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Siemens-Mitarbeiter in Offenbach demonstrieren nach einer Betriebsversammlung.

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Offenbach empört über möglichen Job-Abbau

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Weil herkömmliche Kraftwerke weniger gefragt sind, baut Siemens den Konzern um. Hunderte Beschäftigte in Offenbach bangen um ihre Jobs - und befürchten eine Schließung des Werks.

Wut und Enttäuschung unter den Mitarbeitern sind am Freitag förmlich greifbar, als die Betriebsversammlung von Siemens am Kaiserlei für eine Demonstration unterbrochen wird. Kurz zuvor hatte Willi Meixner, Divisionsleiter Power und Gas des Unternehmens mit zwei weiteren Vorstandsvertretern bei einem weltweiten Webcast tiefgreifende Veränderungen angekündigt.

Weltweit sollen 6900 Arbeitsplätze abgebaut werden, auch der Standort Offenbach ist bedroht. „Per Chat konnten Mitarbeiter Fragen an den Vorstand während der Übertragung schicken“, sagt Marita Weber von der Industriegewerkschaft (IG) Metall. „Auf die Frage, was mit dem Standort Offenbach geschehen soll, hieß es, Offenbach und Wien sollen mit Erlangen zusammengelegt werden. Man werde sich auf Erlangen konzentrieren.“ Die Gewerkschaft sieht daher ihre Befürchtung bestätigt, dass der Standort Offenbach geschlossen werden soll. Zu den Zahlen, wie viele Arbeitsplätze betroffen wären, gibt es unterschiedliche Angaben: Weber spricht von über 800 Arbeitsplätzen, die IHK oder die dpa von 700.

Über 400 Mitarbeiter sind dem Aufruf der Gewerkschaft zu einem Protestzug durch den Kaiserlei gefolgt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Mit roten Karten in der Hand und Rufen wie „Joe, du bist Käse“ in Anspielung auf Siemens-Chef Joe Kaeser, zogen sie um das Gebäude. „Mir fehlen die Worte zu dem, was uns da präsentiert wurde“, sagt eine Siemens-Angestellte, eine andere spricht von einem „vergifteten Weihnachtsgeschenk“. Bernhard Molitor hat für den angekündigten Abbau kein Verständnis. „Der Standort macht Gewinn, wir alle leisten Überstunden: Das kann man doch nicht einfach wegwischen“, sagt er. Seit 17 Jahren arbeite er für Siemens. „Ich bin Anfang 50 – wie es weitergeht, weiß ich nicht.“

„Zwei Sätze vorher wird man noch gelobt, wie gut die Milliarden-Aufträge aus Ägypten bearbeitet wurden, und dann bekommt man verklausuliert den Rauswurf erklärt“, sagt Maximilian Gerstenhöfer, der seit über zehn Jahren für Siemens arbeitet. „Surreal“ sei die Veranstaltung für ihn gewesen.

Der Standort Offenbach habe im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Profit von 10,3 Prozent erwirtschaftet, sagt Betriebsratsvorsitzender Matthias Tiessen. Angesichts dieser Zahlen, verhalte sich Siemens geschäftsschädigend, ruft er den Demonstranten zu. „Wir sind mit Aufträgen bis 2019 ausgelastet, es wird über eine Milliarde Euro Umsatz gemacht: Der Abbau ist weder betriebswirtschaftlich begründet noch alternativlos“, sagt er.

Mit Unverständnis reagiert auch Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) auf die Ankündigung: „Mir fehlt jedes Verständnis dafür, dass einem Konzern bei ganz normalen wirtschaftlichen Schwankungen nichts anderes einfällt, als den Standort schließen zu wollen.“ Bei einem Unternehmensbesuch im Mai sei ihm noch versichert worden, dass der Standort bis „zum Ende des Jahrzehnts gesichert“ sei.

Einig sind sich die Demonstranten auch in ihrer Kritik an der Kommunikation bei Siemens. „Dass ich aus dem Manager-Magazin von Stellenabbau erfahren musste, ist ein ganz schlechter Stil“, sagt ein Mitarbeiter. „Wer sich von der Presse filmen lässt, wenn Rekordeinnahmen verkündet werden, muss auch bei anderen Nachrichten den Leuten Rede und Antwort stehen“, sagt Jürgen Kerner, Vorstandsmitglied der IG Metall.

Die Ankündigung per Web-Konferenz sei ein schlechter Stil und respektlos gegenüber den Mitarbeitern, ergänzt Marita Weber. Weder sei den Arbeitnehmern ein Zeitplan vorgelegt worden, noch sei das Vorgehen erklärt worden. Besonders ärgert Weber, dass es im Chat hieß, Siemens arbeite seit zwölf Monaten an den jetzigen Plänen. „Noch vor der Sommerpause hat Siemens mit dem Betriebsrat und der IG Metall ein Papier zur Bewältigung der strukturellen Probleme in der Kraftwerkssparte erarbeitet“, sagt die Gewerkschafterin, „dabei plante der Vorstand längst anders.“

Dass es in der Kraftwerks- und Antriebssparte Strukturprobleme gebe, bestreitet Weber nicht. „In der Vergangenheit war das Unternehmen aber gut beraten, gemeinsam mit Betriebsrat und Gewerkschaft nach Lösungen zu suchen. So hätte es auch nun laufen müssen“, so Weber.

„Für eine Stadt, die stolz darauf ist, Siemens-Standort zu sein, ist die Ankündigung ein Schlag ins Kontor“, sagt Oberbürgermeister Schneider gegenüber der FR. Doch auch im schlimmsten Fall, sollte die Schließung nicht abwendbar sein, setze er auf „Offenbacher Optimismus“: „Der Standort Kaiserlei ist gefragt, das Beispiel Areva zeigt, dass sofort ein neues Unternehmen nachzieht.“

Für die Mitarbeiter von Siemens werde die Stadt aber für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen. Auch die Landtagsfraktionen von Linken und Grünen äußerten am Freitag Unverständnis für den Arbeitsplatzabbau und forderten Siemens auf, Lösungen zum Erhalt der Arbeitsplätze zu suchen.

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