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Zeitumstellung für Kühe problematisch

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Von: Olaf Velte

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Kurze Nacht, weniger Milch: Kühe im Melkstall des Ober-Eschbacher Lindenhofes.
Kurze Nacht, weniger Milch: Kühe im Melkstall des Ober-Eschbacher Lindenhofes. © Michael Schick

Die Uhr ist mal wieder umgestellt worden. Das macht auch den Tieren zu schaffen. Durch die Zeitumstellung ist der Rhythmus von Milch- und Federvieh aus dem Takt.

Es ist diese verfluchte Stunde, die fehlen wird. Sechzig entschwundene Minuten, die Nerven strapazieren, Kreis- und Tageslauf ins Chaos stürzen. Dass der Christenheit heiterstes Fest beginnt, spielt keine Rolle mehr. Weitaus schwerer wiegt die nächtliche Umstellung der Zeit, diese rabiate Mobilmachung der Sommerzeit. Da wollen Müdigkeit und schlechte Laune nicht weichen, können Osterglocke, Osterei und Osterlamm keine Erleichterung bringen.

Auch der Gang in den Stall birgt wenig Erbauliches. Hier leben die feinfühligeren Wesen, unsere Kühe, das liebe Milchvieh. Friedrich Nietzsche, der ein kluger Mann war, schrieb einmal: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“ Am Morgen nach der Uhrumstellung liegen die Wiederkäuer noch immer, schenken dem viel zu früh auftretenden Hofherr aber wenig Beachtung. Sie sind nicht bereit zur Milchabgabe, nicht zu dieser teuflisch dunklen Stunde.

„Die sind dann noch in der Ruhephase und dösen in den Boxen“, sagt Frank Hammen vom Wehrheimer Oranienhof. Selbst der Zeitumstellung innerlich abhold, bringt er seiner Hundertschaft Kuhdamen vollstes Verständnis entgegen. Unter normalen Bedingungen startet hier der Tag um 5.30 Uhr. „Um die Unruhe nach der Verschiebung einzudämmen, beginnen wir in den ersten beiden Tagen etwas später im Melkstand.“

„Zeitvermittlung“ ist auch die Strategie im Hofgut Hohenwald bei Oberhöchstadt, wo die Melker ihre 130 Tiere ab 6 Uhr mit den neuen Sommersitten bekannt machen. „Die Gewöhnung“, sagt Landwirt Wolfram Meyer, „dauert drei bis vier Tage.“ Tage, an denen morgens weniger Milch durch die Schläuche läuft. Zur abendlichen Melkstunde gleicht sich der Verlust in der Regel wieder aus. „Auf die Milchmenge wirkt es sich generell kaum aus.“

Kühe warten brüllend

Im Ober-Eschbacher Lindenhof behält Eckhard Rieß den Elf-Stunden-Rhythmus bei. Seine 35 Kühe leiden eher beim Rückdrehen der Uhren im Herbst. „Wegen der zusätzlichen Stunde warten sie morgens brüllend und mit vollen Eutern auf das Melken.“ Da sei eine Woche voller Turbulenzen vorprogrammiert. Die von Nietzsche ins Spiel gebrachte „Lässigkeit“ kann sich jedenfalls schnell ins Gegenteil verkehren.

Das vor 10 000 Jahren domestizierte Hausrind: Nach Frank Hammen ein Wesen mit „starren Eigenheiten und Gewohnheiten“, eine Kreatur in völliger Abhängigkeit von Menschenwelt und -willkür.

Sogar für ihren aus Schrot, Silage, Mineralfutter und Heu bestehenden „Eintopf“ werden sie am Ostersonntag weniger Fresszeit haben. „Die Uhrumstellung gehört aus tierschutzrechtlichen Gründen verboten“, so der Wehrheimer Milchbauer.

Noch sensibler reagiert das Federvieh im Oberhöchstädter Hühnerstall. Keine Zeitveränderung trübt die Produktion von rund 8500 Eiern pro Tag – jeder Tag beginnt mit der ersten Lichtgabe um 6 Uhr und dem Anlaufen des Futterbandes. „Immer Sommerzeit“, so Hohenwald-Chef Meyer. Kaum ist die Gabe aus Weizen, Soja, Kalk und Mais offeriert, werden die Nester zur Eiablage aufgetan. Die Bodenhaltungs-Hühner-Schar sei sehr empfindlich und brauche klare Abläufe.

Während die wenigen freilaufenden Artgenossinnen ihr Tagwerk weitgehend selbst organisieren, muss das Hallen-Huhn mittels Zeitschaltuhr im Rhythmus gehalten werden. Impulsgeber ist stets das Licht, das unabhängig von allen Uhrzeigerverschiebungen scheinen darf.

Dass die zentraleuropäische Gemeinschaft ab morgen mit einer Stunde zusätzlicher Helligkeit geehrt wird, erfreut zumindest die Schwalben. Die eleganten Luftsegler zieht es mit Macht ins hiesige Brutrevier, wohl wissend um die langen, hellen Abendstunden.

Ausreichend ist nun die Zeit, um genügend Futter zur Bestandssicherung zu erbeuten. – Und der Landwirt? Er werkelt unterm Schwalbenflug, bis die Nacht hereinbricht.

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