Interview

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Neuer Vertrag und alte Probleme: Verhandlungspartner im Gespräch.

Beim Aushandeln des Tarifvertrags saßen die Gewerkschaft Verdi und der Landesinnungsverband des Friseurhandwerks Hessen als Vertragspartner gemeinsam am Tisch. Im Gespräch mit der FR haben sie einzeln auf die Fragen geantwortet. Die lesen Sie hier zusammengestellt.

Warum bekommen die Angestellten im Friseurberuf heutzutage kaum mehr als den Mindestlohn, Frau Jungmann, Herr Trapp?

Luthfa Jungmann: Aus gewerkschaftlicher Sicht besteht das Problem in dieser Berufsgruppe vor allem darin, dass die meisten Betriebe Kleinstbetriebe mit fünf oder weniger Angestellten sind. Da ist es sehr schwierig, eine Gewerkschaftsstruktur mit Betriebsräten aufzubauen. Und da die Friseurlandschaft so kleinteilig ist, können wir als Gewerkschaft auch nicht mit jedem Betrieb einen eigenen Haustarif aushandeln.

Thomas Trapp: Im Endeffekt ist es ein Wettbewerb: Dadurch, dass es immer mehr Friseurbetriebe gibt in letzter Zeit, wollte man sich immer gegenseitig unterbieten. Dass man gesagt hat: Ich biete meinen Haarschnitt noch und noch einen Euro günstiger an, dann bekomme ich mehr Kunden. Aber mehr Kunden heißt ja im Endeffekt auch mehr Materialaufwand, mehr Arbeit, aber am Ende vielleicht gar nicht mehr Gewinn, wenn ich meine Kosten nicht im Auge behalte.

Welche Auswirkungen hat das auf die Attraktivität des Berufs?

Jungmann: Mit Niedriglohn und langen Arbeitszeiten wird niemand – oder sagen wir: niemand mit guter Qualifikation – dort seinen Einstieg ins Berufsleben beginnen wollen. Dieser Berufsgruppe fehlt die gesellschaftliche Anerkennung. Viele denken, das sei eine einfache Tätigkeit, die jeder in ein paar Stunden lernen könnte. Außerdem müsste die faire Bezahlung nicht nur beschlossen, sondern auch in der Praxis gelebt werden. Oft geben die fertigen Auszubildenden die Ausbeutung direkt weiter, wenn sie sich selbstständig gemacht haben und dann eigene Auszubildende anstellen.

Thomas Trapp ist Vorsitzender des Ausschusses Innovation und Kommunikation im Landesinnungsverband Friseurhandwerk Hessen, dem Arbeitgeberverband. 

Luthfa Jungmann ist Gewerkschaftssekretärin bei Verdi Hessen, wo die Interessen der Arbeitnehmer vertreten werden, und dort auch für das Friseurhandwerk zuständig. 

Führen Sie darauf auch den Mitarbeitermangel zurück?

Trapp: Diese fehlende finanzielle Wertschätzung der letzten Jahrzehnte hat den natürlich befeuert. Denn geringe Bezahlung hat auch was mit geringer Wertschätzung zu tun. Es gibt vermutlich viel mehr Menschen, die Lust auf den Beruf hätten. Aber mit 1500 Euro brutto – wie soll ich denn da überleben? Unser Standpunkt ist: Wir sind als Handwerker nicht weniger wert als ein Maurer oder Elektriker. Der kommt auch und nimmt mindestens 60 Euro die Stunde – plus Mehrwertsteuer, plus Material. Und die Forderung haben wir die letzten 15 Jahre einfach verschlafen.

Und wie sieht es mit dem Nachwuchs aus?

Trapp: Na, wie heißt es denn allgemein im Handwerk? Da gibt es einen ganz massiven Fachkräftemangel. Doch ich glaube, Handwerk wird in Zukunft immer wichtiger. Wenn wir bald mehr Studierte als Ausgebildete haben und die dann drei Monate auf einen Handwerker warten müssen, haben wir das Recht, zu sagen, dass eine Nachfrage da ist. Und die Nachfrage regelt den Preis.

Jungmann: Gerade wenn ich an Berufsschulen gehe und mit den jungen Frauen – denn dieser Beruf wird überwiegend von Frauen ausgeübt – spreche, stelle ich fest, dass der Beruf für die Frauen eine gewisse Attraktivität hat. Allerdings finden die meisten die Bezahlung nicht so toll. Mit 500 bis 600 Euro brutto in der Ausbildung kann man sich keine eigene Wohnung leisten.

Haarschnitte können zehn, aber auch 80 Euro kosten. Kommt der Gewinn aus den hohen Preisen denn auch bei den Mitarbeitern an?

Jungmann: Ich hoffe natürlich immer, dass, gerade wenn der Haarschnitt sehr teuer ist, das Geld auch bei den Beschäftigten ankommt. Allerdings machen ja alle Friseure die gleiche Arbeit – und sollten laut Tarifvertrag dafür auch alle gleich bezahlt werden. Meist bleiben die Gewinne dann bei den Betreibern hängen. Und viele Beschäftigte haben Angst, die ihnen rechtlich zustehenden Löhne auch einzufordern. Denn in einem kleinen Betrieb kann es da schnell zu Konflikten oder Mobbing kommen. Viele Angestellte wollen ihrem Arbeitgeber auch nicht in den Rücken fallen und haben dann ein schlechtes Gewissen oder fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Trapp: Der jeweilige Betrieb richtet seine Preise ja bestenfalls an seinen Gemeinkosten aus. Dazu gehört zum Beispiel der Standort: Wenn ich mein Geschäft in Frankfurt in der Zeil habe, zahle ich natürlich eine viel höhere Miete. Da muss ich schauen, wie kalkuliere ich das Ganze. Die Frage ist grundsätzlich, was habe ich für einen Arbeitspreis pro Minute. Den muss ich erstmal erwirtschaften plus Gewinn natürlich. Ich stelle mich da ja nicht hin, um Geld zu wechseln. Damit der Gewinn wirklich ankommt, ist ein bewährtes Modell das Leistungslohnprinzip.

Wie schätzen Sie denn die Nachfrage nach solchen Friseuren ein, die einen Haarschnitt für zehn oder 20 Euro anbieten?

Trapp: Ich stelle fest, dass diese Geiz-ist geil-Mentalität rückläufig ist. Das sieht man unter anderem daran, dass es viele Ketten gar nicht mehr gibt. Die müssen ja so einen hohen Durchlauf haben, dass sich das rentiert. Ich glaube, den Leuten ist es wert, ein paar Euro mehr zu bezahlen und dafür eine gewisse Qualität zu verlangen.

Sind an der schlechten Bezahlung auch die Kunden schuld, die so einen günstigen Haarschnitt in Anspruch nehmen?

Jungmann: Das sehe ich nicht so. Die Preissetzungsmacht geht in erster Linie vom Unternehmer aus. Der Markt reagiert, gerade im Friseurhandwerk, sehr sensibel. Es kommt schon darauf an, wo der Betrieb ist. In Stadtteilen mit geringen Einkommen lassen sich bestimmte Preise einfach nicht durchsetzen. Sicherlich gibt es auch Friseure, wo das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Gute Arbeit lässt sich auch zu guten Preisen an den Kunden bringen. Doch hier liegt genau das Spannungsfeld. Nicht jeder Kunde ist bereit, für einen einfachen Männerhaarschnitt auch 25 oder gar 30 Euro zu bezahlen. Dann geht der Kunde eben zum Nachbarn und bekommt die gleiche Leistung aus seiner Sicht für zehn Euro. Das Image der Branche muss sich ändern, und hier sind die Betriebe gefordert.

Interview:CAROLIN HASENAUER und VIOLA RÜDELE

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