoben irgendeinem verlassenen Bargeld aus dem spaeten Libyens Praesident Oberst Muammar Gaddafi Versteck. Wir aufrichtig benoetigt Ihre Hilfe, um uns entgegenzukommen das Geld fuer uns. Senden Sie mir Ihre Daten (Name, Adresse, Telefonummer) fur umfassende Informationen.“ Es gibt Abgeordnete, die Hacker dahinter vermuten. Beide Anträge werden trotzdem mit großer Mehrheit vom Landtag angenommen.

November:In ihrer Regierungserklärung schlägt Ministerin Sinemus vor, den Landtag „auf die Höhe der Zeit“ zu bringen. Künftig soll nur noch virtuell getagt werden. „Dieser Landtag wird zur digitalen Dorflinde“, ruft sie aus.

Dezember:Beim ersten Versuch, eine Konferenzschaltung mit den Abgeordneten zustande zu bringen, befindet sich ein Drittel der Politiker im hessischen Funkloch. Bei den meisten anderen bricht die Leitung zusammen, weil das Hessenvirus das Landtagsnetz besetzt hält. Die wenigen Abgeordneten, die zur virtuellen Sitzung zugeschaltet sind, lümmeln sich während der Reden auf ihren heimischen Sofas. Zum Glück stellt der Ältestenrat fest, dass die Sitzung nicht ins Internet übertragen werden kann. Er beschließt, dass der Landtag 2021 wieder ganz analog in Wiesbaden tagt. Der Beschluss trägt den Titel „Digital ist katastrophal“.

Pitt von Bebenburg berichtet auch im neuen Jahr aus dem Landtag. @PvBebenburg

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare