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Wie weiße Blüten wirken die vielen Wunschzettel.

Bad Homburg

Wünschen bis sich die Äste im Bad Homburger Kurpark biegen

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„Wish Trees“ von Yoko Ono sind Publikumsmagnet bei den „Blickachsen 12“. Jeder darf hier wünschen, was er will. Auch wenn das „krass“ ist.

Ich bin wunschlos glücklich“ steht auf einem der Kärtchen mit Bändchen, mit dem es an einem Baum befestigt werden kann. An einem „Wish Tree“, einem Wunschbaum, aus der Kunstwelt der Yoko Ono. Wie weiße Blüten bedecken die beschriebenen Wunschzettel das Blattwerk im Landgräflichen Schlossgarten zu Bad Homburg. Wie die 86-jährige Yoko Ono es sich gewünscht hat.

„Keep wishing …“, so steht es in der poetischen Künstleranweisung, das Gesamtkunstwerk entsteht im Kopf des Betrachters. Jeder kann das Werk ein Stück weiterentwickeln. Wie es geht, beschreibt die Konzept- und Performancekünstlerin auf einem schlichten Schild in zierlicher Schrift. „Keep wishing“, bis die Äste sich biegen unter der Last der Wünsche und der Wind sie davontragen kann.

„Die Bäume warten auf Wind, damit die Wünsche das Universum erreichen“, sagt eine Frau, die so anonym bleiben will, wie ihr Wunsch es sein soll. Viele Leute, sagt sie, richten ihre Wünsche ans Universum. Ihr Hoffen auf ein kleines Glück, auf ein bisschen Weltfrieden und liebende Zuneigung in froher Gesundheit. Im frischen Morgenwind scheinen die Bäume diese Wünsche zu flüstern.

Groß ist der Herrschaftliche Obstgarten der früheren Landgrafen am Rand des Schlossparks. Kaiser Wilhelm II. ließ sich einst seinen geliebten Kartäuserapfel von hier nach Berlin schicken, heißt es. Auf rund 10 000 Quadratmetern haben ihn die heutigen Schlossgärtner um ihren Meister Peter Vornholt vor 15 Jahren weitgehend nach historischem Vorbild wiederhergestellt. Und 100 neue Hochstämme gepflanzt, die schon kräftig tragen. Äpfel vor allem, Birnen, Pflaumen und im Zusammenhang mit der international renommierten „Blickachsen 12“-Ausstellung jetzt auch Wünsche.

Nicht einen Wunschbaum hat Yoko Ono hier inszeniert, es ist eine richtige „Wish Tree“-Plantage geworden. Ein Hotspot der Blickachsen, die Wunschwelt an den Bäumen spricht unglaublich viele Sprachen auf kleinen flatternden Zetteln.

Wer die „Blickachsen“besuchen möchte, muss sich beeilen. Die kostenfreie Schau ist noch bis 6. Oktober zu sehen. Die meisten der 60 Werke von 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern befinden sich in Kur- und Schlosspark Bad Homburg. Weitere Standorte sind der Campus Westend der Frankfurter Universität, Bad Vilbel, Eschborn , das Kloster Eberbach, und das Schlosshotel Kronberg. twe

Weitere Infos: www.blickachsen.de

Viele Wünsche sind längst verblasst durch Sonne, Wind und Regen, unleserlich geworden. Andere, vom Winde verweht, liegen zwischen den Bäumen im Gras. Das Laub vergilbt, verwelkt und fällt, die Wünsche bleiben. Am Pflaumenbaum wünscht sich jemand „Pflaumen für Oma Waltraud“, ein anderer eine „schöne bunte große Pfauenfeder“. An der „Goldrenette von Blenheim“ hängt nur ein einziger Wunsch, aber auch der ist wichtig. Nilgänse flanieren friedlich vorbei, Enten quaken am Schlossteich, eine junge Frau meditiert unter einem Baum. Die Verkehrsader, die am Schlosspark vorbeiführt, ist nah und laut und doch weit weg. Jeder, der hier vorbeikommt, bleibt stehen, liest, fügt meist einen Wunsch hinzu.

B. ist bescheiden, wünscht sich nur „ein kaltes Bier“. Nina (9) wünscht sich eine „Fischotterfamilie für den Schlossgartenteich“, eine Mutter eine „gesunde Schwangerschaft für ihre Tochter“, einer träumt von „endlosen Sommerferien und einer Welt ohne SUVs“. Den „Mut, meinen Ängsten zu begegnen“, wünscht sich jemand, immer wieder ist es der Wunsch nach einem gesunden langen Leben in Frieden und Freude mit der Familie. F. hat einen ganzen Liebesbaum mit unzähligen Liebesschwüren behängt. „Krass, was ich alles für dich machen würde“ steht auf einem der Zettel.

Zensiert wird nicht, hier darf jeder wünschen, was er will. Nichts kommt weg, alles wird bewahrt bis zum Finale am 6. Oktober. Auch die Schlossgärtner hüten sich, in die Kunst einzugreifen, sagt Mark Winzer vom Team der Schlossparkpfleger.

„Die Pflege läuft weiter, wir mähen, sammeln das Obst auf, kümmern uns wie immer, für die Kunst sind andere zuständig.“ Etwa Blickachsen-Gründer und Kurator Christian Scheffel, der Bad Homburger Galerist. Er selbst ist schon gesehen worden beim Auffüllen der Zettelreserve am Stehpult.

Der Geist aller Wünsche soll demnächst aufsteigen. Wie all die anderen Wünsche, die Yoko Ono seit 1996 mit ihrem fortlaufenden Projekt der Wunschbäume gesammelt hat. Ihre beschriebenen weißen Blüten haben schon in Kopenhagen und Washington, Liverpool und Hiroshima, Buenos Aires und Sydney, im Centre Pompidou in Metz und im Guggenheim-Museum zu Bilbao geblüht. Letztlich werden sie alle im „Imagine Peace Tower“ auf Island gesammelt.

Die Installation dort besteht aus einer Lichtsäule, die jährlich vom 9. Oktober bis zum 8. Dezember bis zu 4000 Meter in den Himmel aufsteigt. Mit ihr sollen alle Wünsche ins Universum gelangen. Die Daten markieren den Geburts- und Todestag von John Lennon. Am Apfelbaum „Schöner von Nordhausen“ wünscht jemand „Love, Peace and Hope, Happiness and Health – Stay hip, Yoko“.

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