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Friedman: "Das abgedunkelte Publikum ist ein Mittel gegen Eitelkeit."

Michel Friedman im Gespräch

"Ich suche keinen Streit"

Michel Friedman diskutiert heute abend im Schauspiel Frankfurt. Der Frankfurter Rundschau erzählt er, wie er sich das vorstellt - und weshalb er absichtlich keine Vorgespräche führt.

Michel Friedman diskutiert heute abend im Schauspiel Frankfurt. Der Frankfurter Rundschau erzählt er, wie er sich das vorstellt - und weshalb er absichtlich keine Vorgespräche führt.

Herr Friedman, Ihre Leidenschaft sind Menschen.

Ja. Mit allen ihren Facetten. Und die Menschen sind der Grund, der Sinn und Zweck meines Engagements und meiner Arbeit als Journalist.

Bei Ihren Gesprächen im Frankfurter Schauspiel befinden Sie sich in einer Ur-Situation: Zwei Menschen unterhalten sich. Sonst nichts. Keine Musik, keine Show-Elemente.

Und das 90 Minuten lang. Das Format ist bewusst in diesem Umfang gehalten, damit jede Form von Oberflächlichkeit und Reden in Überschriften verhindert wird. Man bekommt so einen großen Schatz von Dialog, an Zuhören und Nachdenken und vor allem an gegenseitiger Neugier.

90 Minuten müssen Sie einen Spannungsbogen halten…

Ich muss vor allem als Gastgeber gut vorbereitet sein. Ich muss die Dramaturgie mit dirigieren und hochkonzentriert sein. Das ist manchmal sehr anstrengend. Denn meine Gäste sind hochqualifizierte Intellektuelle. Ich muss aber gleichzeitig dafür sorgen, dass der Abend nicht elitär wird, sondern verständlich bleibt. Wir haben keine künstlerischen Effekte. Der Zuschauerraum ist abgedunkelt. Wir, die wir auf der Bühne sitzen, sehen das Publikum nicht.

"Reden, ohne abgelenkt zu sein"

Es gibt keine Zwiesprache mit dem Auditorium.

Nein. Und das tut der Veranstaltung gut, weil es die Eitelkeit auf dem Podium reduziert. Die Verbrüderung und Verschwesterung mit dem Publikum kann nicht stattfinden. Wir können miteinander reden, ohne abgelenkt zu sein.

Gibt es ein Vorgespräch, ein Kennenlernen?

Nein. Nie. Das gibt es bei mir auch im Fernsehen nicht. Ich unterhalte mich mit meinen Gästen bewusst nicht vorher. Ich treffe sie fünf Minuten vor Beginn der Veranstaltung. Das verhindert Koalitionen und Absprachen. Aber meine Gäste sind so selbstbewusst, dass sie sich dem Gespräch auch so stellen.

Sie spitzen in Ihrer kommenden Gesprächsrunde das Thema wie immer auf ein Wort zu: Macht mit dem früheren Kanzlerberater Horst Teltschik. Oder: Wahnsinn mit dem Hirnforscher Wolf Singer.

Das eine Wort ist stets mehrdimensional. Macht führt natürlich sofort zu der Frage der Ohnmacht und des Machtmissbrauchs.

"Es geht nicht um das Rechthaben"

Wie wichtig sind Emotionen bei Ihnen?

Wir reden über Philosophie, wir reden über Metaphysik, wir reden über die Dinge des Lebens. Die Annäherung erfolgt erst mal über die Ratio, über die Vernunft. Aber die Emotionen begleiten uns natürlich stets, und das spiegelt sich im Gespräch.

Suchen Sie Streit?

Nein.

Das wird Ihnen ja stets vorgeworfen, dass Sie streitsüchtig sind, gerade im Fernsehen den Konflikt mit Politikern suchen.

Das ist auch etwas anderes. Wenn ich im Fernsehen mit Politikern eine politische Sendung mache, dann haben diese Damen und Herren von ihrer Berufsbezeichnung her uns Rechenschaft abzulegen. Sie tun es nicht immer gern. Sehr oft wird mir gesagt, ich sei respektlos, weil ich zum fünften Mal nachfrage. Darauf sage ich: Es ist respektlos, wenn man eine Frage nicht beantwortet. Bei meiner philosophischen Gesprächsreihe im Schauspiel geht es um etwas anderes: Da gibt es keine absoluten Wahrheiten. Es geht nicht um das Rechthaben. Es geht um das Vor- und Nachdenken.

Es gibt keine Kameras beim Gespräch.
Nein. Nur eine Audio-Aufzeichnung. Und viele der Intellektuellen kommen gerade, weil keine Kameras dabei sind.

Wie treffen Sie die Auswahl der Gäste?
Es geht anders herum: Zuerst wählen wir die Themen aus, dann die Gäste. Das ist ein Geschenk, das mir Schauspiel-Intendant Oliver Reese macht. Er sagt zu mir: Du suchst das aus, was in diesem Jahr wichtig sein könnte. Der Sprecher des Schauspiels, Nils Wendtland, arbeitet das mit mir aus. Und dann brauchen wir Menschen, die zu dem Thema mehr zu sagen haben als nur…

…Plattitüden.

Genau. Es müssen überdies Menschen sein, die den Dialog mögen und aushalten.

Was haben Sie über Ihr Publikum gelernt?

Über ein Drittel sind junge Menschen unter 30 Jahren. Das ist bemerkenswert, weil immer unterstellt wird, die Jugend interessiere sich nicht für Ernsthaftigkeit. Ich sage: Das ist nur ein Vorwand, um sich nicht mit den jungen Leuten beschäftigen zu müssen. Zweitens: Wir haben mittlerweile ein richtiges Stammpublikum. Drittens: Es kommt aus allen Bildungsschichten. Ich rede hinterher mit den Leuten. Das ist spannend. Ich lerne viel.

Gibt es eine Fortsetzung in der Saison 2013/14?

Aber ja. Wenn Oliver Reese das will. Es ist viel Arbeit. Aber es ist auch ein großes, großes Vergnügen.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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