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Stelzen und Reif waren schon ein Hit, bevor eine amerikanische Spielzeugkette in den 1950ern mit „Hula-Hoop“ auf den Markt ging.

Hessenpark

Ferienwoche im Hessenpark: Spielen wie vor 100 Jahren

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Eine Ferienwoche lang wird im Hessenpark gespielt wie vor 100 Jahren. Dabei kommt auch der Bildungsauftrag nicht zu kurz.

Die fünf Finger sind nicht nur zum Griffelhalten und Holzsammeln da. Manchmal erzählen sie auch Geschichten – ein kleines Händchenvoll geht so: „Das ist der Daumen, / der schüttelt die Pflaumen, / der liest sie auf, / der trägt sie heim, / und der kleine Wix isst sie ganz allein.“ Vor langer Zeit ein Spaß im mühseligen Alltag der mitarbeitenden Dorfkinderschar, heute ein beredtes Beispiel für das museumspädagogische Programm im Hessenpark.

Gut vorstellbar, dass auch jener alte Handreim in der Ferienwoche zwischen dem 15. und 19. Juli zu Gehör gebracht wird – immerhin veranstaltet das hessische Freilichtmuseum ein Erlebnis- und Mitmachprogramm unter dem verheißungsvollen Titel „Spielen wie vor 100 Jahren“. Tage, an denen sich Lachen und Machen zu Verzagen und Behagen gesellen dürfen, aus der an Einübung in Geduld eine anspornende Kraft erwächst. Und zu all dem braucht es keine Anmeldung, keine Buchung.

„Das Angebot richtet sich an die normalen Besucher“, sagt Torsten Halsey, der Leiter des Fachbereichs Museumspädagogik. An Kinder also, die mit ihren Eltern in den Park kommen – und spontan mitmachen wollen. Alleine die magnetische Wirkung der in der Baugruppe Mittelhessen, unweit des Schweinegatters gelegenen „Spielwiese“ sollte Anreiz genug sein: Im Schatten einer Baumkrone warten Stelzen, Reifen, Säcke, Murmeln, auch die in hiesiger Seilerei gefertigten Hanfseile auf ihren Einsatz. Im Handumdrehen können Sackhüpfen und Seilspringen, Hula-Hoop und Klickern fröhliche Wiederkehr feiern.

Eine Woche lang wird die digitalisierte Gegenwart gegen eine Welt der Phantasie eingetauscht. „Viele der offerierten Spiele können ohne vorgegebene Gerätschaften und Materialien in Szene gesetzt werden“, sagt die für das Ferienprogramm verantwortliche Museumspädagogin Pia Kreuzer. Was vor einem Jahrhundert – als der Begriff „Freizeit“ im ländlichen Lebens- und Arbeitsraum vollends unbekannt war – zum spielerischen Gebrauch diente, war Natur und Hof entnommen. Klar, dass auch im Hessenpark nach Weidenästen gegriffen wird, um daraus Flöße zu bauen, schließlich will das kühle Brunnenwasser ordentlich schiffbar gemacht werden.

Schon der Staub auf den Lehmwegen ist willkommen. Mühelos lassen sich Formen mit der Fingerkuppe hinzeichnen, zu altbewährten Klassikern gestalten. „Da ist eine Vielzahl von Hüpfspielen möglich“, sagt Kreuzer. „Himmel und Hölle“ oder „Hinkepott“ sind Namen, die umstandslos ins gelenkige Hickelkästchen-Universum locken. Erstaunlich ist nicht nur, wie wenig Fabriziertes oder Kunststoffliches zum Juxen und Toben vonnöten ist. Das Programm ist zudem erstaunlich gut eingebettet in den vom Hessenpark-Team ernstgenommenen Bildungs- und Vermittlungsauftrag.

Da sind Feinmotorik und Körperbewusstsein gefordert, wollen Konzentrationsfähigkeit und Geduld erprobt werden. Es falle den Kindern heute schwer, etwas haptisch umzusetzen, sagt Halsey. Das Basteln gehe nicht mehr selbstverständlich von der Hand. „Auf Werken als Schulfach zu verzichten, erweist sich als fatal.“ Und weil im Kinder- und Jugendzimmer die neuen Medien mittlerweile eine beherrschende, nicht immer segensreiche Rolle spielen, muss die tönerne Murmel oder der blitzende Kiesel wieder her. Der oberste Hessenpark-Pädagoge lässt es sich nicht nehmen, das „Klickern“ selbst ins Rollen zu bringen. „Früher waren die Daumennägel der Buben vom Schnippen immer abgewetzt.“

„Früher“ ist ein gutes Stichwort. Fast nebenbei erfahren die jungen Teilnehmer, wie sie vorzeiten lebten, die Altersgenossen aus Kindergarten und Grundschule. Dass es kaum Stunden des Spielens, der freien Gestaltung gab, der Tag sich zwischen Schule und bäuerlich-handwerklichem Tun aufteilte. Dass Spielzeug selbstgebastelt, der Drang zum individuellen Agieren stets außer Haus abzureagieren war. Laut Pia Kreuzer gelingt die Identifikation ohne Umwege: „Unsere Ferienkinder schlüpfen gerne und schnell in die historischen Rollen.“ Und ja, die geschichtliche Entwicklung der Freizeitkultur sei ein immer wiederkehrendes Thema.

Innerhalb des Programms wird es vier Stationen geben, die sich den Themenfeldern „Alte Spiele“, „Flöße bauen“, „Knüpfen“ und „Schule zu Kaisers Zeiten“ widmen. Im Haus von Ewersbach – zugleich das museumspädagogische Zentrum – kann Baumwollgarn mittels selbst ausgesägter Knüpfscheibe verknotet werden. Die historische Schulstunde ist eine Angelegenheit von Torsten Halsey, der in Kostüm und entsprechendem Ambiente den wilhelminischen Lehrer mit Rohrstock in aller gebotenen Strenge verkörpert. Bange machen aber gilt nicht: „Das ist eines der beliebtesten Museumsformate.“

Immerhin gedeiht alles auf dokumentarischem Boden. Seit gut einem Vierteljahrhundert wird im Hessenpark nach alter Sitte gespielt. „Unsere Vorgänger haben das Thema erforscht und dazu noch Zeitzeugen befragt.“ Entsprungen ist daraus die Publikation „Kindheit in den 20er und 30er Jahren“, die bis heute für die Museumspädagogik maßgeblich ist.

Auch bei weniger mildem Wetter kann nach Herzenslust gebastelt, gesprungen und gestaunt werden. „Dann“, sagt Pia Kreuzer, „falten wir Papierflieger, veranstalten Pfandspiele und viele andere Sachen unterm Scheunendach.“ Raum genug jedenfalls für ein weiteres Handmärchen: „Der ist in Brunnen gefallen, / der hat ihn wieder rausgeholt, / der hat ihn ins Bett gelegt, / der hat ihn zugedeckt, / und der kleine Schelm da hat ihn wieder aufgeweckt.“

Mitspielen

Auf Zeitreise mit der Hessenpark-Schauspieltruppe geht es zwischen dem 8. und 14. Juli – mitreisen kann die ganze Familie. Stelzen, Seile und viele andere Gegenstände werden vom 15. bis 19. Juli beim Programm „Spielen wie vor 100 Jahren“ gebraucht.

In seiner ganzen Vielfalt wird das Mu-seum auf unterschiedlichen Rundgängen in der Woche vom 20. bis 26. Juli erkundet. Anmeldungen sind nicht erforderlich. Zwischen 27. Juli und 4. August dreht sich alles um das bunte Blech und was daraus zu basteln ist: „Faszination Metallbaukästen“ lautet das Motto. Mehr als 60 Modelle und Miniaturen sind zu bestaunen, ein Mitmachprogramm ist geplant.

Als „Kinderwoche“ ist die abschließende Ferienwoche (5. bis 11. August) obligatorisch. Märchenführungen und historische Schulstunden sind zu erleben, es kann geschmiedet, getöpfert und gefilzt werden.

Die Tore des bei Neu-Anspach im Hochtaunuskreis angesiedelten Hessenparks sind täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen finden sich unter www.hessenpark.de.

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