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Indizien sichern am eigenen Körper

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Nicht immer sind sich die Opfer einer sexuellen Straftat sicher, ob sie den Täter anzeigen sollen. dpa
Nicht immer sind sich die Opfer einer sexuellen Straftat sicher, ob sie den Täter anzeigen sollen. dpa © picture alliance / Peter Steffen

Opfer sexueller Übergriffe können in der Klinik Spuren sichern lassen

HOCHTAUNUS - Jasmin S. hatte sich gefreut, endlich, nach zwei Jahren Corona, wieder feiern gehen zu können. Es war gute Stimmung, super Live-Musik, ein bisschen Gedränge, viele bekannte Gesichter. Wie es für sie dann so kippen konnte, versteht die junge Frau bis heute nicht. Sie kennt ihn schon seit der Grundschule. Nach der Zigarette am Rande des Fests sind sie noch in den Park. Plötzlich kam er ihr immer näher, bedrängte sie, sagte so Sätze wie "Komm, Du willst es doch auch." Er vergewaltigte sie und ging dann wieder zurück zu seinen Freunden. Jasmin S. blieb völlig verstört zurück.

Dies ist eine fiktive Geschichte. Sie basiert auf Gesprächen, die die Beraterinnen der Awo-Frauenberatungsstelle in Kirdorf und des Frauenhauses mit Betroffenen geführt haben. Meist passieren sexuelle Übergriffe im sozialen Umfeld. Gerade bei einem großen Event wie dem bevorstehenden Laternenfest könne sich eine solche Tat ereignen.

Untersuchung ist auch anonym möglich

Der erste Schritt wäre für die Opfer einer Vergewaltigung der Weg zur Polizei. Doch den geht nur ein Bruchteil der Betroffenen - das wissen die Beraterinnen. Denn meist kennen sich Täter und Opfer, so wie im Beispiel von Jasmin S. Sie schämt sich, macht sich Vorwürfe und denkt, dass ihr niemand glaubt.

Den Vergewaltiger anzeigen kann sie auch noch später. Nur fehlen dann die Beweise, denn meist gibt es keine Zeugen. Diesem Missstand wirkt das Projekt "Soforthilfe nach Vergewaltigung" entgegen, dem der Hochtaunuskreis seit einem Jahr angehört. Betroffene können sich in den Hochtaunus-Kliniken untersuchen lassen - wer möchte, auch anonym. Dort werden sie medizinisch versorgt und können (müssen es aber nicht) Spuren sichern lassen.

ANLAUFSTELLEN

Die Lotte-Awo-Beratungsstelle für Frauen und Mädchen, Kirdorfer Straße 90 in 61350 Bad Homburg, ist unter Telefon (0 61 72) 1 37 09 93 erreichbar (ggf. auf AB sprechen), Mail: fh-beratungsstelle@awo-hs.org.

Die Hochtaunus-Kliniken sichern nach einer Vergewaltigung - unabhängig von einer Beratung - Spuren. Anmeldung: Montag bis Freitag, 8 bis 16 Uhr, übers Sekretariat der Frauenklinik: Telefon (0 61 72) 14-25 80, sonst über den Notdienst des Kreißsaals: (0 61 72) 14-24 30. Wer direkt in die Klinik geht, begibt sich in die Zentrale Notaufnahme. Von dort wird der Kontakt zu einer diensthabenden Gynäkologin hergestellt. ahi

Weitere Infos unter www.soforthilfe-nach-vergewaltigung.de.

Im Fall, dass die Frau direkt nach der Tat in die Klinik kommt, sei es wichtig, dass sie nicht vor der Spurensicherung geduscht hat, erklären die Gynäkologinnen Dr. Esther Seemann und Dr. Kanya Götsch. Sichtbare Spuren wie Prellungen, Abschürfungen sowie solche im gynäkologischen oder urologischen Bereich werden notiert; zudem werden die Frauen auf mögliche Infektionskrankheiten hin untersucht. Thematisiert wird auch die Empfängnisverhütung - etwa die "Pille danach".

"Wir als Frauenklinik legen viel Wert darauf, dass Frauen, die mit akut erlebter sexueller Gewalt zu uns kommen, in einem abgeschirmten Umfeld und möglichst von einer Ärztin untersucht werden", erklären die Medizinerinnen. In den Hochtaunus-Kliniken Bad Homburg behandeln sie zumeist Frauen aus dem Hochtaunuskreis. Auch Männer und Jungen können Opfer sexueller Gewalt werden - für sie gilt das Angebot ebenfalls.

Manche betroffenen Frauen aus dem Taunus scheinen sich aber auch in Frankfurt untersuchen zu lassen, weiß Dagmar Wacker, Leiterin des Bad Homburger Frauenhauses - vielleicht, um noch anonymer zu sein. Insgesamt scheint das Hilfsprojekt aber zu wenig bekannt zu sein, lautet ihre Ein-Jahres-Bilanz. Die Ärztinnen bestätigen das.

"Von der Polizei wissen wir, dass in diesem Jahr viele Vergewaltigungen angezeigt wurden", sagt Wacker. Die Zahl der Frauen, die nach einem Übergriff ins Krankenhaus oder in die Beratungsstelle in der Kirdorfer Straße 90 kamen, bewegt sich im einstelligen Bereich. Dagmar Wacker vermutet eine Dunkelziffer an Opfern, die das Angebot der Soforthilfe noch nicht kennen. Für die Polizei ist die Spurensicherung in der Klinik sehr wertvoll. "Oft werden Taten mit Zeitverzug angezeigt", sagt Ingo Paul, Sprecher der Polizei. Es sei besser, wenn bei der Strafverfolgung auf die Ergebnisse von Untersuchungen zurückgegriffen werden könne. "Sonst sind diese Indizien verloren." Gesicherte Spuren können ein Jahr für eine Anzeige genutzt werden.

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