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Was am Ast hängt oder im Gras liegt – in Bad Homburg herrscht nun Gewissheit.

Bad Homburg

Zukunft für „Gloria Mundi“

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Die Obstbaumkartierung soll dem Erhalt seltener Äpfel und Birnen ermöglichen. Erste Nachpflanzungen sind schon geplant.

Wird euch langsam namenlos im Munde? / Wo sonst Worte waren, fließen Funde.“ Schon Dichterfürst Rilke hat umschrieben, was heute im Streuobstbezirk alltäglich ist. Viele der reifenden Früchte werden ohne Kenntnis ihrer überlieferten Namen verwertet.

Ein Umstand, der für die Bad Homburger Obstflächen nicht mehr zutrifft. Herbsterkundungen in zwei aufeinanderfolgenden Jahren haben an den Tag gebracht, was auf den Gemarkungen Wingert, Platzenberg und Kirdorfer Feld am Ast hängt. Nun hat der im Auftrag des Magistrats agierende Pomologe Werner Nussbaum die Ergebnisse der 2018er Recherche bekannt gegeben.Die wochenlange Arbeit des sechsköpfigen Expertenteams gipfelt in dem Resümee: „Im Gegensatz zu anderen Kartierungen im Bereich Rhein-Main zeigt sich in Bad Homburg eine weit größere Vielfalt des Sortenspektrums bei allen Obstarten.“

Auf den 30 erfassten Wiesenhektar des Kirdorfer Feldes finden sich neben den prozentual vorherrschenden „Schöner von Boskoop“, „Rheinischer Bohnapfel“ und „Schafsnase“ auch an Einzelbäumen gedeihende Seltenheiten. Zu den 29 gefundenen Raritäten gehören zum Beispiel „Gloria Mundi“, „Französische Goldrenette“ oder „Doppelter Prinzenapfel“. Während das Apfel-Kontingent mit 2670 Bäumen klar überwiegt, gebührt der Birne mit 307 Exemplaren der zweite Rang im Kernobst-Segment. Innerhalb des 687 Bäume starken Steinobst-Sektors liegen Zwetschge und Kirsche vorne – immerhin wurden auch zwei Renekloden und eine Aprikose gesichtet. Dass sich daneben auch 70 Mal die Walnuss zeigt, soll nicht unterschlagen werden. „Bei 992 Bäumen konnte die Sorte nicht ermittelt werden“, heißt es zudem im Bericht.

Demgegenüber lassen sich 126 verschiedene Apfel- sowie 30 Birnensorten identifizieren. „Die Biodiversität“, so Nussbaum, „ist damit erheblich.“ Der Baden-Württemberger Pomologe Hermann Schreiweis konnte vier seltene Birnen nachweisen: Neben „Gute Graue“ und „Sommermuskateller“ auch „Esperens Bergamotte“ und „Andenken an den Kongress“. Mehrfach präsent sind im Außenbezirk von Kirdorf dagegen „Gellerts Butterbirne“ oder „Gräfin aus Paris“.

Jedenfalls verweist die überragende Bedeutung des örtlichen Apfelanbaus laut Fachmeinung auf ein Gebiet, das als „Apfelweinhochburg“ zu charakterisieren ist. Den pomologischen Arbeitsaufwand lässt sich die Stadtverwaltung etwas kosten: 16 200 Euro schlägt für die Kirdorfer Kartierung zu Buche, rund 7000 Euro sind für Wingert- und Platzenberg-Exkursion anzuweisen. „Die Erkenntnisse stellen für uns eine wertvolle Arbeitsgrundlage dar“, so Doris Klenk vom Fachbereich Umwelt- und Landschaftsplanung. Mittels der digitalen Erfassung kommen die Daten einzelner Baumstandorte dem im Rathaus verwalteten geografischen Informationssystem „GeoAs“ zugute. Es sei nun möglich, detaillierte Aussagen zu den Homburger Streuobstarealen zu treffen.

Weit mehr als ein Nebeneffekt ist die Entdeckung rarer Sorten. Von diesen sollen Reiser genommen und „Sortenerhaltungspflanzungen“ initiiert werden. „Eine erste solche Pflanzung möchten wir noch im laufenden Jahr auf einer kommunalen Fläche realisieren.“ Wer Parzellen mit Obstbäumen besitzt und Interesse an den Kartierungserkenntnissen hat, kann sich mit Doris Klenk (doris.klenk@bad-homburg.de) in Verbindung setzen.

Fortan sind Aussagen zu dem, was Rainer Maria Rilke mit „sonnig, erdig, hiesig“ bezeichnet, für das Bad Homburger Obstland leicht zu treffen. Die Forderung des Dichters findet vor der Saalburghöhe ihre Erfüllung: „Wagt zu sagen, was ihr Apfel nennt“.

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