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John Micheletti (Mi.) ist der erste Surfer Nigerias. Er hat italienische Wurzeln. Hier ist er im Schlund einer Tube vor den Toren der Millionenstadt Lagos City.

Surfer Carlo Drechsel

„Ich möchte positive Bilder von Afrika nach Europa bringen“

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Der Darmstädter Surfer Carlo Drechsel reist fast zwei Jahre allein in einem schrottreifen Jeep durch Westafrika. Dabei findet er nicht nur unentdeckte Wellen, sondern auch tolle Menschen.

Der Rost ist so schlimm, dass sich der spanische Mechaniker weigert, den Geländewagen zu reparieren, da es illegal sei. Ein großer Teil von Westafrika erlebt derweil den schlimmsten Ebola-Ausbruch aller Zeiten, der Krieg in Mali und die Gewaltherrschaft islamistischer Krimineller sind schlimmer denn je, und ach ja, da ist noch ein Regimewechsel in Burkina Faso. Trotzdem lässt sich der Darmstädter Surfer und Fotograf Carlo Drechsel nicht von seinem Traum abhalten: In seinem schrottreifen Jeep startet er im November 2014 seine Reise von Marokko bis Südafrika. 18 Monate später hat er über 60 000 Kilometer zurückgelegt und 20 Länder bereist. Und das ohne Begleitung und ohne Smartphone. Wie das war, erzählt er in seinem Buch „Insight Africa“.

Heutzutage posten alle auf Instagram ihre Reisebilder. Sie haben nicht nur Fotos mit einer echten Kamera gemacht, sondern auch noch ein Buch verfasst. Wie kam es dazu?
Das lag zunächst einmal daran, dass ich alleine gereist bin. Die meisten Leute machen Trips mit jemand anderem – und man kann sich dann später zusammen zurückerinnern. Aber ich hatte niemanden, mit dem ich all diese Geschichten, die ich erlebt habe, teilen würde. Deswegen hat es für mich zunächst erstmal Sinn gemacht, das alles zunächst stichwortartig auf meinem alten Laptop aufzuschreiben. Wichtig ist mir, dass „Insight Africa“ keins dieser gerade angesagten Bücher „Reisen inklusive Arschtritt“ ist. Ich finde, die Aussage, dass jeder reisen muss, fast schon ignorant. Jeder hat andere Ziele im Leben. Das kann sein, den Mut zu haben, ein Café zu eröffnen. Bei mir war es eben, durch Afrika zu reisen und dort zu surfen.

Woher kam die Motivation, 60 000 Kilometer durch Westafrika zurückzulegen?
Erst war da die Faszination seit meiner Kindheit zum Surfen. Und das Surfen führte zum Reisen. Es gibt zwei Arten von Surfern: einmal die sehr bequemen Surfer, die ihre ein, zwei Strände haben. Und dann gibt es eben die vielreisenden Surfer, die immer auf der Suche nach leeren Wellen sind. Westafrika ist noch ziemlich unentdeckt. Es gibt wenige Einheimische, die dort surfen. Jedes Land hat aber eine kleine Community. Dazwischen gibt es Buchten und Wellen, wo sehr wahrscheinlich noch niemand surfen war. Angola hat sehr schöne Wellen. Und Namibia ist heavy. Saukaltes Wasser, sechs Grad, und die Wellen sind so heftig, dass ich mir beim Surfen den Fuß gebrochen habe.

Aber es war mehr als nur das Verlangen nach Abenteuer und der Reiz nach der nächsten unentdeckten Welle, nicht wahr?
Ja, ich hatte schon immer eine gesunde Neugier. Ich bin kein Journalist, aber ich wollte trotzdem mit eigenen Augen Afrika sehen, und nicht nur das, was andere Leute über Afrika schreiben, sagen, filmen, fotografieren. Die Bilder, die nach Europa transportiert werden, sind meist leider fast ausschließlich negativ besetzt: korrupte Regierungen, Gelbfieber, Hungersnot, Bürgerkrieg. Ein Image, das auch mich anfangs hat zögern lassen, nach Afrika zu reisen. Dabei ist Afrika ist ein sehr komplexer Kontinent – und nicht überall gibt es Krankheiten und Gewalt. Die meisten Menschen, die ich getroffen habe, waren sehr gastfreundlich.

In einem Kapitel erzählen Sie von einer besonderen Begegnung an einer Tankstelle bei Rabat in Marokko …
Ich wollte eigentlich an der Tankstelle in meinem Auto schlafen, aber wurde vom Tankwart vertrieben. Kurz war ich verzweifelt, weil ich keine Ahnung hatte, wo ich schlafen sollte. Plötzlich sprach mich eine marokkanische Surferin an. Sie zeigte mir nicht nur einen sicheren Platz zum Schlafen, sondern lud mich in der Nacht auch gleich zum Salsatanzen in Casablanca ein. So ein südamerikanisches Lebensgefühl hätte ich dort nicht erwartet.

Und wenn Sie nicht in Ihrem Auto zwischen Ihren Surfbrettern auf einer Matratze geschlafen haben, übernachteten Sie bei gastfreundlichen Menschen. Und lernten so auch den Straßenjungen Mo kennen …
Ich habe ihn im Osten Malis kennengelernt. Wir haben beide bei einer Familie im Innenhof geschlafen. Er war 13 und ein Straßenjunge; in der Zeit wurde er mein Kompagnon. Wir sind zusammen in den Weiten Pays Dogon wandern gegangen. Wir unterhielten uns auf Französisch, spielten Fußball. Es war eine Seelenverwandtschaft. Der Abschied war schlimm. Denn wir wussten, dass wir uns wahrscheinlich nie wiedersehen werden. Normalerweise tauscht man seine Mail-Adresse aus. Aber Mo war Analphabet, und das Dorf, in dem er lebte, ist komplett unterentwickelt. Es gibt da wenig bis gar kein Internet. Inzwischen ist zudem die Situation in Mali so instabil geworden, dass man da momentan einfach nicht mehr hinreisen kann. Das macht mich sehr traurig. Denn ganz entgegen der Erwartungen, die man hierzulande hat, hat Mali eine der kulturreichsten und friedlichsten Gesellschaften, die ich kennengelernt habe. Leider hatten damals schon islamistische Terroristen die älteste Bibliothek und Weltkulturerbestätten in Timbuktu zerstört. Aber ich konnte mir die große Moschee in Djenné, die über 1000 Jahre alt ist und eines der berühmtesten Bauwerke Afrikas, ansehen.

In Ghana lernten Sie ein französisches Paar kennen. Sie überlegten, zusammen durch Nigeria zu reisen. Sie reisten aber erst woanders hin. Wenig später erfuhren Sie, dass der Mann bei einem Überfall in Nigeria ermordet wurde …
Ich war geschockt. Ich habe seinen Namen in der Zeitung gelesen. Bei der afrikanischen Presse gibt es einen anderen Kodex als hier, dort werden die Namen komplett genannt. Erst trank ich ein paar Bier, und ein, zwei Tage später habe ich mich entschlossen, weiterzufahren. Die beiden hatten im Busch in einer gefährlichen Region wild gecampt. Das war leider sehr riskant.

Und wie haben Sie vorgesorgt, dass Sie sicher waren?
Es gehört zum guten Ton, dass man nicht irgendwo sein Zelt aufschlägt. Gerade nicht in so ländlichen Gegenden, wo die nächste Polizeistation 150 Kilometer entfernt ist. Als erstes sollte man sich beim Dorfältesten oder dem Pfarrer vorstellen und höflich nachfragen, ob es okay ist, wenn man dort campt. Einmal wollte ich in Mauretanien mit Nomaden in der Wüste übernachten. Das Panorama war traumhaft schön, und ich wollte mich mit ihnen unterhalten, ihre Welt kennenlernen. Sie sagten: „Das geht auf gar keinen Fall, dass du bei uns bleibst. Fahr zur nächsten Militärstation.“ Sie hatten sehr wahrscheinlich einen guten Grund dafür, weil es eben nicht sicher für mich gewesen wäre.

Im Buch berichten Sie auch, wie Sie Sex mit einer Unbekannten hatten, bei dem das Kondom gerissen ist. Danach mussten Sie sich der vierwöchigen antiretroviralen Behandlung mit heftigen Tabletten unterziehen. Die Postexpositionsprophylaxe (PEP) verhindert mit hoher Wahrscheinlichkeit die HIV-Übertragung nach einem Infektionsrisiko. Wieso sind Sie da nicht zurück nach Deutschland?
Ich wollte lieber alleine sein mit dem Problem. Überhaupt habe ich ganz lange nicht darüber gesprochen. Ich fuhr von Kamerun bis Angola, jeden Tag über Schotterpisten. Die ersten Tage waren die Hölle. Ich bin trotz der Nebenwirkungen wie extremer Übelkeit, Appetit- und Schlaflosigkeit weitergereist. Im Kongo fuhr aus Sicherheitsgründen ein schlecht gelaunter Soldat mit seiner AK 47 mit. Erst Monate später in Kapstadt war ich erlöst, als ich erfuhr, dass der HIV Test negativ war.

Letzte Station ist dann ein Foto am Kap der guten Hoffnung …
Das ist das schlimmste Bild meines Lebens (lacht). Eigentlich sträube ich mich gegen solche Touri-Fotos. Am Ende musste ich mich fast mit ein paar Indern prügeln, damit ich allein vor dem Schild posieren konnte (lacht). Das war nicht so ein romantisches Ende für eine Reise …

Aber die Reise geht weiter, schreiben Sie am Ende. „Bis ich den Ort oder die Frau finde, für den oder die ich bestimmt bin.“ Und haben Sie eines von beiden gefunden?
Ich pendle zwischen Darmstadt und Nordspanien, dort habe ich eine venezolanische Freundin.

Und wie geht es beruflich weiter?
Ich habe im Sommer angefangen, in Angola einen Film zu drehen. Es wird eine Dokumentation von der Surfszene vor Ort: Wie sieht es aus in einem Land, in dem 30 Jahre Bürgerkrieg herrschte? Was bringt die Kids zum Surfen? Es ist ein fast historischer Moment. Denn die Surf-Szene entsteht noch in Afrika. Die erste Generation ist Anfang 30. Hauptsächlich sind das noch Jungs. Aber ich habe in Angola auch Mädchen aus der zweiten Generation interviewt. Es fehlen mir noch Fördergelder, und dann will ich weiterdrehen. Ich hoffe, dass er irgendwann auf Netflix zu sehen sein wird.

Warum dieser Film?
Man tut Ländern wie Angola oder Libyen keinen Gefallen, wenn man Hollywoodfilme wie Blood Diamond hoch- und runterspielt. Dieses negative Kriegsbild also ständig runterleiert. So schlimm die Vergangenheit auch war, die Leute dort brauchen jetzt etwas Positives. Surfen ist ein kleiner Schritt. Es entwickelt sich in Angola eine Mikrowirtschaft ums Surfen herum. Ich möchte auch positive Bilder von Afrika nach Europa bringen. Jungs und Mädels, die mit ihrem Surfbrett glücklich ins Wasser rennen. Schöne Bilder eben.

Interview: Kathrin Rosendorff

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