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Chillen unter Plastikpalmen: „mainladen“ im Foyer des Hauptgebäudes der Hochschule für Gestaltung Offenbach.

Offenbach

Spazierengehen im Selfiepark

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Beim Rundgang der Hochschule für Gestaltung Offenbach präsentieren junge Künstler und Designer ihre Semesterarbeiten an insgesamt neun Standorten.

Flamingos in Neonpink, Plastikpalmen, Wassereis und die Frage: Postkarten? Gibt’s die noch? – der „mainladen“ im Foyer des Hauptgebäudes der Hochschule für Gestaltung (HfG) könnte ein fröhlicher Auftakt für den Rundgang sein. Dort kann man von den Studenten gestaltete Grußkarten von den Wänden pflücken, Grüße draufschreiben und mit HfG-Sonderbriefmarke versenden. Am Freitagabend, 8. Juli, beginnt der Rundgang, eine jährliche Ausstellung, bei der die Studierenden der Offenbacher Hochschule ihre Werke zeigen. An diesem Wochenende präsentieren sie an neun Standorten von Produktdesign bis Malerei alles, was im vergangenen Jahr an der HfG entstanden ist.

Das „Bad der Zukunft“ etwa kann man sich im Fachbereich Design per Virtual-Reality-Brille plastisch vor Augen führen. Zwei Kontrapunkte des Kommunikationsdesigns stehen sich im Westflügel mit „Ins Auge“ und „The long Door“ gegenüber. Die filigrane Papierarbeit von Yuwei Hu erzählt einen alten chinesischen Mythos. Frappierend ins Auge springen dagegen die Plakate internationaler und HfG-Studenten, die mit eindrücklichen, schlichten Bildern politische und gesellschaftliche Themen illustrieren. Da hat etwa ein Gehenkter eine Videokamera anstelle des Kopfs; auf einem anderen Poster bilden Fußballfelder grüne Geldscheinpacken.

Poetisch wird es bei den Bühnenbildnern, die ebenfalls im Hauptgebäude zu finden sind: Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan wird dort als „Herzzeit“ multimedial und interaktiv inszeniert.

Vielfältige Fotoarbeiten sind im Schloss zu sehen. Am eindrücklichsten: die Bilder eines jungen syrischen Flüchtlings, zurzeit Gasthörer an der HfG, die in der linken Schlosskapelle ausgestellt sind. Drastisch und schmerzlich berichten seine Fotografien vom kriegszerstörten Aleppo und Stationen seiner Flucht.

Einen Einblick in die Grundlagen des Studiums bieten die Produktgestalter, ebenfalls im Schloss. Unter dem schlichten Namen Materialstudien entstehen kokon- und spinnwebgleiche Gebilde an Drähten. Leder in durchscheinenden Faltungen, ein leuchtendes Gebilde aus Fischhaut geben dem Gebrauchsmaterial ein neues, fremdes Gesicht. Hier wie auch in anderen Fachbereichen gehen digitales und analoges Arbeiten ineinander über. Auch einige der Werke thematisieren den Grenzgang zwischen analoger und virtueller Welt. So auch zwei Arbeiten des Bereichs Illustration und Grafikdesign, die im „Banksy“ zu sehen sind, einem leerstehenden Bürogebäude in der Innenstadt, das zum ersten Mal von der HfG bespielt wird.

Die Arbeit „strolling scrolling: the #selfiepark“, eine mobile Styropor-Skulptur von Nadine Kolodziey, bringt das Spazierengehen zusammen mit der ungerichteten Bewegung im Netz, die analoge Handlung für den digitalen Zweck „Selfie“. Und Anne Krieger zeigt, dass Print ganz und gar nicht tot ist: Sie speichert digitale Dateien auf Papier.

Ein eindrucksvoller Ausstellungsplatz ist die Tiefgarage des „Banksy“. Dort setzen sich junge Bildhauerinnen und Bildhauer in 17 Arbeiten mit dem Kontext von Ökologie und Ökonomie auseinander. Gemeinsamer Ausgangspunkt war das Buch „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ von Naomi Klein. In der neonerhellten Garagendüsternis scheinen nun Wurzeln aus den Betonwänden zu kommen. Plastiken deformierter, kopfloser Tiere stehen in einstigen Parkbuchten, Pflanzringe aus Leichtbeton bilden einen tristen Brunnen, in dessen Becken Schaum statt Wasser quillt. Die Ausfahrtrampe hinauf begleiten Strukturen aus Tierhörnern und Federn. Wieder im Sonnenlicht bleiben sie zurück – wie ein Spuk.

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