1. Startseite
  2. Rhein-Main

„Ich bereue keinen einzigen Tag“

Erstellt:

Kommentare

Die Hälfte der ersten Amtszeit ist um: Der Christdemokrat Christian Vogt (43) ist seit 2019 Bürgermeister in Hofheim. knapp
Die Hälfte der ersten Amtszeit ist um: Der Christdemokrat Christian Vogt (43) ist seit 2019 Bürgermeister in Hofheim. knapp © Knapp

Hofheims Bürgermeister Christian Vogt (CDU) zu Änderungen in der Verwaltung und aktuelle Herausforderungen

Herr Vogt, Sie sind jetzt seit drei Jahren Hofheims Bürgermeister - Halbzeit der Amtszeit sozusagen und damit Zeit für eine kleine Standortbestimmung. Sie haben die Stadtverwaltung neu strukturiert. Was war der Grund?

Ich bin ja von Haus aus Jurist und war schon in verschiedenen Verwaltungen tätig. Da nimmt man das eine oder andere mit. Als Dozent an der Verwaltungsfachhochschule weiß ich zudem, dass Verwaltungen keineswegs so starr sind, wie der Bürger oft meint. Hier war es einfach an der Zeit für eine Veränderung.

Warum?

Mir war es wichtig, dass Hofheim eine zukunftsfeste Verwaltung bekommt. Ein Beispiel ist die Finanzverwaltung. Sie war früher dezentral, jetzt haben wir sie zentralisiert. Alle Fachbereiche müssen ja wissen: Haben wir noch Geld? Denn das ist eine knappe Ressource, gerade in dieser Zeit.

Was hat der Bürger davon?

Er hat klare Zuständigkeiten und weiß schnell, wer sein Ansprechpartner ist. Zudem lassen sich die wachsenden Herausforderungen der Verwaltung nur so bewältigen.

Die Amtsleiter im Rathaus freuen sich, dass sie mehr Personal erhalten. Wie viele zusätzliche Stellen haben Sie geschaffen?

Bevor ich hierher kam, wurde viel Geld eingespart, indem freie Stellen nicht mehr wieder besetzt wurden. Das geschah auch aufgrund der durchaus schwierigen Haushaltslage nach der Finanzkrise. Aber das kann es nicht sein. Wir können nicht, wenn jemand in den Ruhestand geht, die Aufgaben eins zu eins zusätzlich auf jemand anderen übertragen. Diese Strategie musste einfach geändert werden. Wichtig ist mir auch, dass wir wieder mehr ausbilden. Der demografische Wandel ist nicht aufzuhalten. Zum 1. September haben wir sieben Ausbildungsplätze besetzen können.

Und wie viele Stellen wurden nun zusätzlich besetzt?

Insgesamt bis heute 58. Dem gegenüber stehen 67 Wechsel und 33 Renteneintritte, so dass die Stadt aktuell 436 Mitarbeiter hat.

Es heißt doch immer, Verwaltungen sollten möglichst schlank sein und die Digitalisierung sorge für effizienteres Arbeiten. Wie passt das zusammen?

Wir sind eine Kreisstadt mit 41 000 Einwohnern. Setzt man diese Zahl ins Verhältnis zur Zahl der Verwaltungsmitarbeiter, liegen wir in Hessen noch unter dem Landesdurchschnitt. Und dass die Digitalisierung Arbeitsplätze wegrationalisiert, das ist eine Mär. Sie schafft im Gegenteil mehr Arbeitsplätze. Ein Beispiel ist unsere Homepage, die wir nächstes Jahr neu machen. Das verbessert das Angebot für die Bürger, braucht aber eben auch Menschen, die sich darum kümmern.

Kann sich die Stadt so viele neue Stellen denn überhaupt leisten?

Ja, denn es ist eine Investition in die Zukunft.

Sie haben vor Ihrer Wahl mehr Bürgernähe versprochen. Den Vereinen sollte vieles erleichtert werden. Wir hören aus diesen aber auch, dass manches sogar komplizierter geworden sei, etwa wenn es um Genehmigungen für Veranstaltungen geht. Wo hängt es?

Die Bürgernähe, die lebe ich. Ich führe ganz viele Gespräche und suche immer den Austausch. Bei den Förderrichtlinien für Vereine gibt es einen gewissen Formalismus, aber dafür bekommen die Vereine dann auch zusätzliche Mittel. Was die versprochene Koordinationsstelle für Vereine angeht - das ist während der Pandemie ins Stocken geraten. Gerade diese Zeit, in der wir viele Rundschreiben und Briefe an die Vereine verschickt haben, hat aber gezeigt: Wir brauchen eine zentrale Anlaufstelle für alle Vereine. Und die bereiten wir jetzt auch vor.

Seit Ihrem Amtsantritt hat sich die Welt sehr verändert. Corona und der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine haben Folgen bis auf die Kommunale Ebene - genauso wie der sich immer stärker ausprägende Klimawandel. Dazu kamen überraschende Entwicklungen vor Ort, etwa die Schließung eines Altenheims. Hatten Sie schon mal das Gefühl: Da kommt man gar nicht mehr hinterher?

Nein, das wäre ja ein Zeichen der Überforderung. Ich liebe meinen Job als Bürgermeister und bereue keinen einzigen Tag. Keiner konnte ahnen, dass so ein kleines Virus uns zwei Jahre so im Griff haben würde. In dieser Herausforderung haben wir aber auch gesehen, wie kreativ, optimistisch und leistungsstark eine Kommunalverwaltung ist. Von oben kommen Verordnungen. Aber die, die es umsetzen, das sind wir hier vor Ort. Das haben wir ganz gut gemeistert und da bin ich stolz auf meine Verwaltung. Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine haben wir in Hofheim gezeigt, was für eine tolle Bürgergesellschaft wir sind. Wir haben Mahnwachen gehalten, aber auch konkrete Hilfen ermöglicht. Dass daraus nun eine Energiekrise wird, spüren wir jetzt. Auch hier werden wir wieder tun, was wir können. Das kann uns nur stärker machen. Der Klimawandel hat uns im vergangenen Jahr mit der Ahrtalkatastrophe gezeigt, dass auch wir etwas für den Hochwasserschutz tun müssen. Dass wir im Fachbereich Katastrophenschutz zwei neue Stellen eingerichtet haben, kann jetzt jeder verstehen. In diesem Jahr war die Dürre - und damit die Waldbrandgefahr - das aktuelle Thema. Auch darauf müssen wir uns einstellen. Gleichzeitig wollen wir die Attraktivität der Stadt weiter stärken, Arbeitsplätze schaffen und Projekte wie das Rechenzentrum vorantreiben.

Zu den Überraschungen gehörte auch der Ausstieg der SPD aus der Koalition. Als Bürgermeister ohne sichere Mehrheit dazustehen - wie ist das?

Für die Arbeit im Rathaus hat sich nicht viel verändert. Wir im Verwaltungsvorstand der drei Hauptamtlichen und der zwei ehrenamtlichen Dezernenten von FDP und FWG arbeiten hier weiter auch mit Stadtrat Bernhard Köppler von der SPD sehr wertschätzend, vertrauensvoll und kooperativ zusammen. Was die Stadtverordnetenversammlung angeht, sehe ich, dass bei den großen Themen weitgehende Einigkeit herrscht.

Und was wird, wenn die Amtszeit des Ersten Stadtrats und Christdemokraten Wolfgang Exner nächstes Jahr endet?

Zuerst einmal: Wolfgang Exner wird eine riesige Lücke hinterlassen. Er kennt wie kein anderer diese Verwaltung. Wenn er in den wohlverdienten Ruhestand geht, wird es eine kluge Entscheidung der CDU als größter Fraktion geben, hier einen Personalvorschlag zu machen, der auch fraktionsübergreifend eine Mehrheit finden wird.

Welche drei Projekte wollen Sie in den kommenden drei Jahren auf jeden Fall noch unter Dach und Fach bringen?

In Diedenbergen soll der Ortskern nach einem wunderbaren Beteiligungsverfahren ein neues Gesicht bekommen. Da wird nicht verdichtet, sondern ein Platz geschaffen. In Lorsbach werden wir, ebenfalls nach einem Beteiligungsverfahren, aus der Brandruine rund um den Nahkauf etwas wirklich Gutes für den Ort machen. Und in Wallau werden wir das Areal der alten Ländcheshalle zügig der Schaffung von Wohnraum zuführen. Auch gilt es, neue Gewerbeflächen zu realisieren, um Arbeitsplätze und Angebote für Gewerbetreibende zu schaffen.

Auch privat hat Ihnen die erste Amtszeit-Hälfte eine große Veränderung gebracht. Sieht der Papa Christian Vogt seinen Job seit der Geburt der Töchter etwas anders?

Ja. Ich bin gelassener geworden. Wenn ich abends nach Hause komme, merke ich, wie schnell ich manches vergessen kann. Da sieht man in kleine Augen und sieht einfach das Wichtigste im Leben.

INTERVIEW: BARBARA SCHMIDT

Auch interessant

Kommentare