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Wenn Fußball-WM ist, kommen sie zuhauf: Maikäfer.

Insekten in Hessen

Hurra, hurra, die Maikäfer sind da

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In diesem Jahr brummen wieder Maikäfer in Hessen. Waldbesitzer fürchten sie, Naturfreunde sehen sie als Gesandte der Vielfalt. Im Frankfurter Stadtwald ist Gift aus gewissen Gründen kein Thema.

Dass Maikäfer große Fußballfans sind, jedenfalls im hessischen Ried, hat sich schon herumgesprochen. „Es variiert je nach Region, aber hier haben wir die ganz starken Populationen immer zur WM“, sagt Mark Harthun, stellvertretender Landesgeschäftsführer des hessischen Naturschutzbunds (Nabu). Der Maikäfer hat also etwas gemein mit dem gewöhnlichen Gelegenheitsfußballgucker: Wenn es drauf ankommt, erscheint er in Massen.

Alle vier Jahre tritt er verstärkt in Erscheinung – und dann mitunter so zahlreich, dass die Forstbesitzer in Panik geraten. Die Engerlinge nämlich, des Maikäfers Larven, fressen gern die Bäume kahl. Der Verband der Waldeigentümer fürchtet herbe Verluste und fordert daher, die Maikäfer zu bekämpfen. 10 000 Hektar im hessischen Ried seien vom Absterben bedroht, sagte der Verbandsdirektor Christian Raupach der dpa und kritisierte, es fehle eine politische Entscheidung der Landesregierung, mit biochemischen Mitteln gegen die Maikäfer vorzugehen: „Wie sich der Wald dort erholen soll, das würden wir gerne von Frau Hinz wissen“, sagte Raupach in die Richtung der Umweltministerin Priska Hinz (Grüne).

Nabu-Mann Harthun kann die Frage beantworten. „Wenn die Dichte der Engerlinge zunimmt, funktioniert ab einem bestimmten Punkt die Gegenstrategie der Natur“, sagt er, „und zwar die Verpilzung.“ Vor acht Jahren (WM in Südafrika) habe es eine große Debatte gegeben über die Frage, ob es nun Zeit sei, chemisches Gift gegen die Maikäfer zu spritzen. Die Naturschützer rieten zur Geduld, denn die Pilzdichte war schon hoch. „Wir haben gesagt: lieber auf den natürlichen Zusammenbruch der Maikäferpopulation warten – und er kam tatsächlich.“ Es gab einen so dramatischen Einbruch, dass die Rückkehr der Käfer vier Jahre später (WM in Brasilien) kein großes Thema mehr gewesen sei. Harthun gibt zu: „Wir haben auch ein wenig Glück gehabt, der Effekt hätte auch erst eine oder zwei Perioden später einsetzen können.“

Auch andere Institutionen wie die Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) halten nichts von der chemischen Bekämpfung der Käfer. Die Tiere seien wichtig für das ökologische Gleichgewicht, etwa als Nahrung verschiedener Vogelarten. Und da, wo Bäume unter dem Verbiss eingingen, litten sie an weiteren Problemen: Im hessischen Ried fehle es der Vegetation am Grundwasser, das nach Frankfurt gepumpt wird, betont der HGON-Biologe Stefan Stübing. Das eigentliche Problem werde daher durch die Maikäferjagd nicht gelöst. Mark Harthun gibt zu bedenken: „Für die Öffentlichkeit sieht das brutal aus, so ein Baum voller Maikäfer. Aber so etwas bringt einen erwachsenen Baum nicht um.“ Der treibe anschließend wieder aus, schwierig werde es eher für junge Bäume.

Das ist auch die Erfahrung der Frankfurter Forstchefin Tina Baumann. „Wenn es in einem Jahr Fraß an den Bäumen gibt, kann der Wald das verkraften.“ Für den Stadtwald drohe aber ohnehin keine Gefahr. „Die Ergebnisse der Bodenproben, die regelmäßig genommen werden, liegen weit unter den kritischen Zahlen.“ Sollte es doch einmal zum starken Befall kommen, müsste sie sich mit den anderen Behörden beraten, sagt die Leiterin der Abteilung Stadtforst im Grünflächenamt. Auf keinen Fall komme eine chemische Bekämpfung mit Gift in Frage – das verbietet das FSC-Siegel für Nachhaltigkeit, das der Stadtwald trägt. Und das gilt laut Harthun nicht nur für Frankfurt, sondern für zahlreiche große Waldflächen in Hessen.

Gute Nachrichten also auch für Insekten ganz allgemein: In hessischen Wäldern werden sie meist nicht mit der Chemiekeule gejagt. Sie sind freilich selten geworden, sowohl die guten Nachrichten als auch die Insekten. Längst hat sich die Sache mit der Auto-Windschutzscheibe herumgesprochen, auf der im Sommer viel weniger tote Insekten kleben als noch vor einigen Jahren. Ähnlich dürfte es sich mit dem freundlichen Motorradfahrer verhalten, der sich einst vor dem Absteigen erst mal die Zähne von Fliegen und Mücken säubern musste. „Der Insektenschwund dauert an“, sagt Andreas Malten. Der Biologe beobachtet seit Jahrzehnten, wie sich die natürliche Vielfalt entwickelt, und kartiert unter anderem für das Senckenberg-Forschungsinstitut alles, was bei uns kreucht und fleucht. „Die Biomasse, die für die Studien eingefangen wird, nimmt ab“, sagt er. Da dürfte ein starkes Maikäferjahr die Ergebnisse nicht allzu sehr beeinflussen, die Kurve zeigt klar nach unten.

Grund ist vor allem der Rückgang an Wildblumen, besonders in der intensiven Landwirtschaft. Mittel wie das Herbizid Glyphosat, die jedes Pflänzchen vernichten außer jenem, das der Landwirt wachsen lassen will, zerstören diese Lebensgrundlagen der Insekten. Wo das hinführt, ist bekannt: Bienen fehlen als Bestäuber der Obst- und Gemüsepflanzen, Vögel finden nicht genug Nahrung. Am Ende sind alle die Leidtragenden, auch der Mensch.

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