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Vom Mensch zur Kuh, das ist an den närrischen Tagen möglich.

Fastnacht

Höhepunkt des Frohsinns in Oberursel

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Zehntausende jubeln beim Taunus-Karnevalszug, der kaum politisch wurde.

Im Jahr eins danach hat Donald Trump schon ausgedient. Ein Auslaufmodell im Zug der Narren und am Straßenrand. Im vergangenen Jahr noch war der Meister aus Amerika mit seiner Frisur vielfach präsent beim Taunus-Karnevalszug, nun war der zur Comic-Figur mutierte US-Präsident nicht mehr zu sehen. Die Weltpolitik im närrischen Diskurs eher rar, wenn es da nicht die Oberurseler Gruppe „Maasgrunder Entenbrüder“ gebe, die den Brexit aufs Korn nahmen und den bevorstehenden Abschied von der geliebten Städtepartnerschaft mit dem britischen Rushmoor beweinten. „Bye, Bye Rushmoor“, eines der wenigen politischen Themen beim Gipfeltreffen der Hochtaunus-Narren, das mit 191 Zugnummern einen Längenrekord aufstellte.

In der närrischen Szene gilt der Orscheler Zug als absoluter Höhepunkt des Frohsinns. Da kommt man auch, wenn es just zum Beginn des Umzugs regnet und die heimische Badewanne vielleicht mehr Frohsinn verspricht. Mehrere Zehntausend Menschen waren es wohl wieder am Straßenrand zwischen Rahmtor, Historischem Marktplatz und Polizeistation am westlichen Stadtausgang. Zum Jubeln gekommen, sich selbst und „all die annern“ zu feiern mit der neuesten Partymusik und ollen Kamellen, die sonst schon keinen mehr hinter dem Ofen vorlocken.

Auch die Polizei wurde aufs Korn genommen.

Narrhallamarsch und ein dreifach donnerndes „Orschel Helau“ an allen Hot-Spots mit Moderation für all die närrischen Vereinigungen, die sogar den Taunuskamm überwunden haben, um im Zentrum der Narretei dabei zu sein. Wehrheimer „Limes-Krätscher“ waren dabei und Usinger Usa-Elfen, der Bad Homburger Oberbürgermeister wurde als „Superman“ neben dem Hochtaunus-Landrat gesichtet, Frankfurt und Offenbach schickten Abordnungen, die „Ausländer“ beherrschten die erste Hälfte des närrischen Lindwurms. Bei der Großdemonstration vor fröhlich-buntem Publikum dabei zu sein, lockt auch Gugge-Musiker wie die „Kinziggeister“ in den Taunus.

Die Idee, den Zug sozusagen von vorne nach hinten rückwärts aufzurollen, findet inzwischen immer mehr Freunde. Die Party findet auch dort statt, wo die Akteure sich eigentlich nur aufstellen, bevor sie in den offiziellen Kurs einsteigen. Wo die Nr. 1 das Feld von hinten aufrollt, an allen anderen vorbeizieht und sich perfekt warmlaufen kann für die eigentliche Show vor der Ehrentribüne mit den Punktrichtern am Marktplatz. Da trifft man den „Orscheler Apfelweinkönig“, der sein „Stöffche“ unters Volk bringt, dort trinken die Ratsherren noch einen Wodka oder einen Genever mit alten Kumpels am Wegesrand, in Hauseinfahrten und am Straßenrand wird ortsüblich gefeiert und jeder Vorbeikommende wird gerne auf einen Trunk eingeladen.

Die Stimmung am Epinay-Platz in der Mitte der Stadt muss man mögen, um sie länger als zwei Minuten auszuhalten. Dort trifft sich das Jungvolk, im Volksmund wird schon despektierlich vom „Alkoholiker-Jahreskongress“ geredet. Ein Platz überreichlichen Alkoholgenusses unter Teenagern ist es geworden, entsprechend hoch ist hier das Aufmerksamkeitslevel der Sicherheitskräfte. Ein paar ganz oben auf dem Lastwagen des Technischen Hilfswerkes mit Rundumblick wie bei einem politischen Gipfeltreffen. „Alles im grünen Bereich“, beruhigt einer, die Alkoholleichen am Wegesrand werden als Kollateralschaden verbucht.

Am Marktplatz sitzt der „American Jesus“ wie alle Jahre auf seinem Torpfosten und schwenkt sein mit kleinen Stars&Stripes-Fähnchen geschmücktes Kreuz. Wie immer in kurzen Hosen, mit Brusthaar-Toupet auf nackter Haut und im Boxerkittel. Sein Mantra, ohne zu sprechen: Peace!

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