Inga My Thao Bui engagiert sich bei „Students For Future.“
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Inga My Thao Bui engagiert sich bei „Students For Future.“

Porträt der Woche

„Ich konnte nicht mehr wegschauen“

  • vonIsabel Knippel
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Die Students-for Future-Aktivistin Inga Thao My Bui sprüht nur so vor Energie, wenn sie von ihrem Engagement, aber auch von ihrem schlechten Gewissen erzählt.

Inga Thao My Bui am Telefon oder persönlich zu erreichen, ist schwierig. Die 24-Jährige ist vollauf damit beschäftigt, Podcasts aufzunehmen, Livestreams zu organisieren und kreative Ideen zu sammeln. Zusammen mit anderen Studierenden der „Students for Future“ bereitet sie gerade die Public Climate School vor. Lehrende, Aktivist:innen und Politiker:innen treten in der „öffentlichen Klimaschule“ bei den virtuell stattfindenden Aktionstagen auf Podiumsdiskussionen, mit Vorträgen und in Workshops auf, informieren über Klimakrise und Nachhaltigkeit.

Jetzt hat sie doch ein bisschen Zeit, zwischen Frühstück und Podcast mit dem Wissenschaftler Harald Lesch, und sitzt in dem gemütlichen Zimmer eines Kommilitonen am Schreibtisch. Verschnaufpause vor dem nächsten Termin, dem nächsten Projekt, bei dem sie ihre Energie weitergeben kann. Denn davon hat Inga Thao My Bui genug, die Motivation ist endlos, wie es scheint. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von dem Konzept „Schule neu denken“, das sie zusammen mit Timo Graffe und Simon Hansen entwickelt hat. Beide sind ebenfalls Teil der „Students for Future“-Hochschulgruppe in Mainz, aber sowohl in der Region als auch bundesweit aktiv.

Bei einem Rundgang auf dem Campus sei ihr die Idee gekommen, erzählt Bui, während sie die Materialien für den Podcast zurechtrückt. Sie fragte ein paar Erstsemester, was sie so über den Klimawandel und nachhaltige Entwicklung wüssten. Die Antwort: nicht viel. „Wir lernen darüber einfach zu wenig in der Schule“, dachte sie sich. „Da muss man was machen.“ Das tat sie, nahm Kontakt mit mehreren Schulen und Bildungsorganisationen in der Region, aber auch in ganz Deutschland, auf.

„Die Reaktionen waren begeistert. Alle haben mir die Daumen gedrückt“, erzählt die Studentin, die im Bachelor Religion und Spanisch auf Lehramt studiert hat. Bald stand sie in Kontakt mit mehreren Lehrerinnen und Lehrern. Per Bildschirm zugeschaltet, will sie während der Public Climate School eine Unterrichtsstunde zu „Poetry als Form des Aktivismus“ abhalten. Will den Schüler:innen vermitteln, warum es wichtig ist, sich mit Klima und globalen Ungerechtigkeiten auseinanderzusetzen und zu engagieren. „Die Lehrenden finden es toll, wie motiviert ich bin.“

So ist das, wenn man Inga Thao My Bui zuhört. Ihre sprudelnde Energie und Lebensfreude überträgt sich auf andere, spontan im Gespräch entstehen noch mehr Ideen. Diese Rückmeldung kriegt sie auch von den Schüler:innen, in deren Klassen sie probeweise schon einmal einen Vortrag gehalten hat. Diese hätten applaudiert, selbst die coolen Jungs der zehnten Klasse hätten sich begeistert von ihrem Vortrag gezeigt.

Für die Inhalte der Lehrstunden brainstormten die „Students“ zusammen. „Das ist nicht wie in der Schule, wo bei Gruppenarbeiten einer alles macht und die anderen nichts. Unser Ziel finden wir alle gemeinsam wichtig“, beschreibt Bui. Der Stundenplan ist bunt: Zu Rassismus, Fast Fashion und um zu verstehen, was Klimawandel eigentlich bedeutet, stellen Forscher:innen und Aktivist:innen aus der Region und dem globalen Süden Lehrmaterialien zur Verfügung. Lehrkräfte stehen nur dabei und sind der „helfende Arm“. „Während des Studiums wird man darauf nicht vorbereitet“, sagt Bui. Bis zum Mittag dauert das Programm der „Schule neu denken“, nach dem Essen gibt es weitere Angebote bis in die späten Abendstunden.

Das Programm

Bei der Public Climate School gibt es vom 23. 11. bis zum 27. 11. ein Programm von 8.00 bis 22.00 Uhr im Livestream.

Von 8.45 bis 9.00 Uhr findet täglich ein Podcast statt, unter anderem mit Astrophysiker und Naturphilosoph Harald Lesch.

„Den Klimawandel verstehen und handeln“ lernen Interessierte am Dienstag von 9.00 bis 9.45 Uhr bei Physikerin Cecilia Scorza, die das europäische Projekt „universe in a box“ koordiniert.

Luisa Neubauer erzählt am Dienstag ab 19.00 Uhr von den Erfahrungen mit ihrem Podcast „1,5 Grad“ und liest aus ihrem Buch „Vom Ende der Klimakrise“ vor.

Über die verschiedenen Formen des Aktivismus klärt Ali Can auf, der den Hashtag #metwo bekannt und damit auf Alltagsrassismus aufmerksam machte. „Klictivismus und Aktivismus“ findet von 17.10 bis 17.25 Uhr am Donnerstag statt.

Um 20.00 Uhr ertönt der tägliche Gong zur Nachrichtensendung „Klima um Acht“ , die über aktuelle News zum Klimawandel informiert.

Zur Primetime um 20.15 Uhr finden jeden Tag verschiedene Gesprächsrunden statt, am Freitag beispielsweise zu „So kann es nicht weitergehen. Wie könnte die Wirtschaft der Zukunft aussehen?“ mit verschiedenen Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Forschung und Aktivismus.

Weitere Programmpunkte unter https://studentsforfuture.info/public-climate-school/ https://studentsforfuture.info/stundenplan/

Wenn man Bui bei ihrer Arbeit beobachtet, denkt man, sie habe das alles schon immer gemacht. Routiniert organisiert sie mit den anderen Aktivist:innen Podcasts und Podiumsdiskussionen, Poetry Slams und Arbeitsgruppen, hat die „Students for Future“ Mainz im vergangenen Jahr mitbegründet. Sie hat eine Tatkraft, die man resignierten Alt-68ern nicht mehr zutrauen würde. Aber vielleicht auch ein kleines Stückchen mehr Idealismus, der hilft, um die Projekte mit dieser sprudelnden Energie anzugehen.

Doch das war nicht immer so. „Ich war mal eine Klimasünderin“, gesteht sie. Sie wirkt, als habe sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie erzählt, wie sie shoppen gegangen sei, ohne darüber nachzudenken, ohne Bedenken hin und her flog. Ihr immer größer werdender ökologischer Fußabdruck war ihr dabei schon bewusst, hinderte sie aber noch nicht weiterzumachen.

Eine Doku über die Kleiderindustrie in Bangladesch war es, die sie bekehrte. „Ich war geschockt. Wie schlimm ist das bitte? Als ich die schlechten Arbeitsbedingungen dort gesehen habe, konnte ich nicht mehr wegschauen.“ Der Freundeskreis änderte sich, genauso wie die Gedichte, die Inga Thao My Bui schrieb. Sie trug sie vor, erst nur in ihrer vietnamesischen Kirchengemeinde, „ihrer Familie“, wie sie sagt, später auf den Demonstrationen von „Fridays for Future“. Sie folgte Klimaaktivist:innen wie Luisa Neubauer auf Instagram, verinnerlichte die Sticker auf den Toiletten, informierte sich immer mehr.

Am Sommerkongress von „Fridays for Future“ nahm sie eigentlich nur spontan teil, es waren noch Plätze übrig. „Das hat mein Leben wirklich verändert“, erzählt sie. Auf dem Kongress traf sie viele andere Studierende aus der Region. „Da war uns klar: Wir müssen was starten.“ Davor gab es nur die Schüler:innenbewegung „Fridays for Future“, im Sommer 2019 sprossen überall in ganz Deutschland die studentischen Vertretungen aus dem Boden, die „Students“. Die Satzung war schnell geschrieben, viele Studierende zeigten sich begeistert. Die ersten Plena fanden statt, es kamen einige. Innerhalb von kurzer Zeit wurde die erste Public Climate School auf die Beine gestellt, Flashmobs veranstaltet und Demonstrationen organisiert.

Dann kam Corona. Doch Stillstand gibt es bei Inga Thao My Bui nicht. „Andere wussten nicht, was sie mit sich selbst anfangen sollen. Ich wurde erst richtig aktiv.“ Der Klimaaktivismus wurde ins Internet verlagert, sie gründete die Onlineplattform „Kreatives Quarantänepotential“ auf dem ursprünglichen Gaming-Server Discord. Dort tauschte sie sich mit Künstler:innen, Gedichteschreibenden und Aktivist:innen aus. Über Telefonkonferenzen stimmten sie sich ab, sie veranstalteten virtuelle Poetry Slams und gemeinsames Onlinekochen, nutzten die Möglichkeiten des World Wide Webs aus, wo es ging.

Bis jetzt zur Public Climate School, die ebenfalls komplett virtuell stattfinden wird. „Manchmal sitzen wir bis vier Uhr nachts an neuen Ideen. Nehmen innerhalb eines Tages ein Imagevideo auf, schneiden es, sprechen es ein. Es ist einfach toll, wie man aufeinander zählen kann.“ Bei den Students kommen Studierende verschiedenster Fachrichtungen und Hochschulen aus dem Umkreis zusammen, mit den unterschiedlichen Talenten helfen sie einander aus. „Das sind so coole Leute und alle sind so motiviert.“

Inga Thao My Bui wird richtig emotional, wenn sie erzählt, was sie als Gruppe bereits erreicht hätten. „Das spiegelt sich auch immer in meinen Gedichten wider.“ Diese Emotionalität macht ihre Argumentation, ihr Engagement nicht weicher; es bekräftigt sie nur. Das wird deutlich, wenn sie von ihrem Unwohlsein erzählt; Bilder der Ausbeutung der Arbeiter:innen in Bolivien stehen für sie für den Wohlstand des Westens. Ihre Überzeugung, nicht auf Kosten anderer leben zu wollen, kommt daher. Einerseits will sie Schuld eingestehen, andererseits hat sie Freude am Engagement. „Die Arbeit mit anderen, das finde ich toll. Wenn ich Leute motivieren kann, bei etwas mitzumachen, das mag ich.“

Früher, im Geschichtsunterricht, erinnert sie sich, habe sie immer die Bilder der 68er-Bewegung gesehen. „Nice, die sind da auf die Straße gegangen“, meinte sie. Heute lacht sie darüber. „Ich dachte, das gibt es heute nicht mehr. Ich war ein bisschen naiv.“

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