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Plötzlich bundesweit bekannt: der NPD-Politiker Stefan Jagsch.

Ortsbeirat

Jagsch-Abwahl in Altenstadt: Kurz, aber medienwirksam

Turbulente Sitzung bei der Abwahl Stefan Jagschs durch den Ortsbeirat.

Ein Riss gehe durch die Waldsiedlung, sagt ein Anwohner zu einem Reporter. Stefan Jagsch sei demokratisch ins Amt des Ortsvorstehers gewählt worden, sagen die einen. „Und jetzt wurde er demokratisch wieder abgewählt“, sagt ein Altenstädter und ergänzt: „Mit Jagsch wurde auch die NPD gewählt. Und das ist schlimm.“ Am besten, man lasse den Ortsbeirat jetzt in Ruhe arbeiten.

Altenstadts Bürgermeister Norbert Syguda (SPD) ist am Tag danach „erleichtert“. Der NPD-Mann Stefan Jagsch wurde als Ortsvorsteher abberufen, zur Nachfolgerin wurde Tatjana Cyrulnikov (CDU) gewählt. „Kurz dachte ich, er lässt die Sitzung platzen“, sagt Syguda. Mehrere Minuten lang diskutierte er während der Sitzung mit Jagsch. Der wollte eine geheime Wahl, Syguda beharrte auf Abberufung per Handzeichen und setzte sich durch. Ergebnis: sieben zu eins Stimmen für die Abberufung.

„Die richtige Arbeit kommt für den Ortsbeirat erst noch“, sagt die Wetterauer SPD-Vorsitzende Lisa Gnadl, die der Sitzung im Gemeinschaftshaus der Waldsiedlung ebenso folgte wie rund 200 Besucher.

Dass die Parteien nach Jagschs Wahl Druck auf die Ortsbeiratsmitglieder ausgeübt hätten, wie es vor und während der Sitzung immer wieder behauptet wird, weist Gnadl ins Reich der Fantasie: „Die beiden Frauen, die bei der Sitzung fehlten, waren schockiert und haben sofort das Gespräch mit den anderen Mitgliedern gesucht.“ Bastian Zander, Landespressesprecher der CDU, bestätigt das. „Es gab Gespräche, aber es gab keinen Druck.“ Und: „Wenn man jemanden wählen kann, kann man ihn auch wieder abberufen.“ Zumal sich, wie Bürgermeister Syguda sagt, die Zusammensetzung des Ortsbeirats seit der letzten Sitzung geändert hat: Zwei Frauen fehlten damals, ein Mitglied wurde beruflich versetzt und schied aus, zwei legten ihr Mandat nieder. „Die Ortsbeiräte haben schnell erkannt, dass sie einen Fehler gemacht haben.“ Aber Fehler ließen sich korrigieren.

Ein Plakat am Eingang des Gemeinschaftshauses wirbt für das Kabarettprogramm „Der Abendgang des Unterlands“. Der Untergang des Abendlandes steht am Dienstagabend nicht auf dem Programm, auch wenn dies einige Besucher so sehen. „Lächerlich“ nennt ein Mann die Abwahl, bevor er den Reporter mürrisch auf das „Privatgelände“ hinweist, das er betrete. „Bis hierhin“, deutet er an. Ob er Jagsch kenne? „Nein.“ Ob er die Ziele der NPD kenne? „So weit bin ich da nicht eingedrungen.“ Später gesellen er und seine Begleiterin sich zur Gruppe um den NPD-Landesvorsitzenden Daniel Lachmann, sitzen neben ihm in der vierten Reihe, aus der am meisten Zwischenrufe kommen. Lachmann ist der Einzige im Saal, der vom Ordnungsdienst zurechtgewiesen wird, weil er nach Sitzungsbeginn fotografieren will.

Jagsch gibt TV-Interviews. Er macht das routiniert, spult seine Sätze ab, beschwichtigt, sieht sich als Opfer und die Demokratie „begraben“. „Ausgerechnet der, der von Demokratie nichts hält“, schüttelt eine Frau den Kopf. Jagsch wird die Entscheidung vor dem Verwaltungsgericht anfechten.

Um was es in dem Konflikt eigentlich geht, weiß Werner Neumann, BUND-Kreisvorsitzender aus Altenstadt. Er hat eine Ausgabe von Max Frischs Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“ mitgebracht. „Das Problem sind nicht nur die Nazis, die sich als Biedermänner geben. Das Problem sind auch die Biedermänner, die auf die Nazis reinfallen.“ Für Aufklärung sorgt in solchen Fällen die Antifa-BI, deren Sprecher Andreas Balser von einer „Theateraufführung“ spricht, die Jagsch hier abliefere. Balser unterstellt ihm „Selbstverharmlosung“. Und was ist mit der Morddrohung an der Garagentür von Jagsch? „Wir lehnen jede Form von Gewalt und Sachbeschädigung ab“, sagt Balser. Dass Linke für die Schmierereien verantwortlich sein könnten, will Balser nicht ausschließen. Auch unter denen gebe es Dummköpfe.

Die Ortsbeiratsmitglieder trafen sich vor der Sitzung im Kindergarten, sprachen mit Bürgermeister Syguda den Sitzungsverlauf durch: „Mit Zwischenrufern war zu rechnen. Wir wollten das nicht wegdrücken, solange es im Rahmen bleibt.“ Auch ist es eher unüblich, dass Ortsbeiräte tagen und zwei Reihen Pressevertreter sitzen vor ihnen. „Bei der Besprechung war Herr Jagsch dabei“, sagt Syguda. Um so verwunderlicher (für Außenstehende, nicht für Syguda) war, dass sich Jagsch nicht an diese Absprache hielt und geheime Abwahl verlangte. Taktik? Theater? Während Syguda auf Jagsch einredete, kamen aus der vierten Reihe wütende Zwischenrufe. Doch dann knickte der NPD-Mann ein und der Ortsbeirat beendete seine kurze, aber medienwirksame Amtszeit als Ortsvorsteher. „Eigentlich ist es eine Schande, dass es die NPD überhaupt noch gibt“, meinte eine Frau aus der dritten Reihe. In der Waldsiedlung sehen das viele anders.

Von Jürgen Wagner

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