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Kirchenpräsident Volker Jung.

Mitgliederschwund bei der Kirche

Kirche in Hessen: Ungewöhnliche Ideen gegen Mitgliederschwund

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Kirchenpräsident Volker Jung spricht über Wege, dem Mitgliederschwund zu begegnen.

Die Kirche schrumpft, die Zahl der Christen wird weniger. Die Studie „Kirche im Umbruch“ sagt eine Halbierung der Mitgliederzahlen bis zum Jahr 2060 voraus. Besonders in Ballungsräumen wie Rhein-Main und in der Altersgruppe von 20 bis 35 Jahren ist die Zahl der Kirchenaustritte hoch. Am Freitag haben die Kirchen die neuesten Austrittszahlen für Hessen vorgelegt: Im vergangenen Jahr verließen demnach rund 16 400 Menschen die katholische Kirche, das sind 3500 Austritte mehr als 2017. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) verzeichnete 2018 rund 30 000 Mitglieder weniger, ein Rückgang von 2,1 Prozent.

Herr Kirchenpräsident, wie kann Ihre Kirche in Städten wie Darmstadt, Offenbach oder Frankfurt Menschen erreichen? In Städten also, die geprägt sind von einer internationalen Einwohnerschaft oder deren Bewohner dort vielleicht nur für eine kurze Zeit zu Hause sind?
Das ist im städtischen Raum schwieriger, weil es dort jede Menge Angebote gibt. Aber natürlich wollen wir als Kirche dort vorkommen. Es ist wichtig, dass die Kirchen tagsüber geöffnet sind, wie etwa die Katharinenkirche direkt an der Hauptwache in Frankfurt. Dort kann jeder eintreten, ob aus Interesse am Kirchengebäude oder auch einfach für ein Gebet und einen Moment der Ruhe. Daneben braucht es Angebote wie hier das Offene Haus in Darmstadt, wo Menschen eine offene Tür finden und jemanden treffen, mit dem sie buchstäblich über Gott und die Welt reden können. Das sind dann keine Kirchen und keine Gemeindehäuser, sondern dort gibt es ganz unterschiedliche Angebote.

Was wäre das?
Ausstellungen, einen Raum der Stille bis hin zu Trauer- und Geburtstagskarten oder die Möglichkeit, wieder in die Kirche einzutreten oder ehrenamtlich mitzuarbeiten. Daneben ist auch in der Stadt das Engagement der Kirche mit Kitas, Konzerten, Beratungsstellen, diakonischen Einrichtungen und Kirchengemeinden nötig.

Auch im neuen Frankfurter Europaviertel gibt es einen solchen Mehrzweckraum, den Sie gemeinsam mit der katholischen Kirche betreiben. Der heißt „Pax & People“ und bietet eine Viertelstunde Entspannung nach Feierabend, Kleinkunst und gemeinsame Kochabende. Ist das die Blaupause für die Präsenz von Kirche in einem Umfeld, das durch viel Veränderung und wenig Bindung an Kirche geprägt ist?
Hier ist Kreativität gefragt, die örtliche Chancen wahrnimmt. Bei einem Besuch in Finnland habe ich einen Kirchenladen besucht, der in einem Einkaufszentrum liegt. Also dort, wo jede Menge Menschen anzutreffen sind. Da gab es ein vielfältiges Angebot, etwa einen Tischkicker für Jugendliche, die Möglichkeit, sich auszuruhen oder an Gruppenangeboten teilzunehmen. Das ist ein guter Weg. So etwas kann ich mir auch bei uns vorstellen. Aber natürlich muss das auch mit Leben gefüllt werden, dazu braucht es ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter, und die Anmietung muss finanziert werden.

Wie wollen Sie das meistern? Die Zahl der Mitglieder geht weiter zurück, die Studie „Kirche im Umbruch“ prognostiziert einen Mitgliederschwund auf die Hälfte bis 2060 und entsprechend weniger Kirchensteuereinnahmen. Die evangelische Kirche hat, wie auch die katholische, ja schon jetzt Mühe, die vorhandenen Gebäude zu unterhalten und mit Leben zu füllen.
Man kann das nicht zusätzlich stemmen. Sondern wir müssen überlegen, welche Gebäude behalten wir und welche nicht. Ich denke dabei nicht an Kirchen, aber schon an andere Versammlungsflächen wie Gemeinderäume und auch Pfarrhäuser. Das gilt auch für inhaltliche Angebote. Wir müssen etwas Altes aufgeben, um Neues anfangen zu können. Wenn wir uns weiterentwickeln wollen, werden wir um diese Aufgabe nicht herumkommen, weil die Kräfte begrenzt sind. Das ist natürlich eine schwierige Diskussion.

Wenn Sie mit der Lichtkirche auf Landesgartenschauen oder einer Installation wie „Feuer und Flamme“ beim jüngsten Hessentag präsent sind, ist das für viele Besucherinnen und Besucher ein Highlight. Andererseits entfernen sich viele Menschen von der Kirche. Wie kann man diese Beobachtungen zusammenbringen?
Ja, viele Angebote der Kirche werden wertgeschätzt – die neuen und auch die traditionellen wie Taufe, Konfirmation, Trauung, Beerdigung. Immer wieder höre ich, dass Menschen oft sehr beeindruckt waren von dem Gottesdienst, den sie erlebt haben. Das sagen auch diejenigen, die mit dabei waren, ohne selbst zur Kirche gehören. Nicht selten heißt es dann auch: Glauben sie bloß nicht, dass ich nicht gläubig bin, aber ich brauche dafür nicht die Kirche.

Das muss für einen Kirchenpräsidenten eine sehr unbefriedigende Situation sein.
Ja natürlich. Ich respektiere, dass Menschen entscheiden, wie sie ihren Glauben leben. Andererseits stellt sich für mich die Frage, ob ein Mensch Glauben dauerhaft auch ohne Gemeinschaft leben kann. Glaube drängt immer auch auf Gemeinschaft, das ist ja der Ursprung von Kirche.

Und Kirche braucht die Menschen, um Kirche zu sein.
Ganz klar. Die Gemeinschaft lebt von ihren Mitgliedern. Und ganz viele Angebote können wir nur machen, weil wir über die Ressourcen verfügen, also die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter und natürlich auch die Einnahmen aus der Kirchensteuer, die von unseren Mitgliedern kommen. Das gehört schon zusammen. Oft wird aber nur nach dem persönlichen Nutzen gefragt.

Sie haben anlässlich der Veröffentlichung von „Kirche im Umbruch“ gesagt, Sie wollten mehr Wissen über die Menschen zwischen 20 und 35. Was ist an dieser Altersgruppe so interessant?
In dieser Phase werden wichtige Lebensentscheidungen getroffen, etwa, ob man in der Kirche bleiben will oder nicht. Es ist die Gruppe mit den größten Austrittszahlen. Die Wahrscheinlichkeit, die Kirche zu verlassen, ist statistisch gesehen am größten mit 28 Jahren. In dieser Zeit spielen Beruf und Familie eine große Rolle. Etliche ziehen um – oft in die Stadt, verlieren also die Bindungen der Jugend, auch an die heimische Kirche. Viele finden am neuen Wohnort keinen Kontakt mehr zur dortigen Kirchengemeinde. In dieser Lebensphase stellen sich auch die Fragen, ob sie ihre Kinder taufen lassen wollen und ob ihnen die Kirchenmitgliedschaft die Kirchensteuer wert ist, die sie zahlen.

Ist das ein neues Phänomen?
Nein. Es hat sich aber für diese Altersgruppe wohl noch einmal verschärft. Wir sehen, dass gerade dort, wo die Lebenshaltungskosten hoch sind wie im Rhein-Main-Gebiet, die Austrittszahlen besonders hoch sind.

Offenbar wird die Frage, ob man weiterhin der Kirche angehören will, mit Nein beantwortet.
Die Menschen entscheiden sich überwiegend nicht grundsätzlich gegen die Kirche, sondern gegen die formale Kirchenmitgliedschaft. Ich denke, dass es eine Konkurrenz auch im Blick auf die Verwendung der finanziellen Mittel gibt, bei der die Kirchenmitgliedschaft anscheinend nicht ganz oben steht.

Sie haben mit Ihrem Vorschlag, Kirchenmitglieder bei der Vergabe eines Kindergartenplatzes zu bevorzugen, recht viel Aufsehen erregt. Gibt es da noch weitere Ideen, wie man den Menschen den Mehrwert der Mitgliedschaft vor Augen führen kann?
Es gibt viele Menschen, die Kirchenmitglieder sind, und die gerne einen Platz für ihr Kind in einer evangelischen Kita haben möchten. Wenn die Mitgliedschaft bei der Vergabe der Plätze überhaupt keine Rolle spielt, wie das heute in der Regel der Fall ist, führt das regelmäßig zu einer großen Enttäuschung für die, die im Vergabeverfahren keinen Platz erhalten. Natürlich bleiben die evangelischen Kitas offen für alle, das ist unser Konzept und das ist auch der Auftrag in der Kooperation mit den Kommunen. Aber ich habe angeregt, zu prüfen, ob es in den Kitas beispielsweise ein kleines Kontingent geben könnte, bei dem die Kirchenmitgliedschaft besonders berücksichtigt werden kann.

Warum gerade Kita-Plätze?
Die Idee ist, auf die Bedürfnisse dieser Altersgruppe von 20 bis 35 einzugehen und zu signalisieren, wir nehmen euch wahr und sind für euch da. Da ist der Kita-Platz natürlich nur ein kleines Element. Wir müssen mit dieser Gruppe besser in Kontakt bleiben, auch über die sozialen Medien oder vielleicht einen Newsletter. Es geht darum, es einfacher zu machen, an einem neuen Wohnort in der dortigen Gemeinde anzukommen, oder behilflich zu sein, wenn es um die Organisation einer Taufe geht. Etwa bei einem Termin für die Taufe, an dem die Familienmitglieder, die vielleicht weiter entfernt wohnen, auch Zeit haben. Für junge Menschen muss deutlicher werden: Es ist gut, dass es die Kirche gibt. Und es ist gut, sie auch durch eine Mitgliedschaft zu unterstützen.

Interview: Peter Hanack

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