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Nordhessen: Ein AfD-Rechtsaußen führt die Reservisten der Bundeswehr an

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Von: Joachim F. Tornau

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Hetze gegen die Bundesrepublik, Verständnis für Russland: Otto Baumann ist Anhänger eines inzwischen aufgelösten „Flügels“ der AfD. Jetzt droht ihm der Rausschmiss.

Gertenbach – So gefällt sich Otto Baumann: In Tarnfleckjacke, das grüne Barett mit dem Abzeichen der Bundeswehr-Panzergrenadiere auf dem noch immer vollen Haar, steht der 74-jährige Schnauzbartträger auf dem Friedhof seines nordhessischen Heimatdorfs und hält, wie jedes Jahr im November, seine Ansprache zum Volkstrauertag. Um ihn herum haben sich aufgereiht der Ortsvorsteher, die Pfarrerin, die Freiwillige Feuerwehr und die, die sie in dem Tausend-Seelen-Dorf „seine Leute“ nennen: ehemalige Bundeswehr-Soldaten aus der Region.

Baumann ist Vorsitzender der Reservistenkameradschaft Werra-Gertenbach, einer Untergliederung des bundesweiten Reservistenverbands, der im Auftrag des Verteidigungsministeriums ehemalige Bundeswehr-Angehörige betreuen, informieren und weiterbilden soll. Dabei steht der rüstige Reserveoffizier politisch ganz weit rechtsaußen.

Der Rechtsanwalt aus Gertenbach, einem Ortsteil der Kleinstadt Witzenhausen im Werra-Meißner-Kreis, gehört der AfD an. Jahrelang saß er im Vorstand des kleinen und zerstrittenen Kreisverbands, bis heute gilt er als Strippenzieher. Und: Er war einer der nur 20 Erstunterzeichner der „Erfurter Resolution“, die im März 2015 die Geburtsstunde des offen völkischen „Flügels“ der AfD markierte. Die einflussreiche Parteigruppierung um den Thüringer Landesvorsitzenden Björn Höcke, die 2020 offiziell aufgelöst wurde, nachdem sie der Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft hatte, nannte das Papier ihre „Gründungsurkunde“.

Der Reservistenverband der Bundeswehr stellt die freiheitlich-demokratische Gesinnung eines führenden Mitglieds in Frage . Patrick Seeger/dpa
Der Reservistenverband der Bundeswehr stellt die freiheitlich-demokratische Gesinnung eines führenden Mitglieds in Frage . Patrick Seeger/dpa © Patrick Seeger/dpa

In Gertenbach, wo SPD und Grüne bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit holten, andererseits aber auch die AfD mit zwölf Prozent der Stimmen überdurchschnittlich gut abschnitt, genießt Baumann immer noch hohes Ansehen. Als hilfsbereit und engagiert wird der Chef der Reservistenkameradschaft beschrieben. Ja, seine rechte Gesinnung sei allgemein bekannt, heißt es. Aber das sehe man so ähnlich wie seine überbordende Begeisterung für alles Militärische: als eine Art Spleen. Zumal sich Otto Baumann im Dorf mit allzu klaren Worten offenbar zurückhält.

AfD-Rechtsaußen Otto Baumann ist Teil einer Gruppe von Corona-Leugnern

An anderer Stelle wird er deutlicher. Der FR liegen etliche Beiträge Baumanns aus einer internen Chatgruppe von Gegner:innen der Corona-Maßnahmen aus dem nordhessisch-thüringischen Grenzgebiet vor. „WSA“ – für: „Wir stehen auf“ – heißt die Gruppe, der rund 160 Menschen angehören. Baumann ist einer von denen, die hier das große Wort führen, im Chat ebenso wie bei den montäglichen „Spaziergängen“, die mittlerweile allerdings meist nur noch im thüringischen Uder stattfinden, einem Örtchen kurz hinter der Landesgrenze.

In seinen Postings lässt er wenig Zweifel daran, dass es ihm beim Kampf für ein „freies Land“, wie er es nennt, um mehr geht als nur um Masken und Impfpflicht. Bezogen auf die Bundesrepublik schreibt er von einem „Regime“, einem „autoritären System“, einer „Scheindemokratie“. Die örtliche Zeitung pflegt er als „Stürmer“ zu bezeichnen, setzt sie also gleich mit dem antisemitischen Hetzblatt der NSDAP. Als Anfang April im Bundestag über die Impfpflicht abgestimmt werden sollte, log Baumann, dass geplant sei, Menschen aus ihren Wohnungen zu zerren und in Impfzentren zu verschleppen: „Das Regime probiert damit aus, wie es auch bei anderen Lagen die Bevölkerung in Schach halten kann.“

AfD-Rechtsaußen Otto Baumann verteidigt Russlands Konflikt mit der Ukraine

Den russischen Angriff auf die Ukraine verteidigte er hingegen. „Russland ist in der Defensive! Es schützt nur seine VITALSTEN Lebensinteressen!“, schrieb er am Tag der Invasion und warf Bundesregierung, Medien, Nato und EU „Kriegshetze“ vor. Den Post signierte er mit „Oberstleutnant d. R. Otto Baumann“. Nach zwei Wochen Ukraine-Krieg legte er noch einmal nach und machte die USA verantwortlich, die er – die deutsche Schuld für die Millionen Toten von Holocaust und Zweitem Weltkrieg wohl nicht zufällig übersehend – zu den „größten Schlächtern der Weltgeschichte“ erklärte. Russlands Angriff auf die Ukraine sorgte auch für Kritik an AfD-Parteichef Chrupalla.

Er schmähte Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als „US-Gouverneur“, raunte von „Machteliten“, die die Bundesregierung wie Marionetten führe, und ließ in diesem Zusammenhang auch den Hinweis auf zwei Lieblingsfeindbilder der äußersten Rechten nicht aus: Bill Gates und George Soros. Um die beiden US-Milliardäre und Philanthropen ranken sich ungezählte, oft antisemitisch aufgeladene Verschwörungserzählungen.

Administratorin leitet Nachrichten von ehemaligem AfD-Rechtsaußen weiter

Die Administratorin des Whatsapp-Chats bestätigt im Gespräch mit der FR, dass sie Baumanns Beiträge in die Gruppe weiterleitet. Direkt posten könne nur sie, erklärt die Frau, das sei so eingestellt, um Streit im Chat zu vermeiden: „Wir wollen ja friedlich bleiben.“ Häufig versieht sie, was Baumann schreibt, dabei mit dem Prädikat „Von Otto“. Doch zur Rolle, die der Reserveoffizier bei den Corona-Protesten in der Region spielt, möchte sie sich ebenso wenig äußern wie zu seinen Statements. Nur so viel sagt sie: Baumann nehme kein Blatt vor den Mund.

Otto Baumann ist Anhänger eines als rechtsradikal eingestuften, mittlerweile aufgelösten Flügels der AfD.
Otto Baumann ist Anhänger eines als rechtsradikal eingestuften, mittlerweile aufgelösten Flügels der AfD. (Symbolbild) © Christoph Soeder/dpa

Vor rund zehn Jahren hatte der Rechtsanwalt und Reservistenführer aus Gertenbach schon einmal für Schlagzeilen gesorgt: 2011/12 flogen in einer von ihm geleiteten „Marschgruppe“ aus Gedienten und Ungedienten gleich drei Neonazis auf. Zwei von ihnen – darunter ein bekannter Aktivist der nordhessischen NPD – hatten kurz zuvor das Holocaust-Mahnmal „Die Rampe“ auf dem Kasseler Unicampus mit rechten Parolen beschmiert. Baumann beteuerte, er habe nichts von den braunen Umtrieben seiner Gefolgsleute gewusst. Dabei hatte er einen der beiden Parolensprüher zu Beginn der Ermittlungen sogar als Anwalt vertreten.

Bevor Otto Baumann in die AfD eingetreten ist, war er bei der SPD im nordhessischen Witzenhausen

Baumann saß damals noch für die SPD im Witzenhäuser Stadtparlament. Nach dem Skandal um seine „Marschgruppe“ aber schlug ihm aus seiner Partei so viel Unmut entgegen, dass er schließlich austrat und in der AfD eine neue politische Heimat fand. Hatte er in den Auseinandersetzungen damals noch die mediale Öffentlichkeit gesucht, scheint er heute lieber schweigen zu wollen: Weder auf drei Rückrufbitten, die die FR in seiner Kanzlei hinterließ, reagierte er, noch auf einen per E-Mail übersandten Fragenkatalog.

Wegen seiner Unterschrift unter der „Erfurter Resolution“ hat er vor einigen Tagen nun Post vom Reservistenverband bekommen. „Eine Zugehörigkeit zum ‚Flügel‘ werten wir als Indiz, dass jemand nicht auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung steht“, sagt der Präsident des Verbands, der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Sensburg. Baumann drohe deshalb der Ausschluss. Zwei Wochen habe er Zeit, Stellung zu nehmen. Danach entscheidet das Präsidium, ob es vorbei ist mit der Soldatenherrlichkeit des rechten Reservistenführers. (Joachim F. Tornau)

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