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In Stein gemeißelte Weltmachtfantasie

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Das Römerkastell und seine Umgebung sind um 1900 vollständig ausgegraben worden. epd
Das Römerkastell und seine Umgebung sind um 1900 vollständig ausgegraben worden. epd © epd

Vor 125 Jahren ließ Kaiser Wilhelm II. die Saalburg wieder aufbauen / Heute ist das Kastell Weltkulturerbe

HOCHTAUNUS - Es war auf einem Festbankett in Wiesbaden, wo Wilhelm II. am 18. Oktober 1897 die Rekonstruktion der Saalburg „zum Gegenstand des eigenen höchstkaiserlichen Interesses“ machte. Viel war damals, vor 125 Jahren, nicht mehr übrig vom einst ummauerten römischen Kastell im hessischen Taunus bei Bad Homburg. Über Jahrhunderte hatten Bürger aus den umliegenden Dörfern Steine aus der Ruine als Baumaterial abgetragen. Den Rest des - lange unbekannten - römischen Erbes umschlangen mit der Zeit die Wurzeln der Bäume. Zehn Jahre nach der Rede des Kaisers, im Jahr 1907, wurde die Rekonstruktion fertig.

Heute ist die Saalburg das einzige nahezu vollständig rekonstruierte Kohortenkastell entlang des Limes und ein beliebtes Touristenziel. Die römischen Besatzer errichteten an der Stelle ab 83 nach Christus eine hölzerne Wallanlage. Später waren dort etwa 500 Legionäre stationiert.

Die archäologische Aufarbeitung des Areals hatte 1897 bereits begonnen. Zahlreiche Fundamente waren ausgegraben und die Mauerreste fachmännisch gesichert worden, wofür bereits Wilhelm I. Geld zur Verfügung gestellt hatte.

Kompromisse beim Wiederaufbau

Der Einfluss von Wilhelm II. - glühender Bewunderer des römischen Imperiums - auf die archäologischen Grabungen auf dem Plateau am Taunuskamm ist vielfach belegt. Der Monarch blieb damit seinem Faible für die Antike treu: Schon als elfjähriger Junge hatte er mit seinen Geschwistern und begleitet von seinem Lehrer, dem Altphilologen Georg Hinzpeter, bei einem Besuch der Ausgrabungsstätte antike Funde bestaunen können, die die Arbeiter aus der Erde holten.

Der ehemalige Landesarchäologe und einstige Leiter des Saalburg-Museums, Egon Schallmayer, nennt die wieder aufgebaute Saalburg ein „Gesamtkunstwerk, wie es der wilhelminische Zeitgeist offensichtlich als erstrebendes Ziel ansah“. Die Rekonstruktion spiegelt den damaligen Forschungsstand wider. Und bei der Wiederaufbauplanung wurden Kompromisse geschlossen, etwa, um die Anlage als Museum nutzen zu können.

Schon ab 1841 erforschte man das Saalburg-Areal wissenschaftlich. Leiter der Grabungen war der Direktor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz, Friedrich Gustav Habel. Dann folgte Karl August von Cohausen, Mitglied der jüngst gegründeten „Commission zur Erforschung des limes imperii Romani“.

Doch es war Louis Jacobi, Architekt und Altertumsexperte aus Bad Homburg, mit dessen Namen die Rekonstruktion ab 1871 bis heute verbunden ist. Er war es, der den eigenwilligen Kaiser als häufigen Gast im noch beschaulichen Kurstädtchen Homburg überzeugte, das Kastell aus den Ruinen auferstehen zu lassen - und dafür auch Geld bereitzustellen. So entstand die Saalburg als komplett aufgebautes Römerkastell.

Bis zur Grundsteinlegung der „neuen“ Saalburg am 11. Oktober 1900 durch den Kaiser war es ein weiter Weg - und ein noch weiterer bis zur Fertigstellung der Bauten 1907. Doch, so erklärt die Bad Homburger Historikerin Barbara Dölemeyer: „25 Jahre vor dem Entschluss des Kaisers lagen schon allerhand derartige Pläne in der Luft, wenngleich die Rekonstruktionsidee durchaus umstritten war.“ Schon 1872 hatte Karl August von Cohausen vorgeschlagen, die Festung auf den gefundenen Grundmauern originalgetreu wieder aufzubauen.

Der Kaiser wollte die Saalburg als archäologisches Anschauungsobjekt vor allem für die Jugend genutzt sehen. Zugleich plante Wilhelm II. einen Museumspark als Tourismusmagnet zu schaffen. Und, das scheint wohl sein Hauptanliegen gewesen zu sein: Er wollte sich im Geiste der Zeit selbst inszenieren. Seine Weltmachtfantasien wurden bei der pompösen Grundsteinlegung offenkundig: „So weihe ich diesen Stein (...) der Zukunft unseres deutschen Vaterlandes, dem es beschieden sein möge, in zukünftigen Zeiten durch einheitliches Zusammenwirken der Fürsten und Völker, ihrer Heere und ihrer Bürger so gewaltig, so fest geeint und so maßgebend zu werden, wie es einst das römische Weltreich war“, sagte Wilhelm II. beim Festakt im Oktober 1900, gekleidet in Infanterie-Uniform samt Pickelhaube.

Steine für das Vaterland

Zu dem Kostümfest mit Kulissen aus Pappmaché, Holz und Gips, mit zahlreichen Komparsen und Tubenbläsern, merkt der Direktor des Saalburg-Museums, Carsten Amrhein, an: „Bei dem historisch verbrämten Spektakel scheint sich Wilhelm II. als ein neuer römischer Kaiser, als Erbauer eines zukünftigen deutschen Weltreichs gefühlt zu haben.“ Es werde „exemplarisch deutlich, wie die Vergangenheit zur Vermittlung einer aktuellen politischen Botschaft instrumentalisiert werden kann“.

Seit 2005 zählt die Saalburg - wie auch der Limes - zum Weltkulturerbe der Unesco und lockt jährlich auch internationale Besucher in den Taunus. Mehr als 100 000 Gäste waren es 2019, die dort an Führungen und Aktionen teilnahmen.

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