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Was bis Freitag noch Inventar von Cafés und Kneipen war, ist jetzt Sperrmüll. Alles ist von einem feinen, braunen Schlamm überzogen, der in jede Ritze kriecht.
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Was bis Freitag noch Inventar von Cafés und Kneipen war, ist jetzt Sperrmüll. Alles ist von einem feinen, braunen Schlamm überzogen, der in jede Ritze kriecht.

Büdingen

Hochwasser in Büdingen: Das Wasser ist weg, der Schaden bleibt

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Nach dem katastrophalen Hochwasser in Büdingen zeichnet sich der entstandene Schaden ab. Die Zerstörung ist groß - aber auch die Hilfsbereitschaft.

Dienstag, Tag vier nach der Katastrophe. Auf der Brücke, die über den Seemenbach zur Altstadt von Büdingen führt, steht ein weißer Pavillon auf der Fahrbahn. Zwei Männer in Warnwesten lassen nur Anwohner passieren und die Handwerker mit ihren Kastenwagen. Davor ein Schild: Zufahrt gesperrt. Hochwasser. Es regnet schon wieder.

Im kleinen Laden von Helga Fink reißen sie gerade die Dielen vom Boden. „Sehen Sie sich das an, sogar da drunter ist alles voller Schlamm, das muss alles raus“, sagt die 69-Jährige. Seit 30 Jahren verkauft sie im „Pünktchen“ in der Büdinger Neustadt Wohnaccessoires.

Als am Freitag das Wasser kam, hat die ganze Familie angepackt und so viel nach oben getragen, wie in der Eile möglich war. Die schweren Holzregale, die Theke, ein massiver weißer Schrank blieben im Erdgeschoss, standen fast einen halben Meter tief im Wasser, landen jetzt auf dem Schuttcontainer, wie sie zu Dutzenden überall vor den Häusern in den Altstadtgassen stehen. Die Heizung ist hinüber. „Hoffentlich zahlt die Versicherung, der Laden ist doch mein Leben“, sagt Helga Fink. Und dass sie weitermachen wird. Wenn alles wieder aufgeräumt ist.

Das Wasser kam schnell, sehr schnell. Tauwetter und der kräftige Regen hatten den Seemenbach bedrohlich anschwellen lassen. Die jahrhundertealte Sandsteinmauer, die die Altstadt vom Bachbett abschirmt, hielt den Wassermassen nicht stand, gab auf einer Länge von fünf oder sechs Metern nach, und die Fluten ergossen sich in die tiefer gelegenen Gassen, füllten Keller, umspülten Autos, fluteten Cafés, Kneipen, Geschäfte und brachten jenen feinen Schlamm mit sich, der in jede Ritze kroch. Das Wasser lief ab, der Schlamm blieb. Und die Zerstörung.

Etwa 200 Häuser müssen es sein, die direkt von dem Hochwasser betroffen sind, schätzt Bürgermeister Erich Spamer, der seit 2004 an der Rathausspitze steht. Getroffen ist das Herz des mittelalterlichen Städtchens, die Altstadt mit ihren 156 Fachwerkhäusern, die Vor- und Neustadt, Bahnhofstraße, Berliner Straße, die etwas außerhalb gelegene Eberhard-Bauner-Allee.

Der steinerne Boden des Heuson-Museums ist blank gewischt, die untersten Fächer der Vitrinen sind ausgeräumt. Aus der weit geöffneten Tür dringt eine klamme Feuchtigkeit nach draußen. Nicht weit davon, direkt am historischen Marktplatz liegt das Café von Sylvia Kleudgen. „Das alte Kännchen“ haben sie und ihr Mann erst im Juli vergangenen Jahres eröffnet in dem Haus, das sie Ende 2019 kauften. „Wir hatten ein paar Wochen auf, dann kam der zweite Lockdown wegen Corona – und jetzt das“, erzählt sie. Und untertreibt, wenn sie sagt: „Es hat uns schon ziemlich blöd erwischt.“

Die achtjährige Tochter half, möglichst viel vom Inventar nach oben zu schleppen, ins Obergeschoss, wo die Familie wohnt. Der Rest ging unter. „Die Heizung ist abgesoffen, alle elektrischen Geräte sind kaputt, der Sicherungskasten ist abgebrannt“, berichtet Sylvia Kleudgen. Keine Heizung, kein Warmwasser, kein Strom. So haust die Familie seit Freitagnacht. „Es ist kalt, es ist nicht gemütlich, aber es geht“, sagt Kleudgen. Und hofft, dass wenigstens eine Notheizung schnell zum Laufen gebracht werden kann. „Sonst frieren uns beim nächsten Frost alle Wasserleitungen auf.“

Für Sylvia Kleudgen werden erst die nächsten Wochen zeigen, ob es weitergehen kann mit dem „Alten Kännchen“. Was die Versicherung zahlt, wie hoch der Schaden überhaupt ist. „Bei uns klemmen seit Freitag alle Türen“, sagt sie. Wenn sie zu allem Unglück auch noch Pech haben, dann hat sich das Fachwerkhaus durch den Einbruch des Wassers gesenkt. Was das bedeutet, will sie sich noch gar nicht ausmalen. „Ich bin“, sagt sie, „zurzeit noch nicht entscheidungsfähig.“

Erst einmal muss der Schutt aus der Wohnung, der Schlamm. Ganze Berge von Sperrmüll liegen überall herum, Sperrmüll, der bis vor ein paar Tagen noch das Innenleben von Wohnungen und Geschäften war. Polstersofas, Tische, eine Registrierkasse, hier eine Stehlampe, dort eine Heimorgel mit zwei Manualen, unzählige Stühle, Regale, Neonleuchten. Ein Schaufelbagger bugsiert eine Waschmaschine und einen Trockner auf die Ladefläche eines Lastwagens, auf dem schon rund ein Dutzend weitere Elektrogroßgeräte stehen, die nun Schrott sind.

„Bis Donnerstag wollen wir alles abgefahren haben“, sagt Bürgermeister Spamer. Die Freiwillige Feuerwehr ist nahezu ununterbrochen im Einsatz, die Leute vom städtischen Bauhof schieben Sonderschicht auf Sonderschicht, unter den Helfer:innen sind viele Freiwillige, die ihren besonders schwer getroffenen Nachbarn beistehen. Das Rote Kreuz hat ganze Lastwagenladungen an Trocknungsgeräten angekarrt, die an diesem Dienstagnachmittag verteilt werden.

Berge von Schutt und Abfall. Seit Tagen wird geräumt, bis Donnerstag soll alles weg sein.

„Die Hilfsbereitschaft ist immens, wirklich großartig“, sagt Wiebke Mayer. Sie steht an dem Stand, der vor dem Haus der evangelischen Kirchengemeinde aufgebaut ist. Hier gibt es heiße Getränke, Obst, Kreppel, Schokolade, etwas Warmes zu essen für die, die aufräumen oder in ihren Häusern ohne Küche und Strom sitzen. „Es rufen ständig Leute an, die auch etwas spenden oder mit anpacken wollen“, erzählt die Gemeindesekretärin.

Die Hainmauer am Seemenbach gab den Wassermassen nach. Jetzt steht dort eine Notmauer.

Derweil ist auf der politischen Ebene Streit entbrannt, wer an dem Unglück schuld sei. Bürgermeister Spamer, der den Freien Wählern angehört und dieses Jahr wiedergewählt werden will, verweist auf den Wasserzweckverband Nidder-Seemenbach, dem auch Büdingen angehört. Dort habe er, sagt er, immer wieder angemahnt, mehr für den Hochwasserschutz zu tun. Spätestens seit 2003, als die Stadt noch knapp an der Katastrophe vorbeischrammte, sei klar gewesen, dass etwas passieren müsse. Doch geschehen sei nichts.

Freiwillige wie Christian Gerhardt und Lea Salathé verteilen heiße Getränke und etwas zu essen.

Joachim Arnold, ehemaliger Landrat des Wetteraukreises und Vorsitzender des Zweckverbands, will das nicht auf sich sitzen lassen. Für die Gefahrenabwehr sei zuerst der Bürgermeister zuständig, sagt er. Immerhin: Nun soll ein weiteres Regenrückhaltebecken gebaut werden, oberhalb Büdingens. Wenn es schnell geht, ist das in fünf Jahren fertig. Mit etwas Glück bleibt der Seemenbach bis dahin in seinem Bett.

„Der Laden ist mein Leben. Wenn alles aufgeräumt ist, mache ich weiter.“ - Helga Fink, Ladeninhaberin
„Die Hilfsbereitschaft ist immens. Ständig rufen Leute an, die etwas spenden oder selbst anpacken wollen.“ -
„Wir wissen noch gar nicht, wie hoch der Schaden tatsächlich ist. Im Haus klemmen sämtliche Türen. Vielleicht hat es sich gesenkt.“ - Sylvia Kleudgen, Cafébesitzerin

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