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Kontakt halten ist schwierig, wenn der Lehrer die Schüler kaum noch sieht.

Bildung

„Homeschooling kann gar nicht funktionieren“

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Eine Gesamtschullehrerin aus Hessen berichtet von ihren Erfahrungen mit dem Lernen zuhause. Glaubt man ihr, wird es höchste Zeit, dass die Kinder wieder in die Schule dürfen.

Frau Schmidt, die nicht Frau Schmidt heißt, unterrichtet Biologie an einer Gesamtschule in einer kleinen Stadt am Rande Frankfurts. Sie ist schon sehr lange Lehrerin. Ihr geht es wie vielen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Die Schließung der Schulen hat sie völlig unvorbereitet getroffen. Nun soll sie auf Distanz weiter unterrichten, das Homeschooling für ihre Fünftklässler via Computer und Internet anleiten. Gelernt hat Frau Schmidt das nicht. Und wirklich darauf vorbereitet sind weder ihre Schule noch ihre Schülerinnen und Schüler. Wir haben sie gefragt, wo das hinführen soll.

Frau Schmidt, wie klappt es mit dem Homeschooling?

Unsere Schule hängt der digitalen Entwicklung weit hinterher. Wie wahrscheinlich ziemlich viele im Land. Dazu gehört, dass wir Lehrkräfte nicht wirklich fortgebildet werden. Ich gehöre zu den älteren Jahrgängen, und mir fällt es schon schwer, mit den neuen Möglichkeiten umzugehen. Zum Glück habe ich einen Ehemann, der mir immer mal wieder hilft, wenn ich selbst nicht weiter weiß.

Wie sieht es an Ihrer Schule mit der digitalen Ausstattung aus?

Wir haben zwei Computerräume, da ist definitiv immer so etwa die Hälfte der Geräte kaputt. Eigentlich haben wir ja einen Kollegen, der die Rechner pflegen soll, aber wahrscheinlich kommt der damit auch nicht hinterher. Was wir dort an den Geräten machen können, spottet jeder Beschreibung, darüber sind wir uns unter den Kollegen einig.

Wie haben Sie auf die Schließung der Schulen reagiert?

Für mich kam das mit den Schulschließungen total überraschend. Irgendwie hat sich das bei uns kaum einer vorstellen können, dass wirklich die Klassenräume dicht sind. Wir haben uns dann zu viert bei einem Kollegen zusammengesetzt, der sich etwas auskennt, und uns bei ihm zu Hause erklären lassen, wie wir die digitalen Instrumente nutzen können, damit der Unterricht weitergehen kann.

Damit kommen Sie jetzt zurecht?

Wenn das digitale Lernen nicht richtig vorbereitet wird, kann das eigentlich gar nicht funktionieren, denke ich. In der letzten Woche vor den Osterferien, als die Schulen ja schon geschlossen hatten, habe ich jedenfalls alle meine Schüler zu einer Videokonferenz eingeladen.

Wie lief das?

Erst einmal müssen Sie ja von allen Eltern eine schriftliche Einverständniserklärung einholen. Also habe ich alle Mütter und Väter, deren Mail-Adressen auf der Klassenliste standen, angeschrieben. Von 18 Eltern war bei fünf Schweigen im Walde; keine Ahnung, ob die meine Mails nicht lesen oder ob sie Schule überhaupt nicht interessiert. Tatsächlich online waren dann sechs Schüler von achtzehn.

Wie war der Unterricht ?

Immerhin konnte man sich sehen, und das funktionierte auch ganz gut. Ich hatte für alle Arbeitsblätter mit Aufträgen erstellt, so Forschungsaufgaben. Die Kinder sollten mal in die Küche gehen und eine Zwiebel aufschneiden, um sich anzuschauen, wie die innen aussieht. Oder sich an einem Baum im Garten oder an der Straße ein Blatt abzupfen und aufschreiben, was für ein Baum das ist. Nach den Osterferien sollten sie dann noch ein zweites Blatt vom gleichen Baum pflücken, damit sie sehen, dass da etwas wächst.

Und?

Nach den Osterferien haben wir die zweite Videokonferenz gemacht, da waren noch fünf Schüler online. Vier davon hatten die Zwiebel aufgeschnitten, und eines hatte tatsächlich zweimal ein Blatt gepflückt. Die meisten hatte der Stoff gar nicht interessiert, es ging viel mehr darum, dass sie ihre Freunde mal wieder treffen wollten und dass es zu Hause so langweilig sei. Technisch lief beim zweiten Mal auch nicht alles rund, da war immer wieder mal das Bild oder der Ton weg, wurde alles schwarz, keine Ahnung, warum. Vielleicht war das Netz überlastet, weil ja auch die Studenten wieder Onlineseminare hatten.

Wie sind die Erfahrungen Ihrer Kolleginnen und Kollegen?

Das Gleiche. Wenig Interesse, eine schlechte Verbindung. Viele meiner Kollegen haben es schon aufgegeben, sie kennen sich nicht wirklich aus.

Wie groß ist Ihr Frust?

Wirklich gut lief es eigentlich nur bei einem Kind, das im Heim ist. Darum kümmerten sich die Erzieher, anders als in vielen Familien. Von dort kommt auch keine Nachfrage vonseiten der Eltern dazu, wie es in der Schule denn so funktioniert. Wir müssten wahrscheinlich zu den Leuten nach Hause fahren, zumal viele Kinder in prekären Verhältnissen leben, da schallert’s sicher auch mal, wenn Eltern und Kinder die ganze Zeit aufeinanderhängen. Aber ehrlich gesagt fehlt mir da auch das Engagement, überall hinzufahren.

Glauben Sie, dass es bald besser wird?

Wo soll das hinführen, wenn das noch länger dauert? Wir dürfen keine Noten geben, um wenigstens damit zu motivieren. Da werden doch ganz viele Kinder abgehängt, und die wenigen, die sich noch für Schule interessieren, langweilen sich, weil es kaum vorangeht mit dem Stoff. Was Neues machen darf man ja auch nicht, solange die Schüler nur zu Hause sitzen. Den Kindern fehlt einfach die Präsenz des Lehrers und der Lehrerin. Zu Hause fühlen sie sich in einem geschützten Raum, sind unaufmerksam, reden vor dem Bildschirm alles mögliche. Ich denke, meine Schüler lernen zu Hause in Naturwissenschaften bis zu den Sommerferien nichts mehr.

Interview: Peter Hanack

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