Offenbach

Höhen und Tiefen der Kunst

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Das Neujahrsvarieté im Capitol-Theater erzeugt Staunen und Unmut beim Publikum. Der Moderator kommt mit seiner Art nicht bei allen so gut an.

Anna Shalamova geht nicht auf die Bühne. Sie schwebt. Hoch oben über den Showbrettern hängt ihr Luftring nur an einem Seil. Ihr Körper gleitet an dem wackligen Reifen von einer akrobatischen Figur in die nächste. Sie beherrscht ihre Bewegungen ebenso wie das Publikum des Neujahrsvarietés in Offenbach. Alle Augen im ausverkauften Capitol-Theater sind am Samstagabend auf die begnadete Artistin gerichtet. Von Fleiß und Kraft ist nichts zu sehen. Shalamova präsentiert märchenhafte Eleganz beim siebten Neujahrsvarieté in Offenbach.

Ihre Nummer ist vorbei und es geht zurück auf den harten Boden der Tatsachen. Dort bewegt sich Moderator Robert Woitas deutlich weniger elegant.

Woitas beweist die Tiefen seiner Moderationskunst als er das Publikum in „Gruppe 1“ und „Gruppe 2“ unterteilt, um dann in Ferienclub-Animateur-Manier den Applaus anheizen zu wollen. Wer sich zwischen den goldenen Ornamenten und im samtigen Rot des Capitol-Theaters wie in den eleganten 1920er-Jahren der Fernsehserie „Babylon Berlin“ fühlt, wird von Woitas aus seinen Träumen gerissen. „Er wollte ihr einen Softdrink kaufen, aber sie wollte lieber eine Latte“. Hier und da lautes Lachen, in vielen Reihen betretenes Schweigen.

Nicht viel anders der Umgang mit einer folgenden Magier-Show. Die zwei Assistentinnen von Magic Man Willi Auerbach scheinen aus nichts als breitem Lächeln, nackten Beinen und tiefem Dekolleté zu bestehen. „Kannst du nicht mal eine von denen abgeben?“, will Moderator Woitas, angeblich um das Vergnügen des männlichen Publikums besorgt, wissen. „Nein, aber ich könnte ja eine zerteilen.“ In der Pause ist viel Unmut zu hören. Die Gäste, so hat es den Eindruck, haben sich nicht herausgeputzt, um sich dann mit sexistischer Grütze zu besudeln. Entsprechend wird Woitas mit missmutigem Murren, Buhrufen und einigen Beleidigungen zurück auf der Bühne empfangen. Er behält die Fassung und gibt die nächste Frauengeschichte zum Besten.

Das Duo Anastasiya und Yulia nimmt das Publikum wieder mit in die fantastische Welt des Varieté. In ihrer preisgekrönten Equilibristik-Show verdrehen und verrenken die Schwestern ihre Körper. Wem hier welche Gliedmaßen gehören, ist schwer zu beantworten. Auf den Händen stehend strecken sie die Füße den Rücken entlang zum Kopf. Ihr Lächeln wirkt sanft, sie scheinen problemlos in der Balance zu bleiben. Nur ein leichtes Wackeln verrät wie viel Körperbeherrschung solche Leistungen abverlangen.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer honorieren die fließenden Bewegungen und standfesten Figuren der Artistinnen mit erstaunten Ohs und Ahs.

So verzaubern die Künstlerinnen und Künstler dem Moderator und seinen recycelten Wortwitzen zum Trotz ihre Gäste an diesem Varietéabend.

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